Diego León-Villagrá

Projekttitel

Denkfiguren des Krebses in der deutschsprachigen Literatur seit der Reformation

Projektbeschreibung

Krankheiten werden erzählt, im privaten Raum ebenso wie in der Öffentlichkeit, in der medizinischen Praxis ebenso wie in der Medizingeschichte. Die Grundlage für ihre narrative Darstellung wiederum bilden historisierbare Denkfiguren, die sich in konkreten Texten von spezifischen sprachlichen Mitteln repräsentiert finden – etwa den bereits von Susan Sontag in ihrem 1978 publizierten Essay Illness as Metaphor untersuchten Metaphern des Krebses, die, so Eva Johach, »nicht allein der Veranschaulichung oder rhetorischen Ausschmückung dienen, sondern eine leitende Rolle bei der Entstehung und Entwicklung wissenschaftlicher Tatsachen übernehmen«. 

Diesen Metaphern des Krebses, den Denkfiguren, die sie als ›starre‹ Strukturen der longue durée prägen, ihren Ursprüngen und ihrer Entwicklung soll die Arbeit mit Blick auf die deutschsprachige Literatur seit der Reformation nachgehen. Dabei soll gezeigt werden, wie Denkfiguren (inter-)diskursiv entstehen, geläufig werden, historische Konjunktur- und Rezessionsphasen erleben, vom wissenschaftlichen Fortschritt überholt oder konventionalisiert werden, als gesunkene Metaphern in den Alltagssprachgebrauch eingehen und/oder latent werden – und dass literarische Texte innerhalb dieser Prozesse eine entscheidende Rolle spielen.

Vita

Diego León-Villagrá ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Graduiertenkolleg Medienanthropologie der Bauhaus-Universität Weimar. Er studierte Deutsche Literatur, Geschichtswissenschaften und Fotojournalismus an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Hochschule Hannover, 2021–23 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche und niederländische Philologie der Freien Universität Berlin.

Publikationen (Auswahl)

[Im Druck:] »There just won’t be enough time for the whole Proust.« Fiction Reading Practices at the End of Life. In: Creative Experiences and the End of Life: Cultures of (Self-)Care and Ageing. Hrsg. von Katharina Fürholzer und Ieva Stončikaitė. Berlin/Boston: De Gruyter 2026.

[Im Druck:] »Bin zugleich Kombattant. / Mein Körper Feindesland«. Kriegs- als ›Daseinsmetaphern‹ der Krankheit – Medien der (Selbst-)Relationierung. In: Vermittlung – Materialität – Milieu. Studien zu einer relationalen Medienanthropologie. Hrsg. von Lorenzo Gineprini, Mirko Beckers und Jens Kraushaar. Paderborn: transcript 2026.

[Im Druck:] Aesthetics of Physical Pain and the Soundscapes of War in Erich Maria Remarque’s ›All Quiet on the Western Front‹ (1928) and its Film Adaptations (1930/2022). In: Screening War. Edward Berger’s ›All Quiet on the Western Front‹. Hrsg. von Ervin Malakaj, Molly Harabin and Ian Roberts. Berlin/Boston: De Gruyter 2026.

[Im Druck:] »Jeder Mensch sollte gleich bei Geburt eine Rente bekommen […] denn er ist ein Opfer.« Maskuline Opferdramaturgie in Fritz Zorns ›Mars‹ und Bernward Vespers ›Die Reise‹ (1977). In: Opferdramaturgie nach dem bürgerlichen Trauerspiel. Zur Viktimologie der Geschlechter in Oper und Prosa vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hrsg. von Uwe C. Steiner und Wim Peeters. Würzburg: Königshausen & Neumann 2025. 

»Mit Worten gegen lähmende Angst, Verzweiflung? Gegen Dosen und Diagnosen?« Literarische Distanzierungsstrategien aus Arzt- und Patientenperspektive bei Urs Faes. In: Ärztliche Imaginationen des Lebensendes. Hrsg. von Katharina Fürholzer, Marcella Fassio und Johann-Christian Põder. Bielefeld: transcript 2025. S. 177–89. 

[Hrsg. als Teil des Undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft]: Undercurrents 20 (2025): »Was ist das Politische in der Kinder- und Jugendliteratur?«. 

»Die Musik ist schon darum der beste Trost, weil sie nicht neue Worte macht.« Der Trost und die Künste. In: Trotz Allem! Hoffnung?! Neu-Anfänge im Angesicht des Todes [Programmheft der Jungen Kantorei Heidelberg zur Konzertsaison 2025/26]. Hrsg. von Hannah Schassner, Jonathan Hofmann und Barbara Mittler. Heidelberg: Privatdruck 2025. 

»Das Wasser zieht den Harnisch an.« Georg Philipp Harsdörffers Schnee. In: Sprachkunst. Beiträge zur Literaturwissenschaft 55 (2024), H. 1/2: »Was macht der Schnee im Gedicht? Beispielanalysen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart« [hrsg. von Christine Frank], S. 53–69. 

[Rez.] Dietrich von Engelhardt: Medizin in der Literatur der Neuzeit. 5 Bde. Heidelberg 12018 [Bde. 1, 3], 22021 [Bde. 2, 4–5]. In: Scientia Poetica 28 (2024), S. 352–59. 

[Mit Niklas Becker und Lorenzo Gineprini:] [Art.] Media Anthropology. In: International Lexicon of Aesthetics 6 (2024). Online: lexicon.mimesisjournals.com/0Media%20Anthropology.pdf [2.7.2024]. 

[Hrsg. als Teil des Undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft]: Undercurrents 19 (2024): »Mitstreiten. Literarische Solidarität und anti-rassistische Verbündungen«.

  • [Darin, S. 103–17:] »Wir müssen uns zusammentun.« Solidarität in Aras Örens ›Berliner Trilogie‹ (1973–1980).

»Texte und schlimme Zeichen« der »Halbstarken«. Zur Rezeption von Alfred Anderschs ›Texte und Zeichen‹ 1 (1955), H. 1. In: treibhaus. Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre 20 (2024), S. 185–212.

Lektüreschlüssel zu Leonhard Hieronymi: ›Der gute König‹ [=lfb Kompass, Bd. 8]. Berlin 2024. Online: www.lfbrecht.de/mediathek/lfb-kompass-zu-leonhard-hieronymi-der-gute-koenig [2.7.2024].

»Seit gestern werde ich Vor-Urteil und Nach-Urteil denken.« Die Krebsdiagnose als narrativer Übergangsraum bei Hildegard Knef, Wolfgang Herrndorf und Charlotte Link. In: Alles ist anders! Erzählungen vom Umgang mit Veränderung und deren Rezeption. Hrsg. von Stephanie Waldow, Helen Höstlund und Lisa Rettinger. Würzburg: Königshausen & Neumann 2024, S. 55–68.

[Hrsg. mit Bernd Auerochs, Friederike F. Günther und Markus May]: Celan-Perspektiven 5 (2023).

  • [Darin, S. 21–39:] »Wir könn’ Uns zwanglos weiter, durchs Sprachgitter, unterhaltn, –« Paul Celan liest Arno Schmidt – und vice versa?
  • [Darin, S. 71–74:] Die »Sehreste« der Dichtung. Celan in der bildenden Kunst der Gegenwart. Vorwort.
  • [Darin, S. 87–98:] Poems and vessels, memory and »the sound of broken shards.« Edmund de Waal in conversation with Diego León-Villagrá. 

»[V]nnd yhr wort das frisset vmb sich wie der krebs«. Zur Metapher des ›fressenden Krebses‹ in Martin Luthers Übersetzung von 2. Tim 2,17a und ihren Quellen. In: Scientia Poetica 27 (2023), S. 3–35.

»Was machen eigentlich Menschen ohne Angehörige in derartigen Situationen?« Krankenpflege, Selbstsorge und Gender in Krebsberichten von Angehörigen. In: Literatur und Care. Hrsg. vom Undercurrents Forum für linke Literaturwissenschaft. Berlin: Verbrecher 2023. S. 99–114. 

»Die Narkose […]: konzentrierte Güte, schlagende Waffe gegen das Böse.« Der Schmerz und das Böse bei Ernst Weiß. In: Figurationen des Bösen. Ein Kompendium. Hrsg. von Stefan Neuhaus und Werner Moskopp. Würzburg: Königshausen & Neumann 2023. S. 319–34.

Der Krebs des Autors. Autopathographie und Autoethnographie als autobiographische Schreibweisen der Krankheit in der Gegenwart. In: ZfGerm N.F. 32 (2022), H. 2, S. 305–20. 

[Rez.] Thomas Kling: Werke. 4 Bde. Hrsg. von Marcel Beyer u.a. Berlin 2020. In: ZfGerm N.F. 32 (2022), H. 1, S. 241–43.

»Ich wollte ein paar heilige Kühe schlachten«. Zu Hildegard Knefs Krebsbericht »Das Urteil oder Der Gegenmensch« (1975). In: Anafora 8 (2021), H. 2, S. 403–24. 

»el ni-/ poema.« Luis Miguel Isava im Interview mit Diego León-Villagrá. In: Celan-Perspektiven 3 (2021), S. 147–50.

[Rez.] Kai Bremer und Stefan Elit (Hrsg.): Forcierte Form. Deutschsprachige Versepik des 20. und 21. Jahrhunderts im europäischen Kontext. Stuttgart 2020. In: Arbitrium 39 (2021), H. 3, S. 388–90. 

[Rez.] Bettina Hitzer: Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2020. In: ZfGerm N.F. 31 (2021), H. 1, S. 200–02. 

»Grüss mir die Entrüttung.« Thomas Kling und Oskar Pastior: Briefwechsel. In: Schreibheft 94 (2020), S. 151–64.

[Mit Ira Klinkenbusch und Anke Jaspers:] »Uns beschäftigt nicht, wie es in Ulbrichts Herzen aussah [...].« Roland Berbig und das »Auslaufmodell DDR-Literatur«. In: »In Winkeln spielt sich die Welt ab«. Für Roland Berbig – statt einer Festschrift. Hrsg. von Katrin von Boltenstern und Michaela Nowotnick. Tübingen: Privatdruck 2019. S. 134–41.

»Über Abgründe hinweg«. Fritz J. Raddatz und Roland Links, aus dem Briefwechsel 1958–1960. In: Auslaufmodell »DDR-Literatur«. Essays und Dokumente. Hrsg. von Roland Berbig. Berlin: Ch.Links 2018. S. 335–50.

Vorträge

»Tod! Morphium, lebenslängliche Narkose, Zyankali, was sie wollen!« Krebs und Sterbehilfe zwischen Literatur, Wissenschaft und Politik um 1900. Jahrestagung »Pflicht ist der Tod – das Leben ist die Kür.« Endlichkeit in Literatur und Wissenschaft des Arbeitskreises Thanatologie, Lübeck (20./21.3.2026).

»Die X-Strahlen oder Herr Röntgen bringt es an den Tag«. Phantasmen der Röntgenstrahlung in Literatur und (Natur-)Wissenschaften um 1900. Tagung Literatur und Wissenschaften im Dialog, Hangzhou (6.–8.11.2025).

Das Czernowitz Paul Celans in Fidel Martínez’ Graphic Novel ›Fuga de la muerte‹ (2016). XV. IVG-Kongress Sprache und Literatur in Krisenzeiten – Herausforderungen, Aufgaben und Chancen der internationalen Germanistik, Sektion Schibboleth Czernowitz: Das Utopische einer großen Kleinstadt im Blick aufs Detail, Graz (20.–27.7.2025).

Der Begriff der Autosomatographie. Autobiographische Schreibweisen der Behinderung in der Gegenwart. Ebd., Sektion Krisenkörper und Körperkrisen. Figurationen von Behinderung in der deutschsprachigen Literatur und die Perspektive der Disability Studies, Graz (20.–27.7.2025).

›The canary in the Mine‹ of the Anthropocene? Figurations of ›Malignant Nature‹ in 20th and 21st Century Illness-Thinking. Bauhaus-Johns-Hopkins Summer Lab on Comparative Thought: Nature-Thinking, Weimar (17.–22.6.2025).

Krebs als ›Fressgezücht‹ der ›guten Natur‹? Krebs, Natur und Gender in Thomas Manns ›Die Betrogene‹ (1953). Workshop des Jungen Forums Thomas Mann, Lübeck (10.5.2025).

Johann Geiler von Kaysersbergs Predigten über Sebastian Brants ›Narrenschiff‹ auf dem Buchmarkt der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Tagung Literaturgeschichte und Buchmarkt, 1500–1700, Heidelberg (26.–28.3.2025).

Ari Folmans ›The Congress‹ und Stanisław Lems ›Der futurologische Kongreß‹. Einführung. Filmreihe des Graduiertenkollegs ›Medienanthropologie‹, Weimar (18.12.2024).

›Trost der Medien. Medien des Trosts‹? Workshop Trost der Medien. Medien des Trosts, Weimar (5.12.2024).

Fidel Martínez’ und Yirmi Pinkus’ graphic novels über Paul Celan und die ›Todesfuge‹ zwischen (Auto-)Biographie, Literaturgeschichte und Erinnerungskultur. Tagung Comic und Graphic Novel: Erzählen in Bildern, Marbach am Neckar (21./22.11.2024). 

»Sich seiner Rechte bewußt sein / und dieser Rechte beraubt zu werden / das macht einen kaputt.« Multidirektionale Solidarität in Aras Örens Berliner Trilogie (1973–80). Workshop Mitstreiten. Literarische Solidarität und anti-rassistische Verbündungen, Berlin (22./23.2.2024).

Literarische Distanzierungsstrategien aus Arzt- und Patientenperspektive in Urs Faes’ ›Paarbildung‹ (2010) und ›Halt auf Verlangen‹ (2017). Tagung Ärztliche Imaginationen des Lebensendes. Faktuale und fiktionale Konzeptionen des eigenen Alter(n)s, Sterbens und Todes, Rostock (7./8.12.2023).

Metaphern moderner Kriegsführung für die Krebstherapie in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart. Tagung Krieg und Frieden. Verhandlungen in Literatur und anderen Medien, Marbach (23./24.11.2023). 

»Dem auffgebrochnen Krebs / vnd der do kreucht vnnd frißt«. Zur Metaphorik des Krebses im deutschsprachigen medizinischen Diskurs des 16. Jahrhunderts. Studientag Literatur und Wissenschaftsgeschichte des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, Berlin (1.7.2023).

Narrations of Pain in German World War I Literature and ›All Quiet on the Western Front‹ (2022). Symposium Watching War: A Symposium on Edward Berger’s All Quiet on the Western Front, Toronto (11.5.2023).

»Jeder Mensch sollte gleich bei Geburt eine Rente bekommen […] denn er ist ein Opfer.« Maskuline Opferdramaturgie in Fritz Zorns ›Mars‹ und Bernward Vespers ›Die Reise‹ (1977). Tagung Opferdramaturgie und Viktimologie der Geschlechter in Prosa und Film (19. Jhd. bis zur Gegenwart), Berlin (3./4.2.2023).

Metaphern- und Begriffsgeschichte als Ideengeschichte? Korpus und Methode einer epochenübergreifenden Metapherngeschichte des Krebses. Workshop Ideengeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft?, Heidelberg (2./3.12.2022).

Krebs in der autobiographischen Literatur der 1970er Jahre. Vorlesung Literatur und Medizin, Prof. Dr. Irmela Krüger-Fürhoff, Berlin (28.6.2022).

»Die Narkose […]: konzentrierte Güte, schlagende Waffe gegen das Böse.« Der Schmerz, das Böse und die Medizin bei Ernst Weiß. Tagung Figurationen des Bösen, Koblenz (1.–3.6.2022).

»Seit gestern werde ich Vor-Urteil und Nach-Urteil denken.« Zur Narration der (Krebs-)Diagnose. Tagung Alles ist anders! Erzählungen vom Umgang mit Veränderung und deren Rezeption, Augsburg (8./9.4.2022).

Krankenpflege, Selbstsorge und Gender in zeitgenössischen deutschsprachigen Krebsberichten von Angehörigen: Zsuzsa Bánk, Mely Kiyak und Charlotte Link. Workshop Literatur und Care, Berlin (24./25.2.2022).