Während akademische Antworten auf das Problemfeld Visualität meist aus der Eingemeindung von Bildern in das Regime der jeweiligen Disziplin bestehen, soll die Forschungsstelle Visuelle Kultur neue Themen besetzen, Methodologien entwickeln und die gestalterische Praxis als Bestandteil einer "Trans-Disziplin" (im Sinne anglo-amerikanischer Visual Culture Studies) integrieren.

Die Fakultät Gestaltung ist der Ort zur Erprobung neuer Formen des Forschens (»artistic research«, »project-based research«) und des wissenschaftlich-künstlerischen Umgangs mit Problemlagen von Visualität in den Forschungsfeldern zu Kunst, Produktdesign und grafischer Gestaltung. Im Fokus steht hierbei die Erarbeitung und Anwendung qualitativer Methodologien in der Visualitätsforschung.

Forschungsfelder

Die Forschungsstelle Visuelle Kultur wird in zunächst 3 Kernfeldern zuarbeiten:

  • Visuelle Stereotypenforschung und visuelle Kompetenzentwicklung
  • Erschließung und Publikation neuer Quellen zurGeschichte der visuellen Kommunikation 
  • Experimentelle Ausdrucksmodalitäten (künstlerische Forschung)

Schriftenreihe

Die Schriftenreihe Forschung Visuelle Kultur erscheint im Avinus-Verlag (Berlin). Bisher erhältlich:

Wilhelm Ostwald. Farbenlehre, Formenlehre. Eine kritische Rekonstruktion.

Cover: Adaption aus Wilhelm Ostwald: Farbenfibel, »Dreiklänge«, Leipzig 1917; © AVINUS Verlag, Hamburg 2017
Cover: Adaption aus Wilhelm Ostwald: Farbenfibel, »Dreiklänge«, Leipzig 1917; © AVINUS Verlag, Hamburg 2017

Wilhelm Ostwald (1853–1932) beschäftigte sich als Chemiker auch mit den wissenschaftlichen Grundlagen der Visuellen Kommunikation, er entwickelte eine physikalische Farbenlehre sowie eine weniger bekannte Formenlehre. Es ging um die Erforschung der materiellen Quellen der Kunst, um die »Harmoniegesetze« von Farbe und Form, um universale Ordnungsgesetze und Typisierungen.

Mit Beiträgen von Thomas Hapke, Markus Krajewski, Rolf Sachsse, Karl Schawelka, Gunnar Schmidt, Jan Willmann


Wilhelm Ostwald. Farbenlehre, Formenlehre. Eine kritische Rekonstruktion.

Herausgeber:
Frank Hartmann 

ISBN:
978-3-86938-090-2

Umschlag:
Adaption aus Wilhelm Ostwald: Farbenfibel, »Dreiklänge«, Leipzig 1917

Redaktionelle Mitarbeit:
Pierre Kramann-Musculus

Satz und Umschlaggestaltung:
Linda Kutzki

Verlag:
AVINUS Verlag, Hamburg 2017

Preis:
30 Euro

Sachbild und Gesellschaftstechnik

Buchcover zur Publikation
Abbildung: © AVINUS Verlag Berlin

Als Pionier der Visuellen Kommunikation hat Otto Neurath (1882-1945) grundlegende Ideen zur modernen Gestaltung von Bildstatistik entwickelt. Politik und Wirtschaft, aber auch Wissenschaft in einer Medienmoderne, die neue Visualitäten erlaubt, verlangen nach einer Bildersprache, die veränderten Ansprüchen und neuen Belangen genügt: Eine Gesellschaft, die sich in der globalen Medienkultur zunehmend visuell organisiert, braucht nicht nur Fotos, Filme und Illustrationen, sondern vor allem auch: Sachbilder, diagrammatische Darstellung und Verdeutlichung.

Die Beiträge in diesem Band erforschen die Dimension der posttypografischen Form (Frank Hartmann), der soziologischen Grafik (Benjamin Benus), der Kartierung von Stadt (Sophie Hochhäusl), der Siedlungsbewegung (Nader Vossoughian), der Infografik im Film (Alexander Schwinghammer) und der gesellschaftlichen Relevanz und Evidenz von Infografiken (Yuri Engelhardt, Rolf F. Nohr) sowie der Lehren, die aus dem Isotype-System gezogen werden können (Robin Kinross).

Mit zwei Originaltexten von Otto Neurath (»Das Sachbild«, 1930 und »Statistische Hieroglyphen«, 1926) und zahlreichen Abbildungen.

Frank Hartmann (Hg.): Sachbild und Gesellschaftstechnik. Otto Neurath
Forschung Visuelle Kultur, Band 3
Hamburg: Avinus Verlag, 200 Seiten, 32 EUR

Vom Buch zur Datenbank

Buchcover zur Publikation
Abbildung: © AVINUS Verlag Berlin

Im zweiten Band der Schriftenreihe »Forschung Visuelle Kultur« geht es um eine medienarchäologische Neubewertung der Quellenlage zu Fragen der Wissensorganisation und Wissensvisualisierung anhand einer im deutschen Sprachraum fast völlig unbekannten Figur: Paul Otlet.

Otlet war ein belgischer Anwalt, der ab 1895 die »Universelle Dezimalklassifikation« für Publikationen entwickelte, das Prinzip »Dokumentation« neu definierte und im Rahmen einer Weltausstellung 1910 in Brüssel eine Datenbank betrieb mit dem Ziel, das Wissen der Welt zu vernetzen. Das Format des Buches und dessen Organisation in Bibliotheken schien ihm nicht länger angemessen, um das in modernen Zeiten relevante Wissen zu repräsentieren. Seine Idee, ein Medium jenseits des Buches zu schaffen, das durch telegraphische Vernetzung zur »Hyper-Intelligence« führen würde, waren der Technik seiner Zeit weit voraus. Er visionierte Jahrzehnte vor Web und Wikis ein anderes Lesen, und eine andere Wissensorganisation, die auf Bildschirmen jederzeitigen Zugriff ermöglichen würde.

Der vorliegende Band entstand in Kooperation von Frank Hartmann (Bauhaus-Universität Weimar) mit W. Boyd Rayward (University of Illinois), Charles van den Heuvel (Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften) und Wouter Van Acker (Universität Gent).

Frank Hartmann (Hg.): Vom Buch zur Datenbank. Paul Otlets Utopie der Wissensvisualisierung 
Forschung Visuelle Kultur, Band 2
Berlin: Avinus Verlag, 202 Seiten, 32 Euro

Vom Mikrofilm zur Wissensmaschine

Abbildung: © AVINUS Verlag Berlin

»Vom Mikrofilm zur Wissensmaschine« lautet der Titel der ersten Publikation der Forschungsstelle »Visuelle Kultur« an der Fakultät Gestaltung. Diese widmet sich einem vergessenen Pionier der Computergeschichte — Emanuel Goldberg.

Die von Prof. Frank Hartmann initiierte Forschungsstelle »Visuelle Kultur« an der Fakultät Gestaltung legt den ersten Band ihrer neuen Schriftenreihe vor. Dieser ist dem russisch-jüdischen Ingenieur Goldberg gewidmet, der bis 1933 Direktor von »Zeiss Ikon« war, einem einstigen technischen Entwicklungslabor in Dresden.

Goldberg war dort nicht nur für entscheidende Innovationen in grafischer Reproduktionstechnik, Fotochemie, Kameratechnik und Mikrofilm verantwortlich. Er baute neben der Contax Fotokamera und der Kinamo Filmkamera auch eine Mikrofilm-basierte Apparatur zur Archivierung und Wiederauffindung von Informationen, die er als „Statistische Maschine« patentieren liess.

In einer Kultur, aus der Computer und das Web mit seinen Suchmaschinen nicht mehr wegzudenken sind, mag es überraschen, dass die Frage wie es zu all dem kam, längst noch nicht beantwortet ist. Das ist auf eine lückenhafte Quellenlage zurückzuführen, und darauf, dass Ingenieure eher selten Texte publizieren.

Der Autor dieses Buches, Michael Buckland, hat mit akribischer Forschungsarbeit die medienarchäologische Quellenlage nachhaltig verändert. Sie rekonstruiert beispielhaft jene kleinen Optimierungsschritte, mit der sich die ingenieurtechnischen Grundlagen unserer visuellen Kultur formiert haben. Sie stellt den von der Technikgeschichte vergessenen Ingenieur Goldberg vor, einen ebenso begabten wie kreativen Menschen ganz auf der Höhe seiner Zeit, der aber auch von seiner Zeit verschluckt wurde.

Keine Technik bleibt frei von Zwängen aus Politik und Wirtschaft, und es ist ganz lehrreich zu verfolgen, wie es in diesem Fall zu einer Verzerrung der Wahrnehmung kam. Dramatisch vor allem, dass mit seiner auf Mikrofilm basierenden Wissensmaschine dann ein ganz anderer als Visionär des Informationszeitalters gefeiert wurde, nämlich Vannevar Bush 1945 mit seinem „Memex«. Davon hat Goldberg noch erfahren, als er sich längst schon in Palästina befand, wo er sein technisches Know-How für den Aufbau einer neuen Nation einsetzte — in Deutschland blieb er bislang ein Unbekannter.

Frank Hartmann (Hg.)  
Michael Buckland: Vom Mikrofilm zur Wissensmaschine. Emanuel Goldberg zwischen Medientechnik und Politik. 
ISBN 978-3-86938-015-5
Berlin: Avinus 2010, 380 S., 38,- Euro