Boden. Wirtschaft. Gesellschaft. Ressourcen für ein Recht auf Wohnen

Mehr als 150 Teilnehmer/innen aus Wissenschaft, Praxis, Politik und Zivilgesellschaft kamen am 23. und 24. Mai  in Weimar zusammen, um über Ressourcen für ein Recht auf Wohnen zu diskutieren. Als Redner/innen waren knapp 30 Referent*innen und Moderator*innen geladen, die sich aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln einzelnen Interventionsfeldern der Wohnungsfrage näherten. Die Jahrestagung des Instituts für Europäische Urbanistik und Abschlusstagung der Nachwuchsforscherinnengruppe „Soziale Wohnraumversorgung in wachsenden Stadtregionen“ wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

Den Auftakt bildete ein Forum zur Bodenpolitik. Florian Rödl ging aus rechtswissenschaftlicher Perspektive der Frage nach, ob ein verfassungsrechtlich verankertes Recht auf Wohnen dem tatsächlichen, individuellen Anspruch auf eine angemessene und bezahlbare Wohnung behilflich ist oder ob nicht vielmehr die Verfassung als Sozialstaat zu gesetzlichen Regelungen für eine soziale gerechte Wohnraumversorgung zwingt. Jean-David Gerber berichtete über die Schweizer aktive Bodenpolitik, insbesondere die Anwendung von Erbbaurechten, die von Kommunen an Genossenschaften vergeben werden und so für die untere Mittelschicht bezahlbare Wohnungen schaffen. Cilia Lichtenberg schloss mit ihrem Vortrag zur Geschichte und heutigen Relevanz des Erbbaurechts in Deutschland im Vergleich mit den Niederlanden an. Christiane Thalgott berichtete aus der bewegten Geschichte der Münchner Bodenpolitik. Und Julia Hartmann und Axel Burkhardt schlossen das Forum mit Beispielen der aktiven Bodenpolitik aus der Tübinger kommunalen Praxis.

 
 
 

Im ersten Teil des zweiten Forums zur Wohnungswirtschaft zeigte Laura Calbet anhand einer Fallstudie in Berlin, wie sich private Developer zu finanzialisierten Akteuren wandeln, und warum diese, anders als klassische Wohnungsunternehmen, von hohen Bodenpreisen profitieren. Heinz-Josef Bontrup schloss mit einem Plädoyer an, die grundsätzliche Strukturiertheit des Wohnraums als kapitalistisch gehandelte Ware nicht aus dem Blick zu verlieren. Antonia Krahl beleuchtete anhand ihrer Feldforschung in der Metropolregion Stuttgart, ob und wie private Wohnungsunternehmen Verantwortung für die soziale Wohnraumversorgung übernehmen. Mit anderem Fokus schloss Arvid Krüger hier an und betrachtete, unter welchen Bedingungen private Wohnungsunternehmen in Großwohnsiedlungen Verantwortung für die Gestaltung des nachbarschaftlichen Umfelds übernehmen. Andrej Holm zeichnete abschließend ein Bild der dramatischen Lage des Berliner Mietmarktes und fügte ein Plädoyer für gemeinnützige und demokratisierte Wohnungsunternehmen an.

Im öffentlichen Abendvortrag zog Anne Kockelkorn Linien von der ordoliberalen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung in der BRD über die neoliberale Umstrukturierung der Wohnungspolitik seit den 1970er Jahren bis zu aktuellen (Gegen-)Entwicklungen in der architektonischen Formsprache. Stephan Lessenich plädierte in seinem Kommentar zum Vortrag dafür, die Perspektive zusätzlich auf die ambivalente Rolle der Subjekte zu richten,  und damit sowohl deren Verstrickung in Prozesse der Neoliberalisierung als auch solidarische Praktiken als Optionen widerständiger Praxis in den Blick treten zu lassen.

Im zweiten Teil des Forums zur Wohnungswirtschaft richtete sich der Blick auf öffentliche Wohnungsunternehmen. Björn Egner zeigte anhand eines Modells auf, wie hoch der Einfluss der Größe des öffentlichen Segments in einer Stadt auf die Entwicklung von Mietpreisen insgesamt ist. Inga Jensen konzeptualisierte die Berliner Bemühungen das öffentliche Wohnungssegment zu vergrößern im Anschluss an die Rekommunalisierung anderer öffentlicher Infrastrukturen. Florian Schmidt berichtete aus seiner Perspektive als Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg über Bestrebungen, 50% des Wohnungsmarktes in die Hand von öffentlichen und gemeinschaftlichen Wohnungsunternehmen zu bringen. Anna Heilgemeir schloss das Forum mit Ideen zur Demokratisierung der öffentlichen Wohnraumversorgung, um deren zukünftige Privatisierungen auszuschließen und sie langfristig auf soziale Ziele zu verpflichten.

Im dritten Forum zum gemeinschaftlichen Wohnungsbau analysierte Matthias Wendt die Leipziger Hausprojektszene und ihre Ausstrahlung in die Nachbarschaften. Ulrike Jurrack zeichnete ein Bild der vielfältigen Landschaft städtischer und ländlicher gemeinschaftlicher Wohnprojekte in Thüringen. Ingrid Breckner schloss als Moderatorin das Forum mit einem Plädoyer, den Beitrag gemeinschaftlicher Wohnungsbauträger zur Erstellung von bezahlbarem Wohnraum realistisch einzuschätzen und die Mechanismen, die solche Projekte langfristig sozial nachhaltig machen genau zu betrachten.

Im vierten und letzten Forum richtete sich der Blick auf Wohnungsfragen in peripherisierten Regionen in Stadt und Land. Maike Simmank machte deutlich, dass Wohnen als ein Teil der sozialen Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen zu verstehen ist, das jedoch im Kontext anderer Felder der Daseinsvorsorge zu betrachten sei. Barbara Schönig diskutierte anhand Thüringer Klein- und Mittelstädten die vielschichtigen Wohnungsfragen in strukturschwachen Regionen und verortete diese  im Kontext der bundesweiten Restrukturierung von Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik. Matthias Bernt erörterte schließlich die Praktiken finanzmarktorientierter Wohnungsmarktakteure in Umstrukturierungsprozessen peripherisierter städtischer Gebiete auf und verwies auf die Relevanz öffentlicher Wohnungsunternehmen gerade in solchen Quartieren.

In einer Abschlussdiskussion banden die fünf Foren-Moderator*innen Uwe Altrock, Lisa Vollmer, Justin Kadi, Sebastian Schipper, Ingrid Breckner und Matthias Bernt die unterschiedlichen Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis zusammen. Barbara Schönig plädierte für eine Stärkung und langfristige Etablierung einer interdisziplinären Wohnungsforschung.

Durch vielfältige disziplinäre Zugriffe auf die Analyse der aktuellen Entwicklung der sozialen Wohnraumversorgung, ergänzt durch Beiträge von Praktiker*innen aus Verwaltung und Zivilgesellschaft, gelang es der Tagung für dieses Vorhaben einen weiteren Anstoß und eine Plattform zur Vernetzung zu schaffen.