Aktuelles












Langsam zeichnet sich ein Ende der Pandemie ab. Die Hoffnung ist groß, dass wir ab dem Spätsommer wieder unserem gewohnten Leben nachgehen und den Präsenzunterricht in den Studios fortführen können. Auch wenn die Erfahrungen der letzten Monate für viele schmerzhaft waren, müssen wir im nächsten Semester noch an der digitalen Lehre festhalten. Die Situation bleibt bis zur flächendeckenden Immunisierung durch die laufende Impfkampagne oder die Einführung eines wirksamen therapeutischen Medikaments im Wesentlichen unverändert; wir können nur durch Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln eine gewisse Sicherheit für die Gesundheit aller garantieren.
In den letzten zwei Semestern haben wir Erfahrungen mit digitalen 3D Modellen und Film als Medium gesammelt. Wir haben von unseren Gästen aus Film und Theater viel über ihre Arbeitsweise lernen können. Langsam erahnen wir das Potential des Films als umfassendem Entwurfswerkzeug, als Erweiterung  der klassischen Darstellungsmethoden  Zeichnung und Modell: Im Film wird vieles nicht präzise lokalisiert, Schnitte ohne Übergänge lassen Raumfolgen oft nur erahnen und eröffnen ein oft ungenutztes Potential: Der Entwurf bleibt offener, gibt Raum für Interpretationen. Film verführt.

Mit dem Sommersemester 2021 beginnen wir an der Professur Stadt(   )Architektur mit der Projektreihe Peripherie(vs.)Zentrum. In aufeinander folgenden Entwurfsstudios untersuchen wir konsequent den suburbanisierten Raum. Mit seiner hohen Komplexität und Dynamik entzieht sich der Urban Sprawl einem einfachen Verständnis von Ordnung und Schönheit. Wenn wir uns den Problemen der Umweltzerstörung, der Biodiversität und des Klimawandels stellen wollen, müssen wir ein besseres Verständnis für die weitgreifenden räumlichen Transformationsprozesse des suburbanisierten Raums bekommen. Wir müssen begreifen, wie das komplexe Raumgeflecht funktioniert, wie Zentren und Peripherie miteinander interagieren, um selbst wieder interagieren zu können.
Seit vor fast 50 Jahren der Club of Rome den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht hat, ist viel passiert. Naturschutz, Artenschutz, aber auch der Denkmalschutz wurden in vielen Ländern gestärkt. Trotzdem waren gegenläufige Dynamiken einflußreicher. Um unseren hedonistischen Lebensstil mit seiner hohen Mobilität zu Schützen haben wir es zugelassen, dass die Landschaft immer weiter zerschnitten und versiegelt wurde. Schleichend war der resultierende Schwund, nur auszugsweise haben wir sein Fortschreiten bemerkt. Es kamen die Sommer, in denen man überrascht war, wenn man einen Zitronenfalter, ein Tagpfauenauge oder einen Admiral entdeckte. Die Begleiter unserer Kindheit verschwanden und zu schnell haben wir die neue Situation adaptiert, uns daran gewöhnt. Lautlos reduzierte sich die Anzahl der Insekten. Erst mit dem großflächigen Aussterben der Bienen wurde uns der Verlust der Artenvielfalt wieder bewusst.
Die Nostalgie hilft uns nicht weiter, wir können nicht einfach zurückblicken und die Geschichte befragen. Wir brauchen neue Lösungen. Entwürfe für Lebensvorstellungen, die ein Miteinander von Mensch und Natur zulassen. Entwürfe, die den urbanisierten Raum als Kulturlandschaft, mit all seinen Brüchen annehmen und ihn neu denken. Es reicht nicht mehr, das Wichtigste zu schützen und zu hoffen, die Vielfalt damit konservieren zu können. Wir müssen jetzt als Gestalter*innen wieder Möglichkeitsräume eröffnen und neue Lebensräume konzipieren.

Die Dynamik hat weiter zugenommen. Mit den digitalen Medien bekommen Fakten, Informationen und Trends in Sekunden globale Aufmerksamkeit. Damit wächst die Bedeutung der Aufmerksamkeitsökonomie der digitalen Medien und beeinflusst Investitionsentscheidungen weltweit. Die Digitalisierung hat auch die Finanzmärkte volatiler werden lassen. Parallel verschiebt die Industrie weltweit Teile der Produktion, je nach Rohstoff- und Arbeitskräfteangebot, immer an den günstigsten Ort. Das führt zu globalen Abhängigkeiten, die sich in ständiger Transformation befinden und dem Konkurrenzdruck zuweilen direkter gehorchen, als Anforderungen an Sozial- und Umweltstandards. Die großen Finanzzentren scheinen davon zu profitieren.
Die Lesart des Raums war früher einfacher. Peripherie, das war der Rand der Kernstadt. Doch die einfache Dichotomie von Stadt und Land existiert nicht mehr, auch wenn Rem Koolhaas versucht hat, sie mit der Ausstellung „Countryside“ wieder zu erwecken. Heute, im weltweit umspannten Raumgeflecht, ist jeder Ort gleichzeitig Peripherie und Zentrum. Es ist eine einfache Frage des Standorts der Betrachtung: Eine Millionenstadt mitten in Europa, Hauptstadt eines Landes, rückt an die Peripherie Europas - ein suburbaner, ländlicher Raum einer prosperierenden Metropolregionen wird dagegen zum Zentrum der internationalen Produktion einer Branche; ein ruhiger Bergsee in den Alpen steht plötzlich im Zentrum der globalen Aufmerksamkeit. Jeder Ort kann gleichzeitig zur Peripherie oder zum Zentrum werden.  
Alles ändert sich.