Epochen der Hochschule

»Großherzogliche Kunstschule (1860 - 1902)«

Zum 1. Oktober 1860 gründete Großherzog Carl Alexander eine private und aus der Privatschatulle finanzierte Kunstschule, die zunächst nur Malereiklassen enthielt. Diese Schule löste sich bald von den akademischen Traditionen und ging andere Wege, als vom Hof erwartet wurde. Ununterbrochenes Studium der Natur war das Gebot, das Lehrer und Schüler, ähnlich wie die französischen Impressionisten, zu einer realistischen Bildauffassung führte. Unter dem Begriff »Weimarer Malerschule« ging sie in die Kunstgeschichte ein.

1885
Aus Anlass des 25jährigen Bestehens der Großherzoglichen Kunstschule erschien eine Festschrift, die der Journalist und spätere Direktor der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek Paul von Bojanowski verfasst hatte. Am 17. Oktober übertrug Großherzog Carl Alexander dem Großherzoglich Sächsischen Staatministerium die Oberaufsicht über die Kunstschule. Der neue Direktor (1885–1902) Emil Friedrich Graf von und zu Schlitz (genannt Graf von Görtz) blieb aber nach wie vor allein dem Großherzog direkt verantwortlich. [NK]

»Großherzoglich Sächsische Kunstschule Weimar (1902 - 1910)«

Am 5. Januar 1901 starb Großherzog Carl Alexander. In seinem Testament bestimmte er, dass die Schule so zu erhalten sei, wie sie unter seiner Regentschaft gearbeitet hatte, nämlich »nie eine Akademie zu sein, wohl aber den Grundsatz freier Lehre und freien Lernens festzuhalten». Sein Nachfolger, Großherzog Wilhelm Ernst, war nicht in der Lage das private Mäzenatentum seines Großvaters fortzusetzen. Am 17. Juni 1902 wurde die Kunstschule der Zuständigkeit des Großherzoglich Sächsischen Staatministeriums unterstellt und damit zu einem staatlichen Institut. [NK]

»Kunstgewerbliches Seminar (1902-1915)«

Seit dem 15. Januar 1902 war Henry van de Velde als künstlerischer Berater für Industrie und Kunstgewerbe im Großherzogtum angestellt. Am 15. Oktober 1902 eröffnete er ein Kunstgewerbliches Seminar als privates Institut in Räumen des Prellerhauses, dem Atelierhaus der Kunstschule. Das Seminar bestand aus einem Büro, das Auskünfte und Korrekturen mitgebrachter Entwürfe erteilte, und aus einer Werkstatt, in der angestellte Handwerker Modelle erschufen. Nach Gründung der Kunstgewerbeschule blieb das Seminar als staatliche Beratungsstelle bestehen. [NK]

»Weimarer Bildhauerschule (1905-1910)«

Am 1. November 1905 gründete Großherzog Wilhelm Ernst die Weimarer Bildhauerschule. Damit erfüllte er den testamentarischen Auftrag seines Großvaters Carl Alexander, der in der Gründungsphase der Kunstschule bereits Reinhold Begas berufen hatte. Bis 1910 stand die damals einzige staatliche Ausbildungsstätte für Bildhauer und Bildhauerinnen im Deutschen Reich unter der Leitung von Adolf Brütt. 1910 wurde die Bildhauerschule unter Gottlieb Elster als Abteilung in die Hochschule für bildende Kunst integriert. Die Bildhauerausbildung wurde später u.a. von Richard Engelmann, Gerhard Marcks, Harry Nick, Hans van Breek, Siegfried Tschierschky und Hubert Schiefelbein fortgeführt. [NK]

»Großherzoglich Sächsische Kunstgewerbeschule (1908-1915)«

Am 1. April 1908 wurde die Großherzogliche Kunstgewerbeschule als selbständige Lehranstalt offiziell eröffnet, nachdem der Unterricht bereits am 7. Oktober 1917 mit 16 Schülerinnen und Schülern begonnen hatte. Henry van de Velde leitet diese Anstalt bis zu ihrer Schließung im Jahre 1915. Die Arbeit der Schule wurde vom Jugendstil und den Ideen der Kunsterneuerungsbewegung bestimmt, so wie sie auch van de Velde vertrat. Die Kunstgewerbeschule erlangte Einfluss auf die künstlerische Gestaltung von Erzeugnissen des Thüringer Handwerks und der Industrie und wurde zum Wegbereiter des Staatlichen Bauhauses.

1915
Unter dem Eindruck zunehmender Ausländerfeindlichkeit und den enttäuschenden Reaktionen auf seine Denkschrift vom 27. Mai 1914 reichte der Belgier Henry van de Velde kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges am 25. Juli 1914 seine Kündigung ein. Sie wurde ihm zum 1. April 1915 gewährt, mit Rücksicht auf die ordnungsgemäße Vollendung des laufenden Ausbildungsjahres aber bis Ende September hinausgeschoben. Am 1. Oktober 1915 verfügte das Staatsministerium die Schließung der Kunstgewerbeschule. Henry van de Velde konnte Deutschland danach erst 1917 verlassen, seine Familie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. [NK]

»Großherzoglich Sächsische Hochschule für bildende Kunst Weimar (1910-1919)«

Aus Anlass des 50. Gründungsjubiläums wurde die vergrößerte Einrichtung, die jetzt auch Bildhauer ausbildete, am 3. Juni 1910 durch Großherzog Wilhelm Ernst in den Rang einer Hochschule für bildende Kunst erhoben. Die Verleihung dieser Bezeichnung erfolgte »in Anerkennung der hervorragenden Verdienste, die sie sich während der fünfzig Jahre des Bestehens um die Förderung der bildenden Kunst im allgemeinen und um die Ausbildung der jungen Künstlerschaft insbesondere erworben» hatte. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges reduzierte den Schulbetrieb, der jedoch zu keiner Zeit eingestellt wurde. [NK]

»Staatliches Bauhaus Weimar (1919-1925)«

Im April 1919 gründete der Architekt Walter Gropius das Staatliche Bauhaus in Weimar, nachdem die provisorische republikanische Regierung des Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach die Vereinigung der ehemaligen Kunsthochschule und der Kunstgewerbeschule genehmigt hatte. Gropius reformierte die Kunstpädagogik und führte mit einem neuartigen Programm unter der Ägide der Architektur alle gestalterischen Disziplinen zusammen. Aus politischen Gründen wurde das Bauhaus aus Weimar vertrieben. Am 1. April 1925 setzte es seine Arbeit in Dessau fort, wo es als moderne Hochschule für Gestaltung weltweite Bedeutung erlangen sollte. [NK]

»Staatliche Hochschule für bildende Kunst Weimar (1921-1930)«

Anfang 1921 lösten sich eher traditionell orientierte Künstler wieder vom Bauhaus und folgten »den bewährten Grundsätzen der alten Kunstschule«. Die im April 1921 eröffnete Staatliche Hochschule für bildende Kunst galt als Neugründung, da die Rechtsnachfolge der alten Kunsthochschule dem Bauhaus zugesprochen wurde. Ab Mitte der 20er Jahre wurden auch Zeichenlehrer für thüringische Schulen ausgebildet. [NK]

»Staatliche Hochschule für Handwerk und Baukunst Weimar (1926-1930)«

Die Nachfolgeschule des Bauhauses stand unter Leitung des Architekten Otto Bartning. Sie verstand sich als »eine Berufshochschule für junge, begabte Handwerker und Architekten« und bot erstmals in Weimar eine reguläre Architektenausbildung an. Die Werkstätten folgten dem vom Bauhaus eingeschlagenen Weg der Gestaltung industrieller Produkte. Die Werkstätten und die Abteilung Bau bildeten »als Arbeits- und Ausbildungsstätten ein Ganzes« und blieben so den Bestrebungen der Moderne verbunden. [NK]

»Staatliche Hochschulen für Baukunst, bildende Künste und Handwerk (1930-1942)«

Im Jahre 1930 gelang es den Nationalsozialisten in Thüringen, den Architekten Paul Schultze-Naumburg als Direktor der Weimarer Kunstlehranstalten einzusetzen, der die Ausbildung radikal veränderte. Am 10. November 1930 fand die Eröffnung der Vereinigten Hochschulen für Baukunst, bildende Künste und Handwerk unter der Hakenkreuzfahne statt. Mit einem konträren Konzept zur Moderne orientierte Schultze-Naumburg auf Werte, die der Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten entsprachen. Die Arbeiten der Architekturhochschule waren durch den Heimatschutzstil und die der Kunsthochschule und der Handwerksschule durch ihre Orientierung auf Handwerklichkeit gekennzeichnet.

1935 (1936)
Das 75-jährige Bestehen der Hochschule wurde erst am 17. Februar 1936 mit einer »schlichten Feier« im Oberlichtsaal gewürdigt. Aus Anlass des Jubiläums erschien unter dem Titel »Erziehung zu deutscher Kunst« eine Festschrift mit Beiträgen des Vorsitzenden der NS-Kulturgemeinde Hans Malberg und von Paul Schultze-Naumburg. Am 4. September 1936 wurden die Hochschule für Baukunst und die Hochschule für bildende Kunst vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vorläufig als Hochschule anerkannt. [NK]

»Staatliche Hochschule für Baukunst und bildende Künste Weimar (1942-1945)«

Am 1. April 1942 wurde die Meisterschule für das gestaltende Handwerk aus dem Verbund mit den Hochschulen herausgelöst und als Staatsschule von Otto Dorfner bis 1949 weitergeführt. Seit dem 28. Juli 1942 trug die Anstalt die Bezeichnung Staatliche Hochschule für Baukunst und bildende Künste. Die Abtrennung der Meisterschule war die Voraussetzung dafür, dass die Abschlüsse der Abteilung Architektur denen Technischer Hochschulen gleichgestellt wurden. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Hochschule offiziell nicht geschlossen. Die Abteilung Bildende Künste stellte jedoch ab Herbst 1944 den Unterricht ein, die Abteilung Baukunst setzt ihn mit 29 Studierenden fort. [NK]

»Staatliche Hochschule für Baukunst und bildende Künste Weimar (1946-1950)«

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs baute der Architekt Hermann Henselmann im Geiste des »Antifaschismus und demokratischer Aufbaubestrebungen« unter der sowjetischen Besatzungsmacht die Hochschule neu auf. Anknüpfungspunkte sah er in humanistischen Traditionen und anfangs auch beim Bauhaus. Henselmanns Vorstellungen für ein neues Bauhaus mit Hochschulcharakter ließen sich nicht verwirklichen. Am 24. August 1946 wurde die Hochschule deshalb in der 1942 unter Gerd Offenberg geschaffenen strukturellen Form eröffnet. [NK]

»Hochschule für Architektur (1950-1954)«

Die Erfordernisse des Wiederaufbaus bestimmten zunehmend die Aufgaben der Hochschule. Sie wurde deshalb am 1. August 1950 dem Ministerium für Aufbau unterstellt und in Hochschule für Architektur umbenannt. Infolge der Neuorganisation des Hochschulwesens 1951 (zweite Hochschulreform) veränderten sich Struktur und Organisation der Ausbildung einschneidend. Es wurden die Abteilung Bildende Künste aufgelöst, die Anzahl der Architektur-Lehrstühle vergrößert und staatliche Leitungsstrukturen eingeführt. [NK]

»Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar (1954-1990)«

Im Jahre 1954 erhielt die Hochschule eine Rektoratsverfassung. Erster Rektor war der Architekt Otto Englberger. Zwei neue Fakultäten wurden eröffnet: die Fakultät Bauingenieurwesen und die Fakultät Baustoffkunde und Baustofftechnologie. Die Hochschule, ab 1958 dem Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen unterstellt, entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Hochschulen ihrer Art in der DDR, die sich vor allem durch ein breites Spektrum bau- und baustoffwissenschaftlicher Fachgebiete auszeichnete. In den 50er Jahren erhielten alle Fakultäten das Promotionsrecht, 1964 zusätzlich das Habilitationsrecht.

1960
Zur Vorbereitung der 100-Jahrfeier der Hochschule wurde am 17. April 1957 durch den Senat eine Kommission gebildet. Im Mai 1959 wurde die Feier vom Senat abgesagt, da es nicht gelungen sei, eine »etwa-reale Darstellung vom marxistischen Standpunkt der Entwicklung bis zur Gegenwart zu erarbeiten«. Besondere Konfliktpunkte waren das Bauhaus und die NS-Zeit. Zum Gedächtnis der Gründung der Weimarer Kunstschule im Jahre 1860 veranstaltete (Walter Scheidig) die Kunstsammlungen zu Weimar in der Kunsthalle am Theaterplatz eine Ausstellung mit Werken der Weimarer Malerschule.

1968
Die 3. Hochschulreform 1968 brachte neue Struktureinheiten. So wurden die neu gegründeten Sektionen Architektur, Bauingenieurwesen, Baustoffverfahrenstechnik um die Sektionen Rechentechnik und Datenverarbeitung sowie Gebietsplanung und Städtebau erweitert, führte aber auch zu neuen Leitungsstrukturen und Organisationsformen, die an der zentralistischen Wirtschaftslenkung orientierte waren und sich zum Nachteil einer freien Entwicklung von Lehre und Forschung auswirken sollten.

1985
Zum 125. Gründungsjubiläum wurde durch den Wissenschaftsbereich Theorie und Geschichte der Architektur die erste, alle Entwicklungsetappen der Hochschule umfassende Darstellung der Geschichte der Weimarer Kunst- und Bauhochschulen seit 1860 erarbeitet und in einer Ausstellung öffentlich präsentiert. Die Ausstellung diente auch der Selbstdarstellung der damaligen Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar und stellt heute selbst ein wertvolles Zeitdokument dar. [NK]

»Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar - Universität (1990-1996)«

Mit der politischen Wende begann eine inhaltliche Neuorientierung der Hochschule, die zu personellen und strukturellen Veränderungen führte. Im Oktober 1990 wurden die Sektionen als Fakultäten neu gegründet. Am 1. September 1993 eröffnete die Fakultät Gestaltung. Sie nahm die künstlerischen Traditionen der Hochschule auf. Während die Fakultäten Architektur und die Bauingenieurwesen erhalten blieben, wurden die Fakultäten Baustoffverfahrenstechnik in das Bauingenieurwesen und die Fakultät Rechentechnik und Datenverarbeitung in die 1996 neu gründete Fakultät Medien zumindest teilweise integriert. [NK]

»Bauhaus-Universität Weimar (seit 1996)«

Der vielzitierte Satz von Walter Gropius von der Einheit von Kunst und Technik wurde am 17. Mai 1996 mit neuem Sinn erfüllt: Die ingenieurwissenschaftliche Ausbildung durch eine künstlerische zu erweitern, nicht Kunst oder Technik, sondern Kunst und Technik wurde durch die Namensänderung in Bauhaus-Universität Weimar zum Ziel der Universität erklärt. Sie verfolgt damit ein Konzept, das eine klassische Ingenieur- oder Kunsthochschule nicht bieten kann. [NK]