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Zahl 30 als Symbol für das Namensjubiläum der Bauhaus-Universität Weimar

Erste und zweite Technik: Workshop zur zweiten Fassung von Benjamins Kunstwerkaufsatz

Workshop | 23./24. Januar 2026

Grama-Lounge, Universitätsbibliothek (Steubenstraße 6, 99423 Weimar)
Veranstaltet vom Graduiertenkolleg Medienanthropologie (GRAMA)

Wenig Aufmerksamkeit hat bisher die zweite Fassung von Walter Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ in der deutschsprachigen philosophischen Debatte erhalten.

Dabei trifft Benjamin dort eine Unterscheidung von zwei Formen der Technik, die für gegenwärtige Debatten um das Verhältnis von Autonomie und Automatisierung besonders instruktiv scheint. Während es die erste Technik Benjamin zufolge „auf Beherrschung der Natur abgesehen“ hat, ist das „Zusammenspiel zwischen der Natur und der Menschheit“ Ziel der zweiten Technik. Anders als zahlreiche entfremdungskritische Analysen, betont Benjamin die mit der Automatisierung der Technik verbundenen Freiheitspotentiale, die zugleich unausgeschöpft bleiben müssen, solange die zweite Technik „der heutigen Gesellschaft als eine zweite Natur gegenüber“ steht. Dieser Ambivalenz der zweiten Technik und den historischen, ökonomischen, genealogischen sowie ästhetischen Dimensionen der Unterscheidung möchten wir in einem zweitägigen close-reading-Workshop nachgehen. 

Wie lässt sich die „emanzipierte Technik“ von ihrer Gestalt als „zweiter Natur“ trennen? Welcher Rolle kommt dabei reproduktiver Kunst und insbesondere dem Film zu, die Benjamin als Formen der „Einübung in dieses Zusammenspiel“ begreift? Mit der Unterscheidung von erster und zweiter Technik verbindet Benjamin zugleich eine genealogische Perspektive auf den Zusammenhang von Befreiung und Disziplinierung. So heißt es in der zweiten Fassung des Kunstwerkaufsatzes: „Der Ursprung der zweiten Technik ist da zu suchen, wo der Mensch zum ersten Mal und mit unbewußter List daran ging, Abstand von der Natur zu nehmen“. Nicht nur begreift Benjamin die Abstandnahme von der Natur als einen prä-reflexiven Prozess, der noch aller bewussten Formen vorausgeht, mit denen sich die menschlichen Subjekte die Natur zum Gegenstand theoretischer Erkenntnis und praktischem Wollen machen. Darüber hinaus bringt Benjamin diese Art der prä-reflexiven Abstandnahme zur Natur, im Gegensatz etwa zu neohegelianischen Ansätzen, nicht mit Prozessen der Gewöhnung und Disziplinierung in Verbindung, sondern mit Spiel und Experiment. Inwiefern ermöglicht Benjamins Unterscheidung ein neues Verständnis des Zusammenhangs von Spiel und Befähigung? 

Diesen und vielen weiteren Fragen werden wir in einem kollektiven close-reading der „zweiten Fassung“ (Gesammelte Schriften, Suhrkamp, Band VII 1) des Kunstwerkaufsatzes gemeinsam nachgehen. 

Die von Benjamin unveröffentlichte Version des Kunstwerkaufsatzes ist eine von mittlerweile fünf in der kritischen Gesamtausgabe (Suhrkamp, Band 16, 2013) vorliegenden Fassungen. Während diese Version in der deutschsprachigen Diskussion um Benjamins Medienästhetik bisher nur eine geringe Rolle spielt, verhält sich dies, wie aktuelle Publikationen zeigen (vgl. Hansen 2012, Friedlander 2024), im englischsprachigen Raum anders, was nicht zuletzt durch die Übersetzung der zweiten Fassung im Jahr 2008 (Harvard University Press) angeregt wurde. Insofern soll der Workshop auch einen Beitrag zu einer Diskussion leisten, die in der internationalen Benjamin-Forschung bereits vorangeschritten ist. Mit der zweiten Fassung werden wir auch jene Textfassung diskutieren, die im Umfeld des Frankfurter Instituts für Sozialforschung der zentrale Gegenstand der Kontroverse um die Frage nach den Emanzipationsmöglichkeiten von Massenkultur und neuer technischer Medien gewesen ist. Im Workshop werden wir daher auch der verästelten Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Kunstwerkaufsatzes nachgehen. 

In insgesamt 7 Panels werden wir den Kunstwerkaufsatz von Anfang bis Ende diskutieren. Nach kurzen Impulsen verschiedener Wissenschaftler*innen wird dabei ausreichend Zeit für die gemeinsame Textdiskussion vorhanden sein. 

Eine genaue Textkenntnis ist Voraussetzung des Workshops.

Da die Teilnahmemöglichkeiten vor Ort in Weimar begrenzt sind, wird es auch die Möglichkeit einer Online-Teilnahme geben. Sowohl für die Teilnahme in Präsenz vor Ort als auch online ist eine Anmeldung bis zum 12. Januar 2026 an folgende Mail-Adresse erforderlich: laurien.simon.wuest[at]uni.weimar.de

Teilnehmer*innen: Astrid-Deuber-Mankowsky, Maria Muhle, Eli Friedlander, Thomas Khurana, Eva Krivanec, Gertrud Koch, Sulgi Lie, Francesca Raimondi, Christiane Voss, Laurien Wüst

Programm

Freitag, 23. Januar 2026

13:00-13:30
Christiane Voss & Laurien Wüst (Weimar): Begrüßung

13:30-14:30
Maria Muhle (München): Zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte

14:30-15:45
Eli Friedlander (Tel Aviv): Abschnitte I-V, Input

– 15 Minuten Kaffeepause – 

16:00-17:30
Thomas Khurana (Potsdam): Abschnitt VI

17:30-18:45
Eva Krivanec (Weimar): Abschnitt VII-XI

 

Samstag, 24. Januar 2026 

09:30-11:00
Gertrud Koch (Berlin) & Sulgi Lie (Weimar): Abschnitt XII-XV

11:00-12:15
Astrid Deuber-Mankowsky (Bochum): Abschnitt XVI-XVIII

– 30 Minuten Kaffeepause – 

12:45-14:00
Francesca Raimondi (Berlin): Abschnitt XIX