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Architekturmodelle zur summaery2026, Symbolbild. Bauhaus-Universität Weimar, Foto: Thomas Müller
Architekturmodelle zur summaery2026, Symbolbild. Bauhaus-Universität Weimar, Foto: Thomas Müller
Erstellt: 20. Juli 2026

Gastbeitrag in der TLZ: Was soll »deutsche Architektur« denn sein?

Unter der Überschrift »Wo die Moderne wohnen lernte« berichtete die TLZ am Montag, den 13. Juli 2026 von der Stuttgarter Weissenhofsiedlung, die im kommenden Jahr 100 Jahre alt wird. Professor Dr. Hans-Rudolf Meier, Professorin Dr. Barbara Schönig und Professorin Dr. Daniela Spiegel von der Bauhaus-Universität Weimar haben dazu einen Kommentar verfasst, welcher am 16. Juli 2026 als Gastbeitrag in der TLZ erschienen ist. Dieser befasst sich mit einem kulturpolitischen Narrativ, das darauf abzielt, die Architektur der klassischen Moderne zu diskreditieren.

Ein Kommentar von Hans-Rudolf Meier, Barbara Schönig und Daniela Spiegel: 

Der Verfasser des Beitrages »Wo die Moderne wohnen lernte« verweist darin auf den Zusammenhang mit dem Bauhaus und darauf, dass sowohl dieses als auch die Stuttgarter Mustersiedlung im Zusammenhang mit der seinerzeitigen Wohnungsnot zu verstehen sind und als Versuche, effizienten, lebenswerten und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Antworten auf die Frage, wie dies grundsätzlich zu erreichen sei, sind, wie zu Recht ausgeführt wird, heute wieder von höchster Aktualität, weshalb sich die Internationale Bauausstellung, die 2027 in Stuttgart stattfindet, auch mit diesem Thema beschäftigt.

Dagegen ist »die Frage, ob diese Art des Bauens und Wohnens ‚deutsch‘ sei«, irrelevant und sinnlos, auch wenn sie von der AfD in Sachsen-Anhalt in kulturkämpferischer Polemik gegen das Bauhaus aufgeblasen wird. Denn: was soll »deutsche Architektur« denn sein? Gegebenenfalls kann Architektur in Deutschland als »deutsch« bezeichnet werden oder vielleicht auch Bauwerke von deutschen Architekten – beides träfe sowohl für das Bauhaus wie für den Großteil der Häuser der Weissenhofsiedlung zu. Ein anderes Kriterium, vermeintliches »Deutschsein« von Architektur zu bestimmen, gibt es hingegen nicht. Denn Bauen und Architekturwissen waren schon immer grenzübergreifend. Verfügbare Baumaterialien, klimatische Bedingungen und handwerkliche sowie formale Traditionen führten zwar schon immer zur Ausbildung regionaler Charakteristika – aber eben: zu regionalen, nicht zu nationalen!

Es handelte sich um eine gezielte antimoderne Kampagne von rechts

Wenn es im besagten Artikel heißt, »Zeitgenossen« hätten über die neue Weissenhofsiedlung von »Marokko in Halbhöhenlage« gefrotzelt und »vielen« hätten die »weißen Kuben als fremd, zu kühl, zu wenig ‚deutsch‘« gegolten, so wird unterschlagen, dass diese »Zeitgenossen« und »vielen« erst im Ergebnis einer gezielten antimodernen Kampagne von rechts zusammenfanden. Der Vorwurf des Orientalismus gegenüber Bauten der klassischen Moderne hing sich eingangs am Flachdach auf, das für die regen- und schneereichen Klimaverhältnisse Nordeuropas als ungeeignet betrachtet wurde. Schnell jedoch wurde daraus ein kulturpolitisches Narrativ, das darauf abzielte, die Architektur der klassischen Moderne als kulturfremdes Implement aus dem (vermeintlich weniger zivilisierten) Orient zu diskreditieren.

Wie wenig kulturell verankert diese Zuschreibungen sind, zeigt sich im Übrigen, wenn man in den Blick nimmt, wie zeitgleich im faschistischen Italien über die dort ebenfalls aufkommende Moderne diskutiert wurde. Dort wurden die jungen Rationalisten, denen Mussolini durchaus zugetan war, vonseiten der Traditionalisten ebenfalls abgelehnt, allerdings galten die kubischen Formen dort als zu nordisch, zu deutsch.

»Ideale Zielscheibe des rechten, kulturneurotischen Spießertums«

An die antimodernen Debatten des frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland knüpft die AfD heute an, worauf der Schriftsteller Durs Grünbein jüngst in einem Gastbeitrag in der FAZ festgehalten hat: »Warum ein Jahrhundert später die alte Vogelscheuche gerade jetzt wieder aufgestellt wird, lässt sich nur begreifen, wenn man den Zusammenhang zwischen Deutschsein und Antimodernsein als eine lange Traditionslinie sieht.« Das Bauhaus war – so Grünbein – eine „ideale Zielscheibe des rechten, kulturneurotischen Spießertums“– und eines der ersten Opfer nationalsozialistischer Politik! Wohin diese führte, ist bekannt.

Heute kann es nicht mehr darum gehen, das Bauhaus zu verteidigen oder die Polemik zwischen der im »Ring« zusammengeschlossenen progressiven Architektengruppe der Weißenhofsiedlung und ihrer konservativen Gegner, des »Blocks«, wieder aufleben zu lassen. Bauhaus und Weißenhofsiedlung gehören längst zum anerkannten Kulturerbe, ebenso wie die als Gegenmodell in Stuttgart unter Paul Schmitthenner errichtete Kochenhofsiedlung. Virulent bleiben aber die Fragen nach gutem und bezahlbarem Wohnraum – Fragen, zu denen die kulturkämpferischen Nebelkerzen der AfD überhaupt nichts beitragen.

Die Autoren dieses Gastbeitrags sind Professor Dr. Hans-Rudolf Meier, Professorin Dr. Barbara Schönig und Professorin Dr. Daniela Spiegel von der Bauhaus-Universität Weimar

Zum Artikel Wo die Moderne wohnen lernte (TLZ, 13. Juli 2026)
Zum Gastbeitrag Was soll „deutsche Architektur“ denn sein? (TLZ, 16. Juli 2026)

 

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Kontakt

Gabriela Oroz 
Fakultät Architektur und Urbanistik - Dekanat 
Referentin für Fakultätskommunikation / Academic Advisor Incoming Exchange Students

Geschwister-Scholl-Str. 8 
99423 Weimar

Tel: +49 (0) 3643. 58 31 15 
Fax: +49 (0) 3643. 58 31 14 
E-Mail: gabriela.oroz[at]uni-weimar.de

 

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