Raven Dietzel

Raven E. Dietzel

Projekttitel

Eine medienphilosophische Neubetrachtung der Tätigkeitsanalyse in Hannah Arendts Vita Activa.

Raven E. Dietzel
raven.dietzel[at]yahoo.com

Projektbeschreibung

Arendts gesellschaftlich relevante politische Theorie findet in ihrem Werk Vita activa (1960) ihr philosophisches Fundament. Arendt weist darin die Möglichkeit einer anthropologischen Wesensbestimmung des Menschen zurück und untersucht menschliches Dasein relational über die Bedingungen, unter denen es erscheint. Ihr Dreiklang menschlicher Tätigkeit (Arbeiten, Herstellen und Handeln) lässt sich mittels Sophie Loidolts phänomenologischer Arendt-Interpretation als verschiedene Mensch-Welt-Verhältnisse lesen, also Weisen, auf die Menschen und Welt einander wechselseitig hervorbringen. Die oft als arbiträr kritisierte spezifische Unterscheidung der Tätigkeiten offenbart unter einem medienphilosophischen Blick eine Sensibilität Arendts für ein Denken in Medien. Das ist jedoch u.a. darum nicht augenfällig, weil Arendts Analysen konkreten Medien gegenüber, insbesondere dem ihr zeitgenössisch hoch relevanten Massenmedium Fernsehen, weitestgehend ignorant bleiben. Die biografischen und diskursiven Verbindungen Arendts zu wichtigen Vordenkern der Medienphilosophie wie u.a. Günter Anders, Martin Heidegger und später Merleau-Ponty machen eine bei Arendt verkappte Medientheorie in besonderem Maße plausibel. Wie für Arendt typisch, sind ihre Überlegungen dabei ausgesprochen eigenständig. Umso dringender bietet sich eine Explikation und Schärfung der (proto-)medientheoretischen Aspekte in ihrem Werk an.

Ausgangspunkt einer medientheoretischen Lesart findet sich in Arendts Einsicht einer Angewiesenheit aller Weltlichkeit (und in dessen Fahrwasser menschlicher Individualität und politischer Öffentlichkeit) auf Gegenstände. Während das Arbeiten den Menschen in seiner biologisch-materiellen Eingebundenheit erfasst, setzt das Herstellen den Menschen in Verhältnis zu einem artefakthaften Gegenüber, das nicht nur als Ermöglicher weiterer Herstellungsprozesse fungiert, sondern auch als individueller und kollektiver Bezugspunkt, Speicher- und Reflexionsinstanz. Arendt beschreibt das Ding also als eine operative Koppelfigur. Der durch die Dinge aufgespannte Raum, die Öffentlichkeit, trennt und verbindet Menschen von- und miteinander und ist dadurch Voraussetzung des Politischen.

Arendt versteht das Politische als plurales öffentliches Erscheinen von Personen. Der Erzählung als Modus des Erscheinens kann dabei mit Katrin Morgenstern eine Dreidimensionalität aus erstens dem in der Welt vorfindbaren narrativ verfassten Handeln, zweitens der Erzählung über dieses Handeln und drittens einem Wiedereintritt der Erzählungen in die Sphäre des Handelns durch deren Rezeption attestiert werden. Dabei bleibt die Erzählung ephemer, solange sie nicht in und mithilfe von Dingen fixiert wird. Politische Öffentlichkeit kann konform mit Arendt also nur über Narrationen in ihren Medien und ihrer Medialität analysiert werden. Wenn Arendt in ihren Arbeiten zum Phänomen des Totalitarismus die anti-pluralistische Wirkung von Einheits-Erzählungen herausarbeitet, offenbaren sich narrative Medien als neuralgischer Punkt politischer Öffentlichkeit.

Seit Erscheinen der Vita Activa ist Arendts strikte Trennung von privater und öffentlicher Sphäre aufgrund deren normativer und potenziell restriktiver Implikationen immer wieder kritisiert worden. Eine Analyse der von Arendt verwendeten Metaphern bei der Charakterisierung der Sphären erlaubt jedoch, die Lesart zu verschieben: Im von Arendt beschriebenen Sichtbarkeitsregime offenbaren sich Übergangs- und Transformationsräume.

Methodisch verbindet das Forschungsprojekt eine argumentanalytische und metaphernlinguistische Relektüre von Vita activa mit einer induktiven, gegenstandsgeleiteten Analyse. Dessen Untersuchungskorpus ist in drei Cluster gegliedert: (A) architektonische und infrastrukturelle Räume und Orte politischer Erscheinung, in denen sich potenziell die dingliche Stabilisierung von Öffentlichkeit nach Arendt zeigt; (B) Gebrauchsdinge im Kontext öffentlicher Erscheinung, insbesondere Kleidung und Werbung, die die von Arendt beschriebene Grenze zwischen Gebrauchen und Verbrauchen sowie zwischen privater und öffentlicher Erscheinung operativ verschieben; sowie (C) narrative audiovisuelle Formate mit unterschiedlichen medialen Rahmungen, in denen die Rolle der medialen Fixierung für die Erscheinung der Person greifbar wird. Im dritten Teil werden die so gewonnenen Ergebnisse an aktuelle medienphilosophische Forschungsschwerpunkte rückgebunden, so u.a. zu Fragen des Abfalls, Digital Fashion und Augmented Reality. Auf diese Weis werden die in Arendts Vita Activa enthaltenen (proto-)medientheoretischen Aspekte in ein zeit- und medienaktuelles Konzepts menschlicher Tätigkeit überführt, das über die Arendt-Exegese hinaus für Analysen gegenwärtiger politischer Öffentlichkeit nutzbar gemacht werden kann. Auch der von Arendt geprägte und in zeitaktuellen Debatten immer wieder aufgerufene Totalistarismusbegriff erhält auf diese Weise ein medienphilosophisches Fundament. 

Vita

Raven E. Dietzel ist seit März 2023 Doktorandin der Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität Weimar. Ihre Dissertation entsteht unter der Betreuung von Lorenz Engell und Juliane Rebentisch und wird durch die Thüringer Graduiertenförderung unterstützt.

Als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes studierte sie Philosophie, Germanistik und Linguistik an der Universität Bielefeld, und war als Teaching Assistant der Abteilung Philosophie angestellt. Sie schloss ihren Master mit einer gesprächslinguistischen Analyse der Schilderungen von Körperhandlungen und Körperempfinden in Arzt-Patienten-Gesprächen über dissoziative Bewegungsstörungen ab.

Neben ihrer Forschungsarbeit ist sie als Dozentin für Ethik sowie Kommunikation und Schreiben an Schulen tätig und engagiert sich literarisch.

Publikationen

Dietzel, Raven E. (2021): Schilderungen von Körperhandlungen und Körperempfinden in der Arzt-Patienten-Interaktion. Gesprächsanalytische Auswertung von Gesprächen über dissoziative Bewegungsstörungen (Masterarbeit), Bielefeld: Universität.