10. Internationales Bauhaus-Kolloquium 2007

Weimar, 19. – 22. April 2007

Die Realität des Imaginären

Architektur und das digitale Bild

19.-22. April 2007

Stetig, aber mehr denn je, bilden die digitalen Bildtechniken die Welt nach ihrem Maß. Unbestreitbar, Bilder, zumal digitale, sind en vogue. Doch mit der cave technology, immersion und ubiquitous design lassen sich die digitalen Bilder nicht mehr auf die Rolle eines nur materielosen, ephemeren Mediums im Dienste der warenmäßigen Vergesellschaftung reduzieren. Die digitalen Bildtechnologien stehen für eine zunehmende Liquidisierung der Grenze (K. Michael Hays) zwischen der digitalen Bilder- und der materialen Objektwelt.

Schon seit einiger Zeit erschüttert die neue Realität des Imaginären die Architektur in ihren Grundfesten. Bisher scheinen jedoch hauptsächlich die technologisch-operativen Aspekte im Vordergrund gestanden zu haben, wohingegen die kulturellen, kognitiven Implikationen des Digitalen noch weitestgehend unverstanden sind. Im Gegensatz zur historischen Gewissheit der Architektur fragt sich, was denn in seiner Unstetigkeit und Ephemerität das digitale, kulturelle Kräftefeld (Bourdieu) für die Architektur bedeutet.

Mit der Rückkehr des Imaginären im digitalen Medium stellt sich die Frage, was die Architektur denn nun wirklich ist, mehr objekthaftes Sein oder mehr bildhaft-digitaler Schein, mehr Realität oder mehr Imaginarität. Angesichts der schwachen Ontologie der digitalen Realität kehrt die Frage nach der Moderne wieder zurück. Heißt nämlich Moderne soviel, wie die antinomische Konstitution von Kultur in die Disziplin aufzunehmen, so scheint die Architektur erst heute, mit der schwachen Ontologie und Unschärferelation des Digitalen, den Wandel zu einer modernen Kulturtechnik zu vollziehen.

Architektur verstand sich jedoch von jeher als eine Praxis medialer Grenzüberschreitung: von der bildhaften Vision der Zeichentechniken ­– wie Handskizze, Aufriß und Perspektive – zu ihrer Vergegenständlichung und Materialisierung im Raum. Tatsächlich bewegte sich die architektonische Praxis immer schon diesseits und jenseits der Bilder, getrieben von der Dialektik von Ikonophilie und Ikonoklasmus. So dass man sich fragen muss, ob denn die digitalen Bildverfahren nur konsequent die mit der Moderne beginnende Medialisierung der Architektur fortführen. Oder ist nicht längst schon der Computer die eigentliche architecture machine (Negroponte)?

McLuhan vorgreifend hatte Victor Hugo argumentiert, dass mit der Erfindung der Drucktechnik die Textualität der Architektur ins Buch ausgelagert worden sei. Angesichts der neuesten Medienfassaden (United:Realities, UN Studio, AMO/OMA) muss man sich jedoch fragen, ob es heute nicht entsprechend die räumliche Visionskraft ist, die in die Imaginationsräume der digitalen Medien verdängt wird. Die neuesten Zeichentrick- und Animeproduktionen aus Japan lassen dieses plausibel erscheinen. Heißt das dann, dass das Abenteuer des Raumes nur noch in Videos und Computerspielen, das heißt auf abgeflachten, entsinnlichten Oberflächen stattfindet? Oder wächst der Architektur gerade dort, wo die Möglichkeiten zur Manipulation der Bilder ins Unzählbare gewachsen sind, nicht eine neue Aufgabe zu: nämlich die harte, endliche und räumliche Grenze einer grenzenlos wandelbaren, digitalen Bildpraxis zu sein?

Trotzdem, die Architektur war immer schon vom Bild her gedacht, sei es in poetisch-sinnlicher (Schinkel, Semper, Wright), allegorisch-ironischer (Stirling, Isozaki, Ishiyama) oder dekonstruktivistisch-kritischer (Eisenman, Koolhaas) Ausrichtung. Denn sie ist schon von jeher bevorzugtes Medium bildhafter Visualisierung gesellschaftlicher Utopien, der Visionen des Städtischen und Ort ihrer Implementierung. Man muss sich nur die Idealstadtentwürfe von Leonardo da Vinci, Leonidov, Bruno Taut oder Le Corbusier vergegenwärtigen. Skizze, Diagramm, Ornament und Collage, Allegorie und Montage waren die klassischen Bildtechniken der Imagination des Utopischen. Das unerschöpfliche Bilderreservoir des Internets, Google-Bild und die digitalen Bildbearbeitungstechniken scheinen dagegen heute jeden kreativen Akt zu unterminieren. Was bedeutet es für die kognitive Seite der Architektur, wenn heute die Werkzeuge aus der tool box des Computerprogramms kommen, wenn die algorithmisierten digitalen Verfahren neben Skizze, Handzeichnung und Aquarell treten und Skizze, Handzeichung und Aquarell selbst zu digitalen Verfahren werden? Doch trotz allem besitzen die digitalen Bildverfahren auch eine historische Dimension. Evident wird dies, wo bis heute Bild und Ornament das schlecht Verdrängte des architektonischen Unterbewusstseins sind. Als ob die traumatischen Erfahrungen des Ikonoklasmus der Moderne auch heute noch einen vorurteilsfreien Blick auf die Neue Macht der Bilder (Burda/Maar) verstellten. Dabei ist doch sichtbar, dass Idolatrie und Ikonophilie, Iconoclash (Latour) und andere Formen des Bilderfetischismus keineswegs nur Aberrationen der Postmoderne waren. Glaubte man zu Beginn der Moderne noch, dass im Maschinenzeitalter kein Platz für Bildhaftigkeit und Ornament mehr sei, so kann heute kein Zweifel daran bestehen, dass mit den digitalen Bildtechnologien die Konstruktivität und die Ikonizität sich in einer neuen Einheit wiederfinden. Wird man dann die Ornamentdebatten der frühen Moderne als Vorgeschichte der Ikonologie der digitalen Bildlogik neu bewerten müssen?

Damit wird im Kontext der Realität des Digitalen die Frage nach der Rolle des Bauhauses für die zeitgenössische Architektur neu aufgeworfen. Im Maschinenzeitalter stand die Frage nach „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ im programmatischen Zentrum des historischen Bauhauses. Doch dachte Gropius keineswegs an eine neue Einheitskultur, sondern an die spannungsvolle Wechselwirkung zwischen Kunst und Technik, mit der Architektur als ihrem Katalysator. Vor dem Hintergrund der neuen Technologien und Bildverfahren wird nach dem blinden Fleck in den Debatten der Bildwissenschaften zu fragen sein: nach der Architektur als eine der entscheidenden bildgenerierenden, kulturellen Praktiken und Medium vielfältiger Bildübertragungs- und -rückübertragungsprozesse.

 

 

 

Das nunmehr 10. Internationale Bauhaus-Kolloquium Weimar 2007 versteht sich als Forum für den längst überfälligen, interdisziplinären und kritischen Bilddiskurs in der Architektur. Thematisch führt es die vergangenen Bauhaus-Kolloquien weiter, die sich den Themen Techno-Fiction (1996), Global Village (1999) und Medium Architektur (2003) gewidmet hatten. Architekten, Architekturtheoretiker und –historiker, Bild-, Medien- und Kulturwissenschaftler sowie Philosophen werden in Plenarvorträgen die Frage nach dem Grenzgängertum der Architektur zwischen der digitalen Bild- und der materialen Objektwelt stellen.

Vier Themen stehen dabei im Vordergrund. Das ist einerseits 1. das wechselseitige Verhältnis von Bild und Raum wie auch 2. die Rolle der Bilder in den digitalen Entwurfsprozessen. Darüber hinaus wird die Frage 3. nach den globalen Migrations- und Transformationsprozessen der Bilder sowie 4. nach den bewegten digitalen Bildern als Imaginationsräume des Architektonischen gestellt. Welches ist die kognitive, epistemologische Seite der digitalen Bilderproduktion für die Architektur? Wie findet sie ihren Niederschlag in der architektonischen Praxis? Wie verändert sie diese? Welche Rolle spielen die architektonischen Bilder als Medium der Reflexion und Transformation der Realität? Was sind ihre geheimen Vorlieben, welches sind ihre versteckten Ideologien?