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Erstellt: 04. Mai 2026

Auftakttreffen des ARL-Arbeitskreises „Wasser für wen? Wassergerechte räumliche Planung in der Klimakrise“

Wasserknappheit, Nutzungskonkurrenzen und Unsicherheit: Was noch vor wenigen Jahren als Ausnahme galt, wird zum Normalzustand der räumlichen Planung. Mit diesen Themen hat sich der neu gegründete Arbeitskreis „Wasser für wen? Wassergerechte räumliche Planung in der Klimakrise“ der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL) beim Auftakttreffen am 9. und 10. April 2026 in Weimar beschäftigt.

Wasserknappheit, Nutzungskonkurrenzen und Unsicherheit: Was noch vor wenigen Jahren als Ausnahme galt, wird zum Normalzustand der räumlichen Planung. Mit diesen Themen hat sich der neu gegründete Arbeitskreis „Wasser für wen? Wassergerechte räumliche Planung in der Klimakrise“ der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL) beim Auftakttreffen am 9. und 10. April 2026 in Weimar beschäftigt. Der Arbeitskreis hat zum Ziel, innerhalb dieser neuen Rahmenbedingungen die Kennzeichen einer wassergerechten Planung auszubuchstabieren und herauszuarbeiten, wie diese zur Planungspraxis werden können: Wie lässt sich Gerechtigkeit an der Schnittstelle von räumlicher Planung und Wasserversorgung unter den Bedingungen der Klimakrise verwirklichen?

Am ersten Tag des Treffens am Institut für Europäische Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar stellten die Mitglieder ihre jeweiligen fachlichen, institutionellen und räumlichen Perspektiven vor. Die Zusammensetzung des Arbeitskreises zeichnet sich durch eine große trans- und interdisziplinäre Bandbreite aus, die von Geographie, Soziologie und Raumplanung über Wasserwirtschaft bis hin zu Rechtswissenschaften reicht. Trotz – oder vielleicht sogar aufgrund – dieser Vielfalt zeigte sich ein gemeinsames Grundverständnis: Wasser wird als zentrale Querschnitts- und Verteilungsfrage räumlicher Planung betrachtet und die damit einhergehenden Gerechtigkeitsfragen als stärker zu thematisierende Dimension benannt.

Welche Herausforderungen birgt die neue Wasserfrage? Unsicherheiten gelten zunehmend als Normalzustand

In einem zweiten Teil wurden die Herausforderungen der neuen Wasserfrage diskutiert. War Wasser schon lange auch in Deutschland ein kontroverses Thema, etwa im Zuge umweltschädlicher Wasserförderungen oder der Privatisierungsstrategien um die Jahrtausendwende, so bringt die Klimakrise eine neue Zuspitzung: Nicht nur ist im Zuge der starken Trockenperioden der letzten Jahre Wasserknappheit in die öffentliche Debatte gerückt. Zugleich entwickelt sich der Rechtsrahmen der Klimaanpassung rapide weiter. Werden Wasserknappheit, Nutzungskonkurrenzen und Unsicherheiten zunehmend zum Normalzustand, so ergeben sich neue Herausforderungen für einen gerechten Umgang mit Wasser. In der Diskussion des Arbeitskreises zeigten sich in der Hinsicht Lücken in bestehenden Instrumenten – etwa mangelnde rechtliche Rahmenbedingungen, Datenverfügbarkeit oder fehlende Kooperationen zwischen verschiedenen Politikfeldern. Zentral für diese Fragen sind Governanceaspekte, denn Wasserfragen sind stark von Macht- und Wissenskonflikten geprägt. Die Diskussion zeigte, dass beispielsweise die Definition von Knappheit, die Verfügbarkeit von Daten oder Priorisierungsentscheidungen oft politisch umkämpft sind. Insbesondere die starke sektorale Fragmentierung sowie Spannungen zwischen administrativen und hydrologischen Räumen erschweren dabei eine gerechtigkeitsorientierte integrierte Steuerung. Diskutiert wurde auch der Bedarf an inklusiveren Formaten der Moderation und Aushandlung, etwa in Form von Wasserräten oder Runden Tischen. 

Von einer umweltgerechten zu einer wassergerechten Planung

Der zweite Tag begann mit zwei inhaltlichen Impulsen. Antje Bruns führte in das Konzept der Umwelt- und Wassergerechtigkeit ein. In der Diskussion wurde deutlich, dass Umweltgerechtigkeit sowohl als politische Forderung als auch als analytisches Instrument verstanden werden sollte. Gerechtigkeit wurde als zentrale Dimension der Arbeit des Arbeitskreises identifiziert, wobei neben der Verteilungsfrage verschiedene Dimensionen wie Verfahrens-, epistemische oder räumlich-territoriale Gerechtigkeit berücksichtigt werden sollen. Ergänzend wurde die Bedeutung von mehr-als-menschlichen Perspektiven hervorgehoben, die auch Ansprüche von Ökosystemen einbeziehen.

Lebhaft diskutiert wurde das Verhältnis zwischen „wassersensibler Planung“ und „Wassergerechtigkeit“. Während erstere auf eine stärkere Berücksichtigung von Wasserbelangen in Planungsprozessen abzielt, geht letztere darüber hinaus und stellt grundlegende gesellschaftliche Verteilungs- und Machtfragen ins Zentrum. Einigkeit bestand darin, beide Ansätze nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander zu verknüpfen. Ebenso wurde hervorgehoben, dass Priorisierungsentscheidungen unter Knappheitsbedingungen unvermeidlich sind und explizit entlang von Gerechtigkeitskriterien erfolgen müssen, auch unter Berücksichtigung zukünftiger Generationen.

Im zweiten Impulsvortrag stellte Gala Nettelbladt den Stand der Forschung zu Wasser und Planung vor. Dabei wurde deutlich, dass sich die Planungsforschung bislang stark auf Hochwasserschutz konzentriert, während Themen wie Dürre, Wasserknappheit und Nutzungskonkurrenzen unterbelichtet sind. Dies wurde als zentraler Arbeitsauftrag für den Arbeitskreis identifiziert. Breite Zustimmung fand der Vorschlag, die regionale Ebene als zentralen Untersuchungs- und Handlungskontext zu fokussieren, da hier unterschiedliche Ebenen, Akteure und Ressorts zusammenlaufen. Die anschließende Diskussion bestätigte zudem strukturelle Governance-Defizite, insbesondere durch sektorale Zuständigkeiten und mangelnde Koordination. Ein zentrales Problem wurde in der fehlenden Zielschärfe in aktuellen Klimaanpassungsmaßnahmen gesehen, etwa im Hinblick auf konkrete, raumspezifische und messbare Ziele. Konsens bestand darin, Wasserknappheit und konkurrierende Nutzungsansprüche als analytischen Kern zu setzen. Einigkeit bestand ebenso darüber, dass eine wassergerechte Planung auch positive Dimensionen von Wasser – etwa für Gesundheit, Lebensqualität oder lokale Gemeinschaft – stärker zu berücksichtigen.

Arbeitsprogramm: Kennzeichen und Praxis einer wassergerechten Planung

Abschließend wurde ein Arbeitsprogramm entworfen. Übergeordnetes Ziel ist es, die Kennzeichen einer wassergerechten Planung herauszuarbeiten und diese für wissenschaftliche und praxisnahe Zielgruppen aufzuarbeiten. In virtuellen und Präsenztreffen über die kommenden zwei Jahre werden dazu sechs thematische Schwerpunkte verfolgt: (1) die konzeptionelle Rahmung von Wassergerechtigkeit, (2) Leitlinien der Priorisierung von Wassernutzungen unter Knappheitsbedingungen, (3) zukünftige Infrastrukturen, (4) räumliche Spannungen zwischen verschiedenen Maßstabsebenen, (5) Fragen der Moderation und Demokratisierung sowie (6) die Rolle von Wissen, Daten und Macht. Zentrales Produkt wird ein transdisziplinäres Buchprojekt, das Praxiswissen und Analysen in zugänglichen Formaten versammelt, etwa durch Interviews, Visualisierungen und praxisorientierte Werkzeuge. 

Das Auftakttreffen hat damit eine gemeinsame inhaltliche Grundlage geschaffen und zentrale Arbeitslinien für die weitere Zusammenarbeit im Arbeitskreis definiert. Der Arbeitskreis versteht seine Arbeit als offenen Prozess. Rückmeldungen, Erfahrungen und kritische Perspektiven aus Planungspraxis, Verwaltung und Zivilgesellschaft sind ausdrücklich willkommen. 

Leitungsteam: 

  • Gala Nettelbladt, Bauhaus Universität Weimar
  • Tino Petzold, Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Antje Bruns, ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft
  • Katharina Kapitza, Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft

Mitglieder: 

  • Stefanie Weiner, Infrastruktur & Umwelt
  • Philipp Schulte, Fachanwalt für Verwaltungsrecht
  • Lila Polotzek, Europa-Universität Flensburg
  • Elisa Kochskämper, vhw - Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung
  • Petra Schneider, Hochschule Magdeburg-Stendal
  • Karl-Heinz Spies, Wupperverband
  • Jan Hendrik Trapp, Deutsches Institut für Urbanistik 
  • Jakob Kämmler, Hamburger Umweltbehörde (BUKEA)
  • Ulrich Scheele, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
  • Valentin Meilinger, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Weitere Informationen auf der Projektseite

Kontaktperson am Institut für Europäische Urbanistik: Gala Nettelbladt (gala.nettelbladt[at]uni-weimar.de