Hannah Peuker

Projekttitel

Körperliche Entgrenzungen im Kino der 1970er Jahre. Eine Neubewertung der Affizierung des Menschen aus medienanthropologischer Perspektive

Projektbeschreibung

In einer Gratwanderung zwischen sexueller Revolution und Bedürfniskommerzialisierung eroberten populäre Erotikfilme in der zweiten Hälfte des 20. Jh. die Kinoleinwände. In den 1970er Jahren fand diese Tendenz in verschiedenen nationalen, politischen und gesellschaftlichen Kontexten ihren Höhepunkt. Kurzerhand von Kritiker*innen und Intellektuellen als reaktionär, sexistisch und vulgär stigmatisiert, fanden die Filme hingegen nur selten Einzug in Festival-Programme und akademische Diskurse. Obgleich sich seit einiger Zeit Ansätze der Neubewertung abzeichnen, hält sich die ursprüngliche Diffamierung weiterhin hartnäckig als Dogma filmografischer Wissensordnungen und schlägt sich nicht zuletzt dahingehend nieder, welche Kinematografien theoretisiert, präserviert und zugänglich gemacht werden – und welche nicht.
Mein Dissertationsprojekt setzt an dieser Lücke an und wirft die Frage auf, welche Wechselwirkungen sich zwischen körperlichen Entgrenzungstendenzen im Kino und gesellschaftspolitischen Entwicklungen der 1970er Jahre aufzeigen lassen. Anhand der italienischen Commedia sexy, der brasilianischen Pornochanchada und dem japanischen Pinku eiga sollen sowohl transnationale Charakteristika als auch Partikularitäten der jeweiligen Körperästhetiken nachgezeichnet und in einen Dialog gebracht werden.
Hierbei steht die These im Mittelpunkt, dass sich im somatischen Kino der 1970er Jahre nicht nur vielschichtige Aushandlungen der Dialektik von Politisierung und Individuation finden lassen, sondern dass sich aus der gezielten Affizierung des Menschen eine grundlegende Rekonfigurierung der sinnlich-ästhetischen Erfahrung und ihrer Verortung in der Moderne ergibt. Trennlinien zwischen Sensiblem und Intelligiblem können als konstitutiv für die Ideengeschichte der europäischen Moderne angesehen werden. Diese Trennlinien werden im somatischen Kino der 1970er Jahre überschritten und als obsolet markiert. Der historische Rückbezug auf eine Körperästhetik, die sich hier etablierte, verlangt folglich nach der Neubewertung des Verhältnisses zwischen körperlicher Nähe und reflexiver Distanz, nach einer Neubewertung also, die als Grundlage für das Verständnis von anthropomedialen Verschränkungen notwendig ist. 

Vita

Hannah Peuker ist Doktorandin im Graduiertenkolleg „Medienanthropologie“ an der Bauhaus Universität Weimar und forscht zum Thema einer filmischen Körperästhetik der 1970er Jahre. Sie schloss sowohl ihren Bachelor der Theater-, Film- und Medienwissenschaft und der Betriebswirtschaftslehre als auch den International Master in Audiovisual and Cinema Studies an der Goethe Universität in Frankfurt ab. Während des Masterstudiums absolvierte sie jeweils ein Auslandssemester an der Université de Montréal und an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona. In ihrer Masterarbeit wurde Hannah Peuker von Prof. Dr. Vinzenz Hediger und von Dr. Daniel Fairfax betreut. Hierin befasste sie sich mit dem politischen Potential brasilianischer Pornochanchadas. Im Zuge der Recherche verbrachte Hannah Peuker zwei Monate in São Paulo und forschte u.a. im Archiv der Cinemateca Brasileira, an der Universidade de São Paulo und der Unicamp in Campinas. 2016 wurde Hannah Peuker in die Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen und nahm im Rahmen der ideellen Förderung an verschiedenen (internationalen) Akademien teil.

Publikationen

„Seductive Criticism or Commercial Temptation? Potential and Rejection of the Pornochanchada”, Revista Movimento, Vol. 13: Historiografar o cinema brasileiro, São Paulo 08/2019, S.118-141.

„Eine fäkale Hochzeit und eine blutrünstige Oper. Ekel als (anti)ästhetisches Konzept in Pasolinis Die 120 Tage von Sodom“, Lointain Zeitschrift für Philosophie, Vol. 1: Ästhetik, Frankfurt am Main 06/2017, S.33-47.

Vorträge

„Reaktionär, vulgär und selbstzerstörerisch? Verwerfungen und Potential brasilianischer Pornochanchadas“, gehalten am 27.07.2019 im Rahmen der Konferenz Obszönität – Jenseits des (guten) Geschmacks der Studienstiftung des deutschen Volkes an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

„No Apologies needed. Private talk is just that: Private? Paradigmen und Möglichkeiten im Umgang mit rechtspopulistischen Medieninhalten“, gehalten am 14.02.2018 im Rahmen des 31. Film- und Fernsehwissenschaftlichen Kolloquiums an der Ruhr Universität Bochum.

„Mediale und politische Diskurse der Körperlichkeit in der Debatte um Geflüchtete nach den Übergriffen in der Silvesternacht“, Seminar konzipiert und gehalten vom 13.-18.06.2016 zusammen mit Miriam Kiel und Lina Lätitia Blatt im Rahmen der Projektwoche TFM an der Goethe Universität Frankfurt.