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Michael Herrmann (Foto: privat)
Michael Herrmann (Foto: privat)
Erstellt: 20. Januar 2026

Michael Herrmann auf Brückenprofessur für Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre berufen

Prof. Dr.-Ing. Michael Herrmann wurde zum Oktober 2025 an die Bauhaus-Universität Weimar auf die Professur für Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre (KET) berufen. Die Brückenprofessur agiert an den Fakultäten Architektur und Urbanistik sowie Bauingenieurwesen.

Während seiner gesamten Laufbahn arbeitet, lehrt und forscht Michael Herrmann an der Schnittstelle zwischen Architektur und Tragwerksplanung. Nach seiner Promotion bei Werner Sobek lehrte er Tragwerksentwurf u.a. an der der Bartlett School of Architecture in London und an der University of California, Berkeley. Von 2020 bis 2025 war er Professor für Digitales Konstruieren TH Lübeck. 2024 wurden seine Forschungsarbeiten mit dem Kulturland Schleswig-Holstein Award ausgezeichnet und im Kieler Landtag ausgestellt.

Michael Herrmann ist Mitgründer und Gesellschafter der str.ucture GmbH. Von der ersten Idee bis zur gebauten Realität werden dort Tragwerkslösungen entwickelt, die architektonische Qualität, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit verbinden. Der Fokus der Projekte liegt auf der präzisen und effizienten Umsetzung komplexer Entwürfe im Team mit Architekt*innen und weiteren Planungspartnern. Die enge Anbindung der Forschung an die Praxis sichert den kontinuierlichen Innovationsgrad der Projekte. Aktuelle Beispiele sind der Deutsche Expo-Pavillon in Osaka, das parametrische Holzraumfachwerk OAR Reutlingen, öffentliche Bauten wie die Waldorfschule Backnang und Mehrzweckhallen sowie leichte Flächentragwerke.

Was fasziniert Sie an der Verbindung von Architektur und Ingenieurwesen?
Mich interessiert der kreative Prozess der gemeinsamen Zusammenarbeit und der Entwicklung von Entwurfskonzepten. Nur wenn die jeweiligen Expert*innen in Entwurf, Konstruktion und Berechnung zusammenkommen, können wirklich neue Ansätze entstehen. Ein architektonisches Projekt ist in meinen Augen überzeugend, wenn Entwurfs-, Struktur- und Nachhaltigkeitskonzept gleichermaßen stark sind und im Entwurf verschmelzen.
In diesem Diskurs entstehen spannende Forschungsfragen bspw. zum ressourcenschonenden Einsatz traditioneller Baustoffe sowie zur Entwicklung neuer nachhaltiger Baustoffe. Ich sehe mich hier in der Tradition von Pionieren wie Frei Otto und Werner Sobek.
Die Verknüpfung von Praxis mit Forschung und Lehre ist ein wichtiger Bestandteil meines Konzepts. Das Bauhaus steht seit seiner Gründung für die Zusammenführung von Kunst und Handwerk mit dem Ziel des gemeinsamen Bauens. Diese Verbindung hat zu einer der erfolgreichsten Architekturschulen überhaupt geführt und wird in der engen Verzahnung zwischen Architektur und Ingenieurwesen weiter fortgeführt. Daher freue ich mich sehr, an dieser Schnittstelle arbeiten zu dürfen.

Welches Projekt aus Ihrer bisherigen Laufbahn ist für Sie besonders prägend?
Bei einer Vielzahl anspruchsvoller Projekte gibt es nicht das eine prägende Projekt für mich. Vielmehr ist mir wichtig, dass die Projekte im Sinne des »Evolutionary Designs« die Entwicklung des Bauens voranbringen. 
Evolutionär im Sinne der Planung nachhaltiger Gebäude und Tragwerke unter Berücksichtigung von Umweltlasten, wie beim Effizienzhaus Plus mit E-Mobilität in Berlin. Als Pilotprojekt des Bundesbauministeriums definiert und erfüllt es den neuen »Effizienzhaus-Plus-Standard«. In dem Kleinstkraftwerk ergeben sich Fragestellungen zur Systemintegration der Funktionen Tragen, Energiegewinnung, Dämmen und Recyceln sowie zur Vernetzung mit Elektromobilität und Quartiersversorgung; neue Materialien und Konstruktionsweisen werden hier erprobt.
Evolutionär im Sinne des Bauens mit einem Minimum an Material durch optimierte Form-/Materialverteilung – von Membranbauten bis zum Strukturleichtbau im Massivbau. Gemeinsam mit Werner Sobek habe ich im Rahmen meiner Promotion den Gradientenbeton entwickelt, bei dem die Dichte im Inneren eines Bauteils entsprechend seiner Beanspruchung angepasst wird und so Masse und graue Energie eingespart werden können. Ausgehend von dem Forschungsvorhaben »Gradientenwerkstoffe im Bauwesen« hat sich daraufhin ein eigener Forschungszweig entwickelt mit mehreren DFG-Projekten. Die konsequente Weiterentwicklung des Forschungsthemas ermöglichte es mir, die Leistungsfähigkeit des funktional gradierten Betons unter seismischer Beanspruchung finanziert durch ein DFG-Forschungsstipendium an der UC Berkeley zu untersuchen.
Evolutionär im Sinne der Automatisierung und des Vorsprungs durch Technik, etwa durch den Einsatz neuester Planungstechnologien und Herstellungsverfahren – z. B. Beton-3D-Druck für den Hexastone Forschungspavillon oder nachhaltige Holzbauten bei str.ucture wie das Holzraumfachwerk OAR Reutlingen und der kreislaufgerechte Deutsche Expo-Pavillon in Osaka.

Was ist Ihr Lehrkonzept und auf welche Aspekte legen Sie dabei Wert? Was erwartet Studierende im nächsten Semester?
Ein übergeordnetes Ziel meiner Lehrveranstaltungen ist es, eine Kultur der Zusammenarbeit im Entwurf zu etablieren sowie Kooperationen mit Praxis und Industrie zu fördern. Ich möchte den Studierenden die Augen für die werkstoffübergreifenden Grundlagen des Tragwerksentwurfs mit der Bandbreite an Konstruktionsweisen und Tragsystemen öffnen. Zugleich möchte ich das Interesse für die Gestaltungsmöglichkeiten wecken, die aus einem tieferen Verständnis der Tragsysteme, Konstruktion und aus experimentellen Ansätzen entstehen.

Mein Ziel ist es, nicht nur Grundlagen zu vermitteln, sondern auch eine Mentalität zu fördern, die die wachsenden Möglichkeiten digitaler Baukultur und Nachhaltigkeit selbstverständlich mit einbezieht. Mit forschungsorientiertem Lernen möchte ich das Interesse der Studierenden für eine weiterführende wissenschaftliche Vertiefung bis hin zur Promotion wecken.

Die Brückenprofessur Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre ermöglicht im Curriculum ein interdisziplinäres Entwurfsprojekt mit konstruktivem Schwerpunkt. In Teams aus Architektur- und Bauingenieurstudierenden wird die spätere Zusammenarbeit im Berufsleben in einem universitären Umfeld erprobt, was zu einer gegenseitigen Wertschätzung des jeweiligen Spezialistenwissens führt. Bei der Entwurfsaufgabe handelt es sich um Bauwerke mit innovativem Anspruch in Konzeption, Entwurf und Fabrikation, häufig mit Bezug zu Nachhaltigkeit, Digitalisierung und/oder Bauen im Bestand. Beispiele sind Entwürfe zur Umnutzung einer historischen Viehmarkthalle in Dänemark oder Aufstockungen in Modulbauweise im Polymer-3D-Druck. Neben gestalterisch-ästhetischen Gesichtspunkten sind konstruktive Details ein wichtiger Schwerpunkt; teilweise gibt es auch einen Design-and-Build-Aspekt.

Welche Themen möchten Sie an der Bauhaus-Universität Weimar in Ihrer Forschung verfolgen?
Die Bauhaus-Universität Weimar bietet ein exzellentes Umfeld für anspruchsvolle Drittmittelforschung. Neben der Weiterführung des bestehenden Schwerpunkts nachhaltiger Materialsysteme für Tragkonstruktionen habe ich für mich folgende Forschungsfelder definiert:

  • Schalen- und Gitterschalenkonstruktionen für die automatisierte Herstellung: Aktuell arbeite ich an einem Zukunft-Bau-Projekt zum Entwurf und zur robotischen Herstellung von Gitterschalen auf biegeelastischer Schalung. Das Konzept basiert auf der Idee, tragfähige, leichte und materialeffiziente Dachtragwerke herzustellen, indem eine dünne faserbewehrte Beton- oder Lehmschicht auf eine elastisch verformte Schalung aus Holz- oder Carbon Lamellen aufgebracht wird. Gemeinsam mit Professor Schleicher von der UC Berkeley konnte ich hierzu einen vielversprechenden Prototypen manuell herstellen. Mithilfe eines Roboterarms soll der Beton künftig auf die flexible Schalung gedruckt werden. Die ressourcenschonende Bauweise ist speziell für robotisches Bauen entwickelt worden, da es bisher keine erfolgversprechende Lösung für das Drucken überhängender Strukturen ohne Stützmaterial gibt. Die Hexastone-Schale ist eine weitere Entwicklung in diesem Kontext.
  • Entwurfswerkzeuge und Analysetools an der Schnittstelle zwischen Architektur und Ingenieurwesen: Dieser Ansatz liegt den anderen Forschungsschwerpunkten zugrunde und soll alle am Bau beteiligten Disziplinen und Technologien zusammenbringen, um den Übergang zu einer neuen digitalen Baukultur zu fördern. Das Überdenken der gesamten Prozesskette – vom ersten Entwurf bis zur robotischen Fertigung – wird zu radikalen Veränderungen in Design und Produktivität führen.
  • Gradientenbeton – Optimierung des Inneren tragender Bauteile: Die automatisierte Herstellung dichteoptimierter Betonbauteile ermöglicht eine Massen- und CO₂-Einsparung von bis zu 63 % bei gleicher Tragfähigkeit. Die kontinuierliche Veränderung der Dichte beeinflusst Materialeigenschaften wie Porosität, Festigkeit und Steifigkeit und erlaubt eine Anpassung des Bauteilinneren an das statische oder bauphysikalische Anforderungsprofil. Die optimale Dichteverteilung wird mittels numerischer Topologieoptimierung ermittelt und dient als digitaler Bauplan für die automatisierte Herstellung durch einen Gradienten-Spritzroboter.

Derzeit arbeite ich zudem gemeinsam mit Professor*innen aus drei Fakultäten an einem Großgeräteantrag zum Aufbau eines RoboLabs für die digitale Fertigung an der Bauhaus-Universität Weimar.

Wie sehen Sie die Zukunft des Bauens?
Die Zukunft des Bauens sehe ich spannender denn je. Es gilt, die aktuellen Fragen des nachhaltigen und kreislaufgerechten Bauens zu lösen, ohne dabei den Anspruch an eine gelungene Gestaltung zu vernachlässigen. Bauen muss wieder berechenbarer und zuverlässiger werden, damit wir das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen. Dafür müssen wir mit neuen Entwürfen und Konzepten mutig vorangehen und dürfen angesichts der Herausforderungen nicht auf der Stelle treten.
Der Erfolg des Bauhauses beruht auf der Kombination einer wegweisenden Ästhetik mit dem Einsatz neuer Materialien und Bauweisen – daran möchte ich in Zukunft anknüpfen.

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