Licht, Schatten, Dunkelheit

Studierende, die an Fotoarbeiten interessiert sind, finden in der Fotowerkstatt der Fakultät Gestaltung alles, was sie für die Realisierung ihrer Ideen und Konzepte benötigen. Egal, ob es sich um digitale oder analoge Fotografie handelt, jeder Arbeitsschritt kann in den Räumen unter dem Dach der Limona auf professionelle Art und Weise umgesetzt werden. Für ihre fotografischen Arbeiten stehen den Studierenden unter anderem ein komplett ausgestattetes, 90 Quadratmeter großes Fotostudio, exzellente Kameras, Dunkelkammern und High-End-Studioarbeitsplätze zur Verfügung. Vertraut mit dem Equipment und den verschiedenen Arbeitsschritten, helfen ihnen Werkstattleiter Jonas Tegtmeyer und Andreas Oberthür dabei.

Besucht haben wir die Fotowerkstatt im Sommersemester 2015. Wir begleiteten Studierende bei der Realisierung ihrer Ideen und gewannen dabei Einblicke in die zahlreichen Möglichkeiten, die diese Werkstatt zu bieten hat.

Luft fotografieren? Kein Problem! 

»Luft ¾« ist ein von Prof. Hermann Stamm und Dipl.-Des. Jens Hauspurg angebotenes Projekt, an dem Studierende der Visuellen Kommunikation, des Produkt-Design und der Freien Kunst teilnehmen konnten. Eine der Kernfragen, die dieses Projekt bestimmte, war, wie man Luft fotografisch abbilden kann. Drei Studierende fanden darauf ganz unterschiedliche Antworten. 

Das Fotostudio am frühen Morgen. Noch ist alles ruhig.
Das Fotostudio am frühen Morgen. Noch ist alles ruhig.

Alem: Musik liegt in der Luft

»Ich habe überhaupt keine Ahnung von Fotografie gehabt«, sagt Alem ohne falsche Bescheidenheit. Sie studiert im vierten Semester Visuelle Kommunikation und hat sich erst in den letzten Monaten zugetraut, fotografische Arbeiten umzusetzen. »Wir haben hier ein superkrasses Fotostudio und auch das entsprechende Kursangebot. Es wäre Verschwendung, nur aufgrund fehlenden Wissens das alles nicht zu nutzen«, erklärt Alem. So ist sie heute den gesamten Vormittag damit beschäftigt, das Element Luft fotografisch einzufangen. Für sie liegt Musik in der Luft. Alems Idee ist es, die Bewegungen einer spielenden Musikerin und die dabei entstehenden Schwingungen mittels Langzeitbelichtung festzuhalten. Die Fotos werden am Ende leicht verschwommen aussehen. Die Bewegung der Musikerin soll trotzdem noch erkennbar sein.

Früh am Morgen baut Alem zuerst alleine das Fotoset auf. Die Studiobeleuchtung, das Stativ, Reflektoren und die entsprechende Kamera – alles findet seinen Platz. Nachdem das Model, die Musikstudentin Verena, im Studio eingetroffen ist, beschäftigt sich Alem vor allem mit der Einstellung des Lichts: »Man guckt, dass nichts unter- oder überbelichtet ist. Ich will ein paar Schatten haben, damit es insgesamt spannender aussieht.«
Das richtige Licht zu treffen, ist für Alem ein Ausprobieren und Testen und hat viel mit Erfahrung zu tun. Und ein wenig hat sie davon schon sammeln können.

Es ist mittlerweile das dritte Mal, dass sie Musiker während des Spielens fotografiert. Anfangs hatte sie ständig das Bedürfnis, sich zu entschuldigen, weil es in der gesamten Fotowerkstatt so dröhnte. Heute ist sie da schon viel entspannter. Sobald Verena auf ihrer Gitarre oder Trompete spielt, kann Alem sogar die Musik genießen. Und dass sie keine Ahnung vom Fotografieren hat, stimmt jetzt auch nicht mehr. Nach einem ausführlichen Einführungskurs in der Werkstatt, bei dem ihr das Equipment und einzelne Arbeitsschritte vorgestellt wurden und verschiedensten Fotoshootings hat sie an Wissen dazugewonnen: »Ich lerne jede Woche etwas dazu. Ich habe selten so viele Fortschritte gemacht wie in diesem Semester.«

Alem baut das Fotoset auf.
Alem baut das Fotoset auf.
Alem baut das Fotoset auf.
Tipps von oben: Werkstattleiter Jonas Tegtmeyer gibt Alem hilfreiche Ratschläge für den Aufbau.
Bevor das Fotoshooting beginnt, braucht auch die Kamera ein wenig Zuwendung.
Nachdem Musikstudentin Verena eingetroffen ist, können die ersten Fotos geschossen werden. Vorher bedarf es allerdings zahlreicher Lichteinstellungen. Auch das Stativ muss ab und an leicht verschoben werden.
Zwischendurch betrachten Alem und Verena die entstandenen Bilder an einem kalibrierten Monitor.
Nach der Gitarre schnappt sich Verena die Trompete.

Robert: Die Luft ist raus.

Bei Robert ist manchmal die Luft raus. Durch sein Studium der Visuellen Kommunikation im achten Semester an der Bauhaus-Universität Weimar ist er oft damit beschäftigt, neue Ideen, Ableitungen und Blickwinkel für die unterschiedlichsten Projekte zu finden. Das schlaucht. Ab und an gibt es bei ihm dann schon diese Luft-raus-Momente. Aber genau die waren diesmal aber die Inspiration für das »Luft ¾«-Projekt. Auch aufblasbare Tiere kennen das, wenn ihnen die Luft ausgeht. Daher kam Robert auf die Idee, diese zu fotografieren – ohne viel ›Füllung‹. Anschließende Computertechniküberlagerungen sollen das Bild später unkenntlich machen. Die Idee ist, dass der Betrachter etwas sieht, was er nicht ganz zuordnen kann. Er bemerkt nur, dass es sich um etwas handelt, das knautschig, kaputt und flach ist – dass die Luft raus ist.

Für seine Bachelorarbeit möchte Robert ein Hochglanzmagazin gestalten, das sich thematisch mit Makrofotografie beschäftigt. Für Inspiration könnten auch die zahlreichen Fotozeitschriften in der Werkstatt sorgen.
In der Hohlkehle liegt das aufblasbare Tier. Nancy schießt ein Foto, während Robert den Reflektor hält. Auf dem Bildschirm können sie sofort sehen, wie das Foto geworden ist.
Für seine Bachelorarbeit möchte Robert ein Hochglanzmagazin gestalten, das sich thematisch mit Makrofotografie beschäftigt. Für Inspiration könnten auch die zahlreichen Fotozeitschriften in der Werkstatt sorgen.

Wenn die Fotos ausgestellt werden, sollen allerdings auch die aufblasbaren Tiere im Raum verteilt werden. So kann der Betrachter selbst zum Foto das entsprechende Gegenobjekt suchen. Damit es nicht nur bei der Idee bleibt, stehen heute weitere Makroaufnahmen an. Es ist bereits der dritte Anlauf. Bei den vorigen konnte man noch zu viel von der Form der Objekte sehen. Zusammen mit Kommilitonin Nancy, die ihm heute beratend zur Seite steht, fotografieren sie von jedem aufblasbaren Tier fünfmal den gleichen Bildausschnitt mit jeweils unterschiedlichen Schärfepunkten. Am Ende rechnet ein Bildbearbeitungsprogramm die Fotos zu einem hochauflösenden Makrobild zusammen. Da die Hochglanzoberflächen der Kunststofftiere sehr stark reflektieren und teilweise auch transparent sind, ist es gar nicht so einfach, die Lichtpunkte korrekt zu setzen.

Besonders zu schätzen weiß Robert den verschließbaren Raumhimmel der Fotowerkstatt.
Besonders zu schätzen weiß Robert den verschließbaren Raumhimmel der Fotowerkstatt.

Einfach oder nicht, Makrofotografie findet Robert faszinierend. Für seine anstehende Bachelorarbeit möchte er ein Magazin gestalten, dessen Grundthematik Makrofotografie ist. So wird Robert auch noch öfter Gelegenheit haben, den verschließbaren Raumhimmel der Fotowerkstatt zu nutzen. Begeistert sagt er: »Morgens um elf kann ich hier Nacht haben. Und wenn ich um 23 Uhr Sonnenlicht brauche, dann kriege ich das mit den Softboxen und entsprechenden Reflektoren annähernd hin. Die Lichtspielereien und die Möglichkeiten von Tag- und Nachtmanipulationen, die man hier hat, sind wirklich krass. Das hätte ich auch gern zu Hause.«

Pansy: Luftarmut – Die Beziehung zwischen Mann und Frau

Ein Bild von über einhundert, die Pansy gestern im Fotostudio geschossen hat.
Ein Bild von über einhundert, die Pansy gestern im Fotostudio geschossen hat.

Pansy ist für ein Semester Austauschstudentin an der Bauhaus-Universität Weimar. Zu Hause in Kanada ist sie im Studiengang Grafikdesign eingeschrieben und hat dort bereits Erfahrungen mit Bildbearbeitung gesammelt. In Weimar beschäftigt sich die Kanadierin das erste Mal ausführlich mit Fotografie. Gestern allein hat sie bereits über 100 Fotos im Studio geschossen. Auf jedem der Bilder sieht man tote Blumen und einen Staubsauger.

Pansy interessiert vor allen Dingen die Beziehung zwischen den beiden Objekten, denn für sie symbolisiert sie die manchmal schonungslose Beziehung zwischen Mann und Frau. In ihren Augen verkörpern die Blumen das Leben, die Liebe und den Tod. Sie brauchen Luft, um zu leben. Bleibt die Luft weg, sterben die Blumen. Einer ihrer Freunde hatte glücklicherweise einen alten Strauß zu Hause liegen. Pansy hatte zunächst versucht, in Weimarer Blumengeschäften fündig zu werden. Dort hörte sie allerdings oft nur: »Wir verkaufen keine toten Blumen.

Ihre schon in Kanada gewonnenen Erfahrungen mit spezieller Software kommen ihr jetzt zugute. Einige der Fotos, die sie gestern im Studio aufgenommen hat, verbessert sie heute mittels eines Bildbearbeitungsprogramms im Computerpool der Fotowerkstatt. So nimmt Pansy Farbkorrekturen vor, passt Kontraste an und entfernt zum Beispiel kleine Reflektionen. Nach ihrem Studium will sie im Bereich Verpackungsdesign arbeiten erzählt Pansy. Sie ist überzeugt, dass ihr gewonnenes Wissen im Bereich Fotografie später auch für das Entwerfen beispielsweise von Saftverpackungen nützlich sein wird.

Austauschstudentin Pansy aus Kanada im Computerpool der Fotowerkstatt
Austauschstudentin Pansy aus Kanada im Computerpool der Fotowerkstatt
Austauschstudentin Pansy aus Kanada im Computerpool der Fotowerkstatt
Fotoequipment gibt es in der Werkstatt reichlich. Einiges davon hat Pansy auch für ihre Fotos genutzt.
Heute bearbeitet sie die Fotos. Hauptsächlich nimmt sie Farbkorrekturen vor und entfernt kleine Reflektionen.
Mit dem Grafiktablett hat Pansy die Möglichkeit, sehr präzise und auch schneller zu arbeiten.
Wer es größer mag, kann hier auch großformatige Fotos drucken. Das Color Management, das unter anderem die Monitore, die Scanner, den Druckertreiber und die Rechnersoftware in der Werkstatt mit einschließt, sorgt dafür, dass das Foto auf dem Bildschi

Anna und Clemens: Analog is the real thing

Über 15.000 Menschen nehmen jedes Jahr am Thüringer Rennsteiglauf teil. Anna und Clemens, beide Studierende der Visuellen Kommunikation im sechsten Semester, waren diesmal auch mit dabei. Allerdings sind sie direkt am Ziel gelandet: denn anstatt zu laufen, fotografierten sie – die Sportler direkt nach dem Lauf.

Für das vom künstlerischen Mitarbeiter Dipl.-Des. Jens Hauspurg begleitete Projekt »status gold _ the real thing« arbeiten Anna und Clemens mit der Thüringer Tourismus GmbH zusammen. Im Zielbereich des Rennsteiglaufs hatten sie eine analoge Großbildkamera aufgebaut, um dort rund 50 Läufer fotografieren zu können. Auch digitale Bilder haben sie geschossen, die für eine Fotostrecke über die Teilnehmer des Wettkampfs in einem Magazin verwendet werden sollen.

Das Vergrößerungsgerät der Fotowerkstatt
Das Vergrößerungsgerät der Fotowerkstatt

Heute gilt das Interesse der Studierenden in der Fotowerkstatt ausschließlich den Negativen. Analoge Bilder, die ca. 1,27 Meter breit und 1,50 Meter hoch sind, wollen sie abziehen. Dafür legen sie das Negativ in ein Vergrößerungsgerät, das in der Großbild-Dunkelkammer steht. Hier wird das Negativ durchleuchtet und auf Fotopapier projiziert. Anschließend wird das Foto von Anna und Clemens in einzelnen Schritten entwickelt, gestoppt, fixiert und gewässert. Um das Bild zu trocknen, hängen sie es zum Schluss für mindestens einen halben Tag in der Werkstatt auf.

Was einfach klingt, ist ziemlich kompliziert. Jeder einzelne Arbeitsschritt hat seine eigenen Tücken. Das Fotografieren mit Großformattechnik, die Auswahl des passenden Fotopapiers und auch die exakte Wahl der Belichtungszeit wollen wohl bedacht sein und verlangen zahlreiche Testdurchgänge. Das Ergebnis ist in jedem Fall beeindruckend. Die großen, analogen Fotos wirken schon allein von ihrer Schärfe anders als digitale Bilder. Ausgestellt wurden sie zur summaery2015 in der alten Staatsbank in der Weimarer Steubenstraße und im Internet unter www.statusgold.de/wordpress/.

Die Großbilddunkelkammer, noch ist sie ziemlich hell.
Die Großbilddunkelkammer, noch ist sie ziemlich hell.
Die Großbilddunkelkammer, noch ist sie ziemlich hell.
Keine Überraschung: Meistens ist die Großbild-Dunkelkammer dunkel.
Zuerst wird das Negativ gesäubert.
Dann legt Anna das Negativ in das Vergrößerungsgerät.
Nachdem das Foto belichtet ist, schwenken es Anna und Clemens in verschiedenen Flüssigkeiten hin und her. Der Entwickler macht den Anfang. Er sorgt dafür, dass die belichteten Stellen reagieren und das Bild sichtbar wird. Für Anna ist das der schönste
Zum Schluss wird das Foto 20 Minuten lang gewässert um die Chemie wieder auszuwaschen.
Teststreifen, die Anna und Clemens zum Beispiel zeigen, ob sie die Augen aufhellen müssen. »Analoges Photoshop« nennt Anna das.
Die kleineren Testbilder können mit Hilfe dieser Maschine getrocknet werden.
Die großen Bilder müssen Anna und Clemens einen halben Tag lang zum Trocknen in der Werkstatt aufhängen.
Die Frau auf dem Bild nennen Anna und Clemens »den Engel«. Grund ist ihr engelsgleiches Äußeres.
Die Auswahl des nächsten Negativs steht an.
Und noch vor dem Mittag hängen hier schon zwei.

Auch wenn Clemens die Arbeit in der Großbild-Dunkelkammer genossen hat: sein Favorit in der Fotowerkstatt ist die Farb-Dunkelkammer. Die ist eher was für Ungeduldige. »Der gesamte Prozess geschieht hier in einer einzigen Maschine. Man belichtet sein Bild, schiebt es an dem einen Ende rein und nach 15 Minuten kommt es fertig entwickelt, gestoppt, fixiert, gewässert und getrocknet raus«, erklärt Clemens. Im nächsten Semester dann doch besser Farbfotos?