Gropius-Zimmer-Pavillon

Gemeinsame Werte, können nur gemeinsam geschaffen werden, dazu braucht es Gelegenheit, Räume und Verständigung und das, am besten auf einer partnerschaftlichen Basis.

Ein Reisebericht mit Einladung zum größer Denken. Von Julia Heinemann

Am 6. November 2022 wurde der Gropius-Zimmer-Pavillon, in einer verbindenden performativen, feierlichen Eröffnung für eine Standzeit von sechs Monaten an die polnische Partnerstadt Weimars, übergeben.

Es ist bereits die sechste Station für den Gropius-Zimmer-Pavillon der Bauhaus-Universität Weimar. Seit 2019 wandert der 5 mal 5 Meter große Kubus, eine stilistische Darstellung des ersten Bauhaus-Direktorenzimmers, auch durch die Partnerstädte Weimars. Nach Siena in Italien, Blois in Frankreich und Trier steht er nun im polnischen Zamość. Dabei hat diese Stadt eine ganz besondere Beziehung zu Weimar.

Zamość, ähnlich der Größe Weimars, ist eine Stadt im südöstlichen Teil Polens, unweit der ukrainischen Grenze. Benannt nach ihrem Gründer Jan Zamoyski, einem polnischen Magnaten, der den italienischen Architekten Bernardo Morando nach Polen berief, um unter seiner Leitung ab 1578 eine ideale Stadt im Sinn der italienischen Renaissance zu errichten. Seither durchlebte die Stadt eine wechselvolle und zum Teil grauenhafte Geschichte. Seit 1992 gehört die bauhistorische Idealstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO und ist seit 2012 die Partnerstadt Weimars.

Um die zehnjährige partnerstädtische Verbindung zu würdigen und Zamość in dieser durch Krieg im unmittelbaren Nachbarland gekennzeichneten Zeit nicht nur wörtlich beizustehen, errichtete eine kleine, bunte Delegation aus Weimar das symbolische Herzstück des Weimarer Bauhauses in Sprachbarrieren überwindender Zusammenarbeit gemeinsam mit einheimischen Handwerkern.

Die Weimarer Delegation, die ursprünglich vom Weimarer Bürgermeister Peter Kleine begleitet werden sollte, bestand aus Professor Winfried Speitkamp, Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport und ehemaliger Präsident der Bauhaus Universität Weimar, der als Repräsentant Thüringens und in Vertretung des Oberbürgermeisters mitreiste, den vier Architektur studierenden Hanna Ernst, Julian Pracht, Raphael Witte, Balint Kemny und der Projektverantwortlichen Julia Heinemann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Bauformenlehre der Bauhaus-Universität Weimar. Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Direktorenzimmer der Zukunft“ begleitete auch Kunsthistorikerin Bettina Güldner die Reise.

Seit der Planungsphase stand dem Weimarer Team die städtische Abteilung für Tourismus und Kultur in Zamość zur Seite. Agnieszka Rusin und Ihr Kollegium bereiteten einen herzlichen Empfang und wurden nicht müde zu betonten, wie dankbar sie sind, dass dieses Hoffnung stiftende Projekt realisiert werden konnte und wieviel es ihnen bedeutet.

Der Aufbau des Pavillons auf dem historischen Salzmarkt, in direkter Achse zum Rathaus und der Stadtverwaltung erfolgte in Rekordgeschwindigkeit, dank der Hilfe zahlreicher technischer Helfer aus der Stadt.

Neben dem gemeinen Arbeiten, Essen und konstruktiven Planungstreffen, sowie einer Stadtführung mit Besichtigung der historischen Renaissancegebäude und einer Vernissage politischen Grafikdesigns, war das gemeinsame Gedenken der durch die Nationalsozialisten verschleppten und ermordeten Kinder einer der emotionalsten Momente der Reise.

Während des Zweiten Weltkrieges sollte Zamość unter der deutschen Okkupation zur „Himmler-Stadt“ werden. Daher wurde die jüdische Bevölkerung in Vernichtungslager deportiert; Tausende jüdische Kinder wurden ermordet. Die christlichen polnischen Bewohner wurden umgesiedelt, und polnische Kinder, die äußerlich dem rassistischen Ideal der Nationalsozialisten entsprachen, wurden ihren Eltern weggenommen, um sie in „Lebensborn“-Heime zu bringen oder in Deutschland zur Adoption freizugeben. 30.000 Kinder wurden derart aus der Region bis zum Kriegsende verschleppt. Vor genau achtzig Jahren, im November 1942, begannen die großen Deportationen. Aus diesem Anlass legte die Weimarer Delegation gemeinsam mit dem Stadtpräsidenten Andrzej Wnuk in einer stillen Zeremonie am Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus Blumengebinde nieder.

Aber nicht nur die Geschichte der Stadt Zamość machte die Reise zu einem eindrücklichen Erlebnis. Die gerade einmal 40 km entfernte ukrainische Grenze ließ die Frage nach gemeinsamen, verbindenden Werten in Zeiten von Krisen und Krieg zu einem der zentralen Themen in den Gesprächen werden.

Am Sonntag, den 6. November 15 Uhr war alles bereit für den Festakt. Etwa 100 Bürgerinnen und Bürger der Stadt Zamość waren anwesend, als mit einer gemeinsamen Performance der Bauhaus-Repräsentanten und einer Theatergruppe der Stadt die Feier eröffnet wurde. Es folgten Grußworte durch den Stadtpräsidenten Andrzej Wnuk, den Staatssekretär Prof. Dr. Winfried Speitkamp und die Projektinitiatorin Julia Heinemann.

Andrzej Wnuk, hob in seiner Rede besonders die partnerschaftliche Beziehung der beiden Städte und die Unterstützung in Zeiten von Unsicherheit und Krisen hervor. Prof. Speitkamp unterstrich in seiner Ansprache die Bedeutung von Bildung auch im Sinne des historischen Bauhauses für die gesellschaftliche Entwicklung der Gegenwart. Julia Heinemann erläuterte die symbolische Formsprache und den Aufforderungscharakter des Projektes; sie unterstrich hier besonders den Appell zur gemeinwohlorientierten Mitgestaltung in einer demokratischen Gesellschaft*.

Nach Übergabe der Geschenke – einem Baukastensystem, das das Prinzip des Ursprungwürfels in sich verkörpert, wobei der Würfel der kleinste und zugleich größte gemeinsame Nenner ist und für einen common sense, für die gemeinsamen Werte einer demokratischen Gesellschaft stehen kann, wurde auch der große Würfel – der Pavillon – förmlich übergeben – durch das gemeinsam von Stadtpräsident Wnuk und Staatssekretär Speitkamp vollzogene und von Trommelwirbel begleitete Anbringen der Erläuterungstafel.

Den Ausklang boten Mitglieder der städtischen Musikschule mit mitreißenden instrumentalen und gesanglichen Beiträgen. Ein gesponserter Glühweinausschank sorgte für eine zusätzlich, erwärmend feierliche Eröffnungsstimmung.

In den kommenden sechs Monaten steht das offene Direktorenzimmer hinter dem Rathaus als einladende Raumgeste, um die bereits angeregten Ideen möglicher Kooperationen und künstlerischer Interpretationen im Bewusstsein zu verankern und den Ideen- und Möglichkeitsraum offen und präsent zu halten.

Dieses Angebot gilt den Akteuren Vorort in Zamość aber auch denen in der Partnerstadt Weimar.

So sind auch Interessierte der Bauhaus-Universität Weimar angesprochen, die Verbindung zu Zamość für unterschiedliche Projekte und Kooperationen zu nutzen. Exkursionen zum Städtebau oder zur Architekturgeschichte sind naheliegend, aber auch im Bereich Grafikdesign, Kunst, Erinnerungskultur oder Architekturvermittlung bietet die Stadt viele Anknüpfungspunkte und bereits sehr interessierte Ansprechpartner.

Die Standzeit in Zamość ist vom 6.11.22 - April 2023.

 

Auszug aus der Eröffnungsrede 4.Akt, Ansprache GZP Zamość / Julia Heinemann:

Sehr geehrter Stadtpräsident Wnuk, sehr geehrter Staatssekretär Prof. Speitkamp, liebe Akteure und Mitwirkende dieses städtepartnerschaftlichen Projektes, sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Ehre und Freude im Namen der Stadt Weimar gemeinsam mit Ihnen hier und heute den Gropius-Zimmer-Pavillon auf dem Salzmarkt mitten in der Stadt Zamość für eine Standzeit von sechs Monaten zu eröffnen. Der Pavillon ist ein Stück, ein Raum aus unserer Heimat Weimar, den wir mitgebracht haben. Mit diesem Raum möchte die Stadt Weimar seiner Partnerstadt Zamość in dieser schweren Zeit nicht nur symbolisch beistehen.

Dieser Raum ist nicht irgendein Raum – der Pavillon empfindet mit seiner Raumgeometrie das erste, von Walter Gropius entworfene Direktorenzimmer des Bauhauses wieder. Es ist sozusagen das Herzstück der vor über 100 Jahren in Weimar gegründeten Bauhaus-Schule.

Das vornehmliche Ziel des Bauhauses war der allseitig gebildete Mensch, dem die großen Zusammenhänge im Leben wichtiger sind als die Einzelteile, der mit allem verbunden ist und der in allem den Bezug zum großen Ganzen sieht. Diese Idee ist im Direktorenzimmer – durch den Raum im Raum – sichtbar. Aus dem Ursprungspunkt heraus kann der Raum im Raum immer weiter und größer gedacht werden.

Je nach Standort entstehen neue Raumbezüge. Hier in Zamość steht der Pavillon auf einer Achse zum Rathaus – die Tür des Gropius-Zimmers zeigt auf die Hintertür des Rathauses – und definiert den Platz hinter dem Rathaus als erweitertes Direktorenzimmer. Dieser kubische Raum kann auch in die Höhe größer gedacht werden, bis hoch zum Rathausturm.

So wird der öffentliche Raum zu einer Erweiterung des Direktorenzimmers. Wir alle finden uns in diesem größer gedachten Direktorenzimmer – und damit in der Rolle des Direktors und in seiner Verantwortung – wieder. Dieser so entstandene Kunstraum kann im Bezug zu der geometrisch angelegten Idealstadt Zamość so interpretiert werden, dass das öffentliche Direktorenzimmer den Rückhalt des Rathauses, der demokratischen Regierung, bildet.

In einer Demokratie haben wir nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten und tragen Verantwortung, über die wir den gewählten Vertretern zuarbeiten. Der Pavillon möchte inspirieren und einladen, Demokratie durch eigene Initiative immer wieder neu und anders für sich selbst und die Gesellschaft zu interpretieren.

Ein sehr gelungenes Beispiel haben wir soeben in der Eröffnungsperformance gesehen, die die Fragen in den Raum stellt: Was sind die „verbindenden“ gemeinsamen Werte? Vielen Dank nochmal dafür!

An dieser Stelle möchte ich im Namen der Stadt Weimar ein Gastgeschenk an Sie, den Stadtpräsident Herrn Wnuk und damit an die Partnerstadt Zamość überreichen. Es ist ein Baukastensystem, das genauso wie die Stadt Zamość auf einem quadratischen Raster aufgebaut ist und die harmonische Verbindung aller Teile zu einem Ganzen darstellt. Ausgehend von einem Nullpunkt wachsen die Bausteine in Form von quadratischen Platten in die drei Raumachsen hinein – genauso wie sich der Raum des Direktorenzimmers aus dem Ursprungspunkt heraus projektiert größer denken lässt.

Die Steine sind nicht gleich: Es gibt unterschiedliche Größen und Gewichtungen, aber alle fügen sich – durch das Grundmaß – zu einem schlüssigen Ganzen. Sie sind nicht gleich und auch nicht gleichwertig in Größe und Gewicht, aber alle gleich wichtig und wertvoll, um das Ganze ganz zu machen. Nimmt man das Ganze, den Kubus, auseinander und setzt die Einzelteile neu zusammen, entstehen immer wieder andere, neue wohlproportionierte Raumkonstellationen.

Der Würfel ist der kleinste und zugleich größte gemeinsame Nenner, der – größer gedacht – ein Zimmer ist und auf dem eine ganze ideale Stadt aufgebaut sein kann. Diese abstrakten Quadersteine können also für Vieles stehen: vor allem aber für einen Gemeinsinn, einen common sense, für unsere gemeinsamen Werte einer demokratischen Gesellschaft. Und als diese verbindende Idee einer idealen Stadt und einer idealen Gesellschaft möchte ich diesen kleinen und großen Würfel (also den Pavillon) im Namen der Stadt Weimar überreichen. Vielen Dank an Sie alle, die sich für eine soziale und gerechte Gesellschaft engagieren!

Ich freue mich, hiermit auch die besonders herzlichen Grüße des Oberbürgermeisters von Weimar, Herrn Peter Kleine, zu überbringen. Und als letzten abschließenden gemeinschaftlichen Aufbauakt werden jetzt der Stadtpräsident Herr Wnuk und der Staatssekretär Prof. Speitkamp die polnische Erklärungstafel anbringen. Bitte schreiten Sie zur Tat! ...

 

 

Gropius-Zimmer-Pavillon in Blois, Frankreich. Foto: Julia Heinemann.

__ Okt. 2021

In Vorbereitung auf das Bauhaus-Jubiläum von 2019 hat Prof. Bernd Rudolf, Professur Bauformenlehre an der Fakultät Architektur und Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar, das Kernmodulprojekt Bauhaus.Oasen angeregt und gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickelt.

Aus diesem Bauhaus.Oasen ging das Kooperationsprojekt "Gropius-Zimmer-Pavillon" hervor, das zur "Woche der Demokratie" 2019 erstmals auf dem Theaterplatz in Weimar aufgestellt und danach in Dresden und wiederum in Weimar an der Universität gezeigt wurde, bevor es auf eine Reise zu den Partnerstädten Weimars geschickt wurde. Erster Standort war die Stadt Siena in der Toskana....

Nach einjährigem Corona-Schlaf an der Loire wurde der Gropius-Zimmer-Pavillon in Blois" von den drei Master-Studierenden Hannah Ernst, Raphael Witte und Julian Pracht sowie Henning Schrader (drittes Semester Bachelor) unter der Leitung von Julia Heinemann, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Bauformenlehre, wiedererweckt und als begehbare Rauminstallation neben dem Hotel de Ville (dem Rathaus) im Jardin de l'Évêché zusammengesetzt.

Nach dreitägiger Aufbauarbeit fand am Donnerstag, den 28. Oktober 2021, bei strahlendem Sonnenschein die feierliche Übergabe an die Stadt Blois statt. Dazu reiste eine kleine Delegation der Stadt Weimar an. In Vertretung des Weimarer Oberbürgermeisters Peter Kleine, übernahm der Universitätspräsident die ehrenvolle Aufgabe, den Pavillon bei einer feierlichen Ansprache an die Stadt Blois zu übergeben.Die Vizebürgermeisterin der Stadt Blois, Fabienne Quinet begrüßte die deutschen Gäste und die weiteren Besucher der Veranstaltung herzlich, verwies auf die große Bedeutung der Städtepartnerschaft Weimar-Blois und dankte für das Engagement derer, die das Projekt ermöglichten. Nach dem Grußwort des Oberbürgermeisters Peter Kleine, vorgetragen von Martina König als Vertreterin der Stadt Weimar setzte sich Prof. Speitkamp in seiner Grußadresse mit der Aktualität des Bauhaus-Gedankens auseinander. Er erläuterte den Kontext des Projekts und stellte besonders die Verbindung zwischen dem historischen Bauhaus, der heutigen Bauhaus-Universität Weimar und dem Neuen Europäischen Bauhaus her. Julia Heinemann schloss mit der Metaphorik und dem Raumkonzept des Gropius-Zimmer-Pavillons und nahm dabei anschaulich Bezug auf die Relationen am Standort*.

Ein gemeinsam geführter Schnitt durch das Trikoloreband am "Eingang" symbolisierte die Eröffnung für die Öffentlichkeit. Mit dem Anschrauben der erklärenden französischsprachigen Tafel durch die beiden Oberhäupter war die Rauminstallation am Standort vollendet und liegt für Interpretation und Nutzung in französischer Verantwortung.

Rund um den Pavillon fanden zahlreiche Gespräche zu möglichen Kooperationen zwischen den verschiedensten Institutionen satt.Wie z.B. Ein Treffen mit dem für das Hochschulwesen zuständigen Vizepräsident des Gemeindeverbunds Blois, Yann Laffont, dem Bürgermeister Marc Gricout, Prof. Dr. Winfried Speitkamp und weitere Gesprächspartner, bei dem es um Möglichkeiten und Formen der Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen der Region und der Bauhaus-Universität Weimar ging. Oder dem Termin an der "Ecole de la Nature et du Paysage", eine Hochschule für Landschaftsarchitektur, die Teil des "Institut national des sciences appliquées Centre Val de Loire" (INSA) in Blois, in deren Zusammenarbeit verschiedener Hochschulen des Verbundes INSA zeigen sich in vielerlei Hinsicht Parallelen zur Bauhaus-Universität Weimar und vor allem vergleichbare Ziele und Arbeitsweisen. Hier ging es an erster Stelle um die Möglichkeiten eines Studierendenaustausches, der etwa im Rahmen von Spring School und Summer School erprobt werden könnte und ggf. mit einzelnen Professuren auszubauen wäre.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die gesamte Veranstaltung als großer Erfolg für die BauhausUniversität und die Stadt Weimar zugleich zu werten ist. Die Reise des nächtlich erleuchteten Gropius-ZimmerPavillons geht somit erfolgreich weiter, begleitet von der Freude über viele neu entstehende Kooperationsmöglichkeiten. Der große Dank gilt an erster Stelle den Studierenden Hannah Ernst, Raphael Witte, Julian Pracht und Henning Schrader sowie Julia Heinemann, die das Projekt initiierte und seit 2019 an der Professur Bauformenlehre unter Prof. Rudolf betreut, sowie den weiteren Helfern die diesen Erfolg ermöglicht haben. Und der Dank gilt ebenso allen in den Städten Blois und Weimar, die diese Botschaftsreise mit so viel Elan und Begeisterung unterstützt haben.

 

 

Über die Symbolik des Gropius-Zimmer-Pavillons am Standort Blois im Jardin de l'Évêché (aus der Ansprache)

Vielen Dank an die, die diesen Anlass ermöglicht haben .... Sehr geehrte Damen und Herren, Ich möchte Ihnen gern kurz die Idee dieses Pavillons erläutern, der in den letzten drei Tagen von den Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar Hannah Ernst, Raphael Witte, Julian Pracht und  Henning Schrader mit Hilfe von Lois und Evree ́ und weiterer hervorragend organisierter Unterstützung durch Rachid Ennajib hier im Jardin de l'Évêché errichtet wurde.

Der Pavillon stellt in abstrakter Übersetzung das Direktorenzimmer des ersten Bauhausdirektors, Walter Gropius, dar. Deswegen wird er Gropius-Zimmer-Pavillon genannt. Das 1919 in Weimar von Walter Gropius gegründete Staatliche Bauhaus war eine Kunstschule. Nach Art und Konzeption damals handelte es sich um etwas völlig Neues, da das Bauhaus eine Zusammenführung von Kunst und Handwerk darstellte.

Das historische Bauhaus stellt heute die einflussreichste Bildungsstätte im Bereich der Architektur, der Kunst und des Designs im 20. Jahrhundert dar. Das Bauhaus bestand zeitlich parallel mit und in der Weimarer Republik von 1919 bis 1933 und gilt heute weltweit als Heimstätte der Avantgarde der Klassischen Moderne auf allen Gebieten der freien und angewandten Kunst und Architektur. Das im Hauptgebäude des historischen Bauhauses und der heutigen Bauhaus-Universität Weimar verortete Gropiuszimmer gilt als die erste gesamtheitliche Raumkomposition der Moderne.

Der Gropius-Zimmer-Pavillon, der dem echten Gropius-Zimmer in einer abstrakten Raumliniatur nachempfunden ist, wurde anlässlich der Woche der Demokratie Anfang des Jubiläums zu 100 Jahre Bauhaus / 100 Jahre Demokratie als Kooperationsprojekt im Februar 2019 erstmalig auf dem Weimarer Theaterplatz errichtet. Der Pavillon bildet über die Grundlinien das "Körper im Körper"-Raumkonzept des Direktorenzimmers nach und definiert somit einen offenen Raum im öffentlichen Raum.

Aus dem Ursprung (in der gefassten Raum-Ecke) dieser kubischen Raumgeometrie heraus projiziert, kann der Raum in seinen Achsen weiter und größer gedacht werden, womit auch seine Bestimmung mit und größer gedacht werden kann und so die Funktion der Direktorenschaft auf die Öffentlichkeit übergeht. Anliegen dieser Installation ist das Gewahrwerden der eigenen Rolle in einer demokratischen Gesellschaft, nämlich dass man nicht nur das Recht der Mitgestaltung innehat, sondern auch die Pflicht, die uns alle betrifft.

In einer Demokratie sind wir keine Zaungäste, sondern Akteure, jeder/jede in seinem Bereich und darüber hinaus, um das Gesamtkunstwerk Gesellschaft mitzugestalten.Gäste und Passanten sind eingeladen, den Pavillon zu interpretieren, sich in ihm aufzuhalten, darin und darüber ins Gespräch zu kommen, sowie die Bedeutung der Direktorenschaft einer demokratischen Gesellschaft offen zu diskutieren._________________________

Jetzt, hier und ab heute steht der Gropius-Zimmer-Pavillon für eine Zeit im "Jardin de l'Évêché": Visasvis mit dem Rathaus, etwas zurückgesetzt, ehrfürchtig in respektvollem Abstand, auf Höhe der Jean D Àrc, bietet er mit "klarer Kante", ein partnerschaftliches Gegenüber. Die Mittelachse des "hotel de ville" aufnehmend (zu interpretieren: mit den Grundwerten d'accord seiend, also mit dem Vermächtnis der Französischen Revolution- und dem Vorbild der Weimarer Republik: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit-) .

Mit der zweiten Achse ist er am Reiterstandbild der jungen Jean D Àrc ausgerichtet und steht ihr unmittelbar zur Seite. Das Ideal ihrer Courage - mutig, für die innere Überzeugung aus dem Herzen heraus zu handeln - steckt als Idee (das Herzstück des historischen Bauhauses) auch in dem Pavillon, der ihr einen Rahmen bietet - von innen heraus betrachtet.

So bildet der Pavillon als Weimarer Delegation zusammen mit den für die Stadt Blois stehenden Wahrzeichen die "Eckpfeiler" eines Raumes, der als verbindender und offener Diskussionsraum aufgemacht wird: ausgerichtet und zugewandt einem fantastischen, weiten Blick über die Stadt und damit der Öffentlichkeit. Der Punkt, aus dem die drei Raumachsen des Pavillons entspringen, wird somit wieder Ursprungspunkt eines viel weiter gefassten (metaphorischen) Raumes: der Verantwortungs- und Spielraum der Demokratie -> die Direktorenschaft.

Der Gast, die Partnerstadt Weimar -> wofür der Pavillon steht, interpretiert somit einen bereits bestehenden Raum neu und bringt eine neue Perspektive mit sich, und damit eine neue Wahrnehmung - wozu der Besuch eines Freundes, mit anderem Blick auf das Gewohnte, ja auch dient.

Drei Monate lang soll er in dieser offenen Geste die gemeinsamen Werte und freundschaftliche Beziehung verkörpern und zum zwischenmenschlichen Dialog einladen. Der Pavillon reiht sich nicht einfach ein, er setzt sich bewusst mit dem Vorgefundenen auseinander, stellt Beziehung her und schafft Raum und auf diese Weise ein neues Selbstverständnis - für sich und die Beziehung, in der er sich positioniert. In diesem Fall hier in Blois ist das ein ganz besonders kraftvoller Raum. Mit der jugendlichen Courage einer Jean D `Arc, mit den für das Rathaus stehenden Werten der franz. Revolution- Gleichheit - Freiheit - Brüderlichkeit - Mit dem weiten Blick in eine alles denkbare Zukunft. Warum also nicht die Vorreiter-Tradition der Partnerstädte aufnehmen und gemeinsam etwas völlig Neues wagen?Was genau das sein kann - können wir ja im Austausch herausfinden. Auf eine inspirierende und kreative Städtepartnerschaft!


Die gemeinschaftliche Direktorenschaft der Zukunft als in die Welt zu tragendes Erbe Weimars / 2019

Das Direktorenzimmer des Bauhausgründers Walter Gropius als abstrakte Rauminstallation zu Fuße des gotischen Doms der toskanischen Stadt Siena. Foto: Julia Heinemann.

100 Jahre Bauhaus
Als 1919, vor 100 Jahren, das staatliche Bauhaus zu Weimar gegründet wurde, war der Ansatz der Lehre ein völlig neuer. In erster Linie ging es um eine ganzheitliche Betrachtung auf Gesellschaft und Leben und die gemeinschaftliche Gestaltung dieser. Das vornehmliche Ziel des Gründungsdirektors war der allseitig gebildete Mensch, dem die Zusammenhänge im Leben wichtiger erscheinen als die Einzelteile.
2019 feierte die Bauhaus-Universität Weimar das 100-jährige Gründungsjubiläum des in Weimar nur sechs Jahre jung gebliebenen Staatlichen Bauhauses.
Das »Staatliche Bauhaus« war von den Gründern als eine Gemeinschaft der am Bau Tätigen gedacht, in der die Unterscheidung zwischen Handwerkern, Architekten und Künstlern aufgehoben werden sollte. Anliegen war es, gesellschaftliche Unterschiede zu beseitigen und zum Verständnis zwischen den Völkern beizutragen.
Inspiriert wurde das Bauhaus zudem von den Bauhütten Organisationen der gotischen Dombaukunst, was in dem Gründungsmanifest von Walter Gropius deutlich wird: Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens.

100 Jahre später_ 2019 Siena
Nun steht das abstrahierte Direktorenzimmer des Bauhausgründers, der Gropius-Zimmer-Pavillon auf dem Domplatz vor der Cattedrale Metropolitana di Santa Maria Assunta, einer der bedeutendsten gotischen Kathedralen Italiens.
Zum Ausklang des Jubiläumsjahres und zum 25 jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft ist der Gropius-Zimmer-Pavillon sowohl Geschenk der Stadt Weimar an seine toskanische Partnerstadt Siena als auch Bauhaus Botschafter.
In erster Linie geht es darum, die im Jubiläumsjahr zu würdigenden Errungenschaften der ersten Demokratie in Deutschland durch die Weimarer Republik und den avantgardistischen Bauhausgedanken symbolisch in die Welt zu tragen und in der Partnerstadt sowohl auf diese Städte-Verbindung aufmerksam zu machen als auch einen Gedankenraum dafür zu schaffen.

Gropius-Zimmer-Pavillon
Der Gropius-Zimmer-Pavillon wurde erstmals im Rahmen der „Woche der Demokratie“ Anfang des Jahres auf dem Weimarer Theaterplatz errichtet. Das im Hauptgebäude der Bauhaus Universität Weimar verortete Gropiuszimmer, das als die erste gesamtheitliche Raumkomposition der Moderne gilt, wurde als abstrakte Raumliniatur nachempfunden und als architektonische Intervention der von Gropius gestalteten Gedenktafel zur Nationalversammlung an der Theaterfassade des Deutschen Nationaltheaters in Weimar gegenübergestellt.

 

Eröffnung des GZP auf dem dem Weimarer Theaterplatz zur Woche der Demokratie Februar 2019. Foto: Julia Heinemann.

Die Installation bildet die Grundlinien des Direktorenzimmers nach und definiert somit einen öffentlichen Raum im öffentlichen Raum, der Besucher einlädt, ihn für sich zu interpretieren, sich darin aufzuhalten und ins Gespräch zu kommen, sowie die Dimensionen der Direktorenschaft einer demokratischen Gesellschaft weiter und größer zudenken.
Durch die offene Raumgeometrie, die aufgrund des sich vergrößernden Ursprungwürfels aus der Installation heraus gedanklich größer projiziert werden kann, wird der Raum nicht nur nach Außen geöffnet, sondern öffnet auch seine Funktion in die Öffentlichkeit, wodurch die Direktorenschaft auf den öffentlichen Raum und damit auf die Öffentlichkeit übergeht.
Anliegen dieser metaphorischen Installation ist das Gewahr werden der eigenen Rolle in einer demokratiebasierten Gesellschaft. Dass man nicht nur das Recht der Mitgestaltung innehat, sondern damit auch Verantwortung einhergeht, die uns alle betrifft. In einer Demokratie sind wir keine Zaungäste, sondern Akteure, jeder in seinem Bereich und darüber hinaus, das Gesamtkunstwerk Gesellschaft betreffend.

Heimat Fremde -> fremde Heimat
Dieser Pavillon wurde nun als Weimar-Bauhaus-Demokratie Botschafter – an seiner vorherigen Station, dem Foyer des DHMD (deutsches Hygienemuseum Dresden) nach dem Tanzperformance Projekt »Heim@«, abgebaut.
Als Raum-Skulptur wurde er tänzerisch interpretiert. Die für den Pavillon entwickelte Tanzperfomance Heim@ hinterfragte die Aneignung der Fremde als Heimat. Nachdem die raumgreifende Installation in seine Einzelteile zerlegt und einer klaren Kategorisierung der Bestandteile hochkomprimiert im LKW verstaut und gesichert war, verließ er die Heimat in Richtung Süden, um in der Fremde eine neue Heimat zu finden.

Der zweitägige Road Trip mit Überquerung der Alpen brachte den Pavillon und sein Aufbauteam in die Toskana. Foto: Julia Heinemann.
Tanzperformance Projekt Heim@, Foto: Julia Heinemann.
Der zweitägige Road Trip mit Überquerung der Alpen brachte den Pavillon und sein Aufbauteam in die Toskana. Foto: Julia Heinemann.

In Siena, der italienischen Partnerstadt Weimar wurden Pavillon und Team herzlich empfangen und sogar von der Polizei vor den Dom eskortiert. Auf dem Domplatz piazza del duomo errichtete das Pavillon-Team der Bauhaus-Universität in Zusammenarbeit mit Sienesischen Handwerkern und an prominenter Stelle, am Fuße der Cattedrale Metropolitana di Santa Maria Assunta, die mit ihrer charakteristischen schwarz-weißen Marmorverblendung eines der bedeutendsten Beispiele der gotischen Architektur weltweit ist, den Pavillon in einem Tageswerk.

Collaborazione
Diese Zusammenarbeit war sehr beeindruckend. Nach kurzer Zeit flauten die aufgebrachten italienischen Diskussionen von Personen der Stadtverwaltung, Ordnungshütern und Handwerken direkt oder über Telefon geführt, ab und es entstand ein fast performativ anmutendes, handwerkliches, gemeinschaftliches Zusammenspiel. Was an die Worte Gropius denken ließ, die er vor 100 Jahren im Gründungsmanifest formulierte: Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte!

Aufbau. Foto: Julia Heinemann.
Aufbau. Foto: Julia Heinemann.
Aufbau. Foto: Julia Heinemann.

Reprints des original Bauhaus-Manifestes, mit dem von L. Feininger gestaltenden Titelbild einer kristallinen gotischen Kathedrale als Sinnbild des gemeinschaftlich zu gestaltenden Gesamtkunstwerks, waren Teil der amtlichen Übergabe des Pavillons von der Stadt Weimar, vertreten durch den Oberbürgermeister Peter Kleine an seinen Amtskollegen Luigi De Mossi. Kleine verwies auf das 25-jährige Bestehen der partnerstädtischen Verbindung und wünschte sich ein Aufrechterhalten der nun wiederbelebten Kooperation beider Partnerstädte.

Julia Heinemann, die das Projekt verantwortete und als Vertreterin der Bauhaus-Universität Teil der Weimar Delegation war, verwies in ihrer Ansprache auf die Bedeutung des Bauhauses nicht nur in Hinblick auf das Design, die Architektur und die darin entstandenen Objekte, sondern auf den in die Zukunft gerichteten Blick der Schule: auf das Bildungskonzept, die neue Raumauffassung, Kooperation und das Denken in größeren, ganzheitlichen Zusammenhängen.
All dieses verkörpert der Pavillon nun auch in seiner Entstehungsgeschichte vor Ort.
Wie ein Satellit steht er dem massiven dickwandigen, monumentalen Kathedralenbau gegenüber und kündet von einer beiden zugrundeliegenden Idee, die wieder aufgenommen und weitergedacht werden sollte.
Nachdem die Stadtvertreter als abschließende Amtshandlung die italienischen Infotafel am Pavillon befestigt hatten und damit auch der Sinngehalt an die Stadt Siena übergeben war, überreichte OB Kleine einen weiteren, etwas kleineren Kubus. Ein mit dem Red Dot ausgezeichnetes Baukastensystem namens PLATTENBAU, welches von Heinemann entwickelt und als didaktisches Mittel heute in der Lehre an der Bauhaus Universität Weimar eingesetzt wird.
Auch dieses metaphorisch als Sinnbild des modularen, vielschichtigen und zugleich abstrakten Raumgedankens und Zusammenspiels verschiedenster Einzelteile, die immer wieder harmonisch in einer neuen Gesamtkonstellation zusammengefügt werden können, in der jedes Teil, unabhängig von Größe und Ausrichtung, seine ganz bestimmte Funktion einnimmt, um das Gesamtkunstwerk zu ermöglichen.

Eröffnung Siena. Foto: Martin Schintzel.
Eröffnung Siena. Foto: Martin Schintzel.
Eröffnung Siena. Foto: Martin Schintzel.

Nach einer arbeitsintensiven und erhebenden Forschungs- und Botschafter Reise bot die zweitägige Heimreise aus der Toskana Zeit, die intensiven Erlebnisse gedanklich zu sortieren und die jeweiligen Einzelerlebnisse in einen größeren Zusammenhang zu verorten und weiterzudenken …
Ein besonderer Dank gilt den drei Master-Architekturstudenten Peter Schend, Martin Schinzel, Christoph Steinhäuser sowie dem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Professur Bauformenlehre Louis Thomet, dem Spezialisten Christian Kaiser, den italenischen Handwerkern der Firma Soldati und dem Koordinator der Stadt Siena Carlo Infantino, sowie dem Pressesprecher der Stadt Weimar, Andy Faupel.
Julia Heinemann

Foto: Julia Heinemann.
Foto: Julia Heinemann.
Foto: Julia Heinemann.
Blick vom Torre del Mangia (zwischen 1338 und 1348 erbaut) auf der Piazza del Campo, dem wichtigsten Platz Sienas, neben dem Palazzo Pubblico in Richtung Dom. Foto: Julia Heinemann.