SOMMERSEMESTER 2022

Blauhaus Erdmannsdorf (Augustusburg)

Augustusburg ist eine Kleinstadt im Landkreis Mittelsachsen im unteren Mittelerzgebirge. Etwa 18 Kilometer östlich von Chemnitz liegt der Ort idyllisch unterhalb des ortsbildprägenden gleichnamigen Schlosses zwischen den Tälern der Flöha und der Zschopau. Die Ursprünge des heutigen Ortsteils Erdmannsdorf sind eng mit der ebenfalls gleichnamigen Burg Erdmannsdorf (ab 1150, Umbau zum heutigen Schloss ab 1843) verknüpft. Die Lage am Ufer der Zschopau begünstigte ab dem 16. Jahrhundert die Entstehung erster Mühlen. Dies war Grundlage für die ab 1820 eingerichteten Spinnmühlen: Insgesamt vier Spinnereien, eine Bleicherei und eine Färberei veränderten in den kommenden Jahren die gesellschaftliche Struktur des rasch wachsenden Erdmannsdorf und begründeten seine insgesamt 170-jährige industrielle Spinnereiindustrie. Seit 1911 sind Augustusburg und Erdmannsdorf durch eine Drahtseilbahn von hauptsächlich touristischer Bedeutung verbunden. Mit einem vorläufigen Höhepunkt zu Zeiten des FDBG-Feriendienstes ist der Tourismus noch heute wichtigster Wirtschaftszweig der Stadt.

Trotz Unterschutzstellung der unmittelbar nach der Wende stillgelegten ehemaligen Baumwollspinnerei als Denkmal (aufgrund ihrer bau-, industrie- und ortsgeschichtlichen Bedeutung) bekam die Stadt den Abriss großer Teile der Anlage genehmigt, der zwischen 2001 und 2017 sukzessive vollzogen wurde. Einzig das Blauhaus, 1837 eines der ersten Fabrikgebäude in Sachsen und ältester Teil der Baumwollspinnerei, ist heute noch erhalten – wenn auch nicht mehr in seinem ursprünglichen Funktionszusammenhang. Der Rest der Fläche am südlichen Ortsrand von Erdmannsdorf und in unmittelbarer Nähe zum Schloss wurde „renaturiert“.

Kürzlich hat die Stadt Augustusburg den ortsansässigen gemeinnützigen Verein „auf weiter flur e.V.“ mit der initialen Projektentwicklung für das im Überflutungsgebiet der Zschopau liegende viergeschossige Blauhaus betraut, der sich wiederum an unsere Professur gewandt hat. Im Fokus der Vereinstätigkeit steht die Entwicklung des gemeinschaftlichen Lebens und Zusammenhalts durch Partizipation der Bürger:innen an kulturellen Projekten, der Verein betreibt zudem das Festspielhaus „Lehngericht“ am Marktplatz in Augustusburg. Mit der vorgesehenen Nutzung als „Europäisches Textilforschungszentrum für Designer:innen, Künstler:innen und Wissen­schaftler:innen“ (‚Smart Textile Hub‘) soll an die reiche Textiltradition im Erzgebirge angeknüpft und das ortsbildprägende Industriegebäude erhalten werden. Die geplante Nutzung des Blauhauses steht in Zusammenhang sowohl mit der geplanten Regionalstrategie der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 als auch mit der erfolgreichen Neupositionierung der regionalen Textilbranche nach den mit der Wiedervereinigung verbundenen wirtschaftlichen Umbrüchen.

Bei einer Tiefe von 14,7 m und einer Länge von ca. 29,3 m ist das viergeschossige Gebäude (plus Dach- und Spitzboden im Krüppelwalmdach) mit einer Regelgeschossfläche von ca. 350 qm durch umlaufende „Lochfenster“ belichtet. Einzige Gliederung der Geschosse (mit Ausnahme eines bauzeitlichen Treppenhauses sowie des DDR-zeitlichen Fahrstuhls) sind zwei innenliegende Stützenreihen (im EG massiv, darüber gusseisern), ein daraufliegender hölzerner Längsbalken stützt die sichtbaren Holzbalkendecken. (Ein Rundflug um und ins Gebäude findet sich hier: https://vimeo.com/437646290/3d929f6232.) Aufgrund der Lage des Gebäudes im unmittelbaren Überflutungsgebiet der Zschopau erfordert die denkmalgerechte Nachnutzung des Blauhauses einen sensiblen gestalterischen, aber auch kreativen Umgang insbesondere mit dem Erdgeschoss und seiner Umgebung. Eine lokale Einbettung des Projekts (und damit auch der Thesisarbeiten) ist dabei von besonderer Bedeutung für das Gelingen der Entwicklung des ehemaligen Blauhauses; die Bearbeiter:innen sind daher vom Verein „auf weiter flur e.V.“ herzlich nach Augustusburg eingeladen (Unterkunft und Reisekosten können voraussichtlich übernommen werden).

Aufgabe für die Thesis:

Bauhistorische Analyse des Blauhauses und denkmalpflegerische Bewertung des Bestandes. Erarbeitung eines Sanierungskonzeptes sowie eines Raumprogramms für das Gebäude auf Basis des Nutzungskonzepts für ein „Smart Textile Hub“, denkmalgerechter Entwurf.

Plätze:

bis zu 3 Bearbeiter:innen Bachelor Architektur, für Bearbeiter:innen wird die (erfolgte) Teilnahme am Seminar „Einführung in die Denkmalpflege“ empfohlen.

Ansprechperson für weiterführende Informationen und Fragen zum Thema: Christine Dörner, christine.doerner[at]uni-weimar.de