Forschungsschwerpunkte
- Soziologische Theorie
- Methoden qualitativer Sozialforschung
- Thanatosoziologie
- Wissenssoziologie
- Soziologie der Gewalt
- Kultursoziologie
Zeitregime des Bestattens. Thanato-, Kultur- und Arbeitssoziologische Beobachtungen

Ekkehard Coenen – Zeitregime des Bestattens
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In meinem Promotionsprojekt Zeitregime des Bestattens. Thanato-, kultur- und arbeitssoziologische Beobachtungen habe ich mich den zeitlichen Aspekten im Bestattungswesen in Deutschland gewidmet. Im Fokus standen die Wirkmächtigkeit und Normativität der Abläufe, Dauern, Taktungen, Rhythmisierungen, (Un-)Gleichzeitigkeiten und Synchronisationen auf der Vorder- und Hinterbühne des Bestattens. Wie gelingt es den Feldakteuren, sich erfolgreich zu koorientieren? Durch welche Zeitphänomene wird die soziale Ordnung vor, während und nach Bestattungsritualen aufrechterhalten? Welche Probleme ergeben sich aus den Zeitinstitutionen des Bestattens? Und an welchen Punkten kommt es zu Machtkämpfen um die Deutungshoheit der Bestattungsabläufe?
Mit dem Promotionsprojekt habe ich auf eine doppelte Relevanzsetzung reagiert: Erstens bildet Zeit im untersuchten Feld einen zentralen Aushandlungspunkt in der Erarbeitung von Bestattungen, an dem insbesondere dann Konflikte entstehen können, wenn Feldakteure unterschiedlicher Bestattungskulturen aufeinandertreffen. Zweitens gibt es bisher kaum Forschungsliteratur, die Auskunft über die Bedeutung der Zeitdimension im Kontext des Bestattens geben kann.
In meiner Untersuchung habe ich mich auf die reflexive Grounded-Theory-Methodologie gestützt, wobei ich diese auf Basis der Grundannahmen des kommunikativen Konstruktivismus modifiziert habe. Im Zuge meiner Datenerhebung habe ich insgesamt 25 problemzentrierte Interviews mit (muslimischen und nicht-muslimischen) Bestatter*innen, Trauerredner*innen, Friedhofsmitarbeiter*innen und -verwalter*innen sowie Geistlichen geführt. Zudem war ich selbst insgesamt sechs Monate in einem Bestattungsunternehmen tätig, um die Prozesse des Bestattens ethnografisch zu durchleuchten.
Betreut wurde mein Promotionsvorhaben von Prof. Dr. Andreas Ziemann (Erstgutachter) und Prof. Dr. Hubert Knoblauch (Zweitgutachter).
Die Inauguraldissertation wurde am 10. April 2019 an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar eingereicht, und die Disputation fand am 24. September 2019 statt. Die Promotionsleistung wurde mit dem Prädikat "summa cum laude" (mit Auszeichnung) bewertet.
Die Buchpublikation zum Dissertationsvorhaben wurde 2020 veröffentlicht:
Coenen, Ekkehard (2020): Zeitregime des Bestattens. Thanato-, kultur- und arbeitssoziologische Beobachtungen. Weinheim und Basel: Beltz Juventa. (>>Link)
Die Dissertation wurde 2021 mit dem Hochschulpreis für Nachwuchswissenschaftler*innen der Bauhaus-Universität Weimar ausgezeichnet.
Wissen, Gewalt und Kommunikation
In meinem Forschungsprojekt Wissen, Gewalt und Kommunikation gehe ich der Frage nach: Wie wird Wissen über Gewalt konstituiert und sozial wirkmächtig? Hierbei lote ich die Möglichkeiten einer bisher noch ausstehenden Wissenssoziologie der Gewalt aus. Indem ich den gesellschaftlichen Wissensvorrat über Gewalt fokussiere, möchte ich den Blick dafür öffnen, wie die zunächst widersprüchlichen Diagnosen einer "scheinbaren oder realen Tabuisierung von Gewalt" (Imbusch 1995: 15) und einer "Allgegenwart von Gewalt" (Rauchfleisch 1992) miteinander in Einklang zu bringen sind. Zudem ermöglicht es meines Erachtens gerade die Kategorie Wissen, das Mikro-Makro-Gap in der soziologischen Gewaltforschung zu überwinden und situationistische und gesellschaftstheoretische Perspektiven gewinnbringend zu verschalten. Schließlich ist das Wissen über Gewalt bisher nur marginal untersucht worden. Es gibt noch keine hinreichenden Antworten darauf, woher unser Wissen über die Ursachen, Abläufe und Konsequenzen von Gewaltanwendungen stammt; wieso wir einzelne Gewalthandlungen legitimieren und andere sanktionieren; woher wir wissen, wie wir uns in Gewaltsituationen verhalten wollen, sollen oder müssen; und wie die Gewissheit entsteht, dass ein Gewaltakt stattgefunden hat und dass dieser negativ oder bisweilen auch positiv zu bewerten ist.
In dem Projekt Gewaltwissen verfolge ich insgesamt drei übergeordnete Forschungsziele: Erstens eruiert das Forschungsprojekt jene kommunikativen Aspekte, durch welche die öffentliche Debatte über Gewalt geformt wird. Zweitens wird herausgearbeitet, welches Wissen in Gewaltsituationen vorherrscht und wie es in situ objektiviert wird. Drittens zielt das Forschungsprojekt auf jene Handlungen und Objektivationen, durch die ersichtlich wird, dass eine Gewaltsituation (nicht) stattgefunden haben soll.
Meine Untersuchungen zum Gewaltwissen stützen sich auf die Erhebung qualitativer Daten und folgen der Grounded-Theory-Methodologie. Ich analysiere nicht nur einige wenige, spezifische Gewaltsituationen. Stattdessen strebe ich einen kontinuierlichen Vergleich möglichst kontrastreicher Situationen an, in denen Gewalthandlungen stattfinden. Somit kann ich allgemeingültige Prozesse herausarbeiten, die für die Konstitution und Wirkmächtigkeit des Wissens über Gewalt charakteristisch sind. Sukzessive möchte ich somit eine wissenssoziologische Theorie über Gewalt entwickeln, die fest in der Empirie verankert ist und sowohl für (wissens-)soziologische Problemlagen als auch für die Probleme der feldinternen Akteure von Relevanz ist.
Das Soziale des Tötens. Eine Wissenssoziologie des gewaltsamen Lebensendes
Das Projekt Das Soziale des Tötens. Eine Wissenssoziologie des gewaltsamen Lebensendes untersucht Videos, in denen reale Tötungen zu sehen sein sollen. Die gegenwärtigen Debatten um Homepages, die Tötungsvideos als ›Schock-Inhalte‹ bereitstellen, die kontinuierlichen Verweise auf die psycho- und sozialpathologischen Wirkweisen dieser Aufnahmen, deren Rolle für die Auto-Radikalisierung rechtsextremer und islamistischer Attentäter*innen und ihr Einbezug in die massenmediale Berichterstattung verdeutlichen die Relevanz dieses Forschungsgegenstandes. Bisher unberücksichtigt blieb jedoch, welches Wissen über Gewalt und Tod durch diese Videos konstituiert wird und wie es im »kommunikativen Haushalt« (Luckmann) der Gesellschaft wirksam wird.
Diese Frage soll durch eine wissenssoziologische Perspektive auf Tötungsvideos bearbeitet und in theoretischer Perspektive reflektiert werden. Das Projekt leistet einen Beitrag, Wissen über das Töten zu analysieren, systematisch aufzuarbeiten und in seiner gesellschaftlichen Tragweite verständlich zu machen. Im Zuge dessen sollen gewalt- und thanatosoziologische Perspektiven auf das Töten zusammengebracht und wissenssoziologisch informiert sowie empirisch gesättigt weiterentwickelt werden.
Das Projekt setzt sich aus zwei sich wechselseitig ergänzenden Teilprojekten zusammen, durch die eine doppelte Perspektive auf den Forschungsgegenstand eingenommen wird. Das erste Teilprojekt fasst diese Videos als Datensorte auf, die Einblicke in die Dynamiken von Situationen geben können, in denen Tötungen stattfinden. Es beleuchtet die Frage nach dem Wissen und dem kommunikativen Handeln in Tötungssituationen. Methodologisch setzt es einen interaktionsanalytischen Schwerpunkt. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Aushandlungen und Dynamiken in letalen Handlungszusammenhängen und insbesondere die Verknüpfung von Gewalt- und Todeswissen. Auf Basis der Videointeraktionsanalyse, der Ethnomethodologie und des Kommunikativen Konstruktivismus werden durch die Aufarbeitung von Tötungsvideos für das Verhältnis von Gewalt- und Todeswissen ebenso vielsagende wie aufschlussreiche Beispiele rekonstruiert.
Das zweite Teilprojekt setzt einen diskursanalytischen Schwerpunkt. Es verfolgt die These, dass ein gesellschaftlicher Wissensvorrat über das Töten weniger von den eigentlichen Tötungsvideos geprägt wird, sondern vielmehr durch die entsprechenden Anschlusskommunikationen. Methodisch orientiert an der Wissenssoziologischen Diskursanalyse wird im Rekurs auf konkrete Beispiele gezeigt, dass die gesellschaftlichen Wissensverhältnisse und Wissenspolitiken in Bezugnahme auf das Töten dominant nicht durch Täter*innen und Opfer, sondern durch Dritte geprägt werden, die sich kommunikativ auf die Videos beziehen – z.B. in juridischen, journalistischen oder Unterhaltungskontexten. Das Teilprojekt soll verdeutlichen, wie diese Mediatisierung des Tötens Wissen über Gewalt und Wissen über den Tod erzeugt, miteinander verzahnt und dergestalt gesellschaftlich in Umlauf bringt.
DFG-Netzwerk Handbuch Gewaltsoziologe
Das Ziel dieses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten wissenschaftlichen Netzwerkes ist die Erstellung eines systematischen und umfassenden deutschsprachigen Handbuchs zur soziologischen Gewaltforschung. Ausgangspunkt dieses Projektes ist die Feststellung, dass sich die Gewaltsoziologie insbesondere in den vergangenen zwei Dekaden maßgeblich ausdifferenziert hat und neue Ansätze zur Untersuchung von Gewalt entwickelt wurden. Im Zuge dessen ist die Forschungslandschaft jedoch zunehmend unübersichtlich geworden. Das betrifft a) ihre sozialtheoretischen Ansätze, die Handlungs- und Interaktionstheorien in den Blick nehmen, b) die gesellschaftstheoretischen Beiträge, c) die verwendeten Methoden und nicht zuletzt d) die untersuchten Gegenstände. Ein umfassendes Handbuch, das den Forschungs- und Debattenstand in diesem Feld systematisch bündelt und so aufbereitet, dass auch Neulinge einen schnellen Zugang zum State of the Art erhalten, liegt nicht vor. Eine entsprechende Publikation soll durch das Netzwerk innerhalb von sechs Treffen an unterschiedlichen Hochschulen und in Zusammenarbeit mit in der (Gewalt-)Soziologie einschlägigen Gastwissenschaftler*innen erarbeitet und auf einer Abschlusstagung der Scientific Community vorgestellt werden. Geleitet wird das Netzwerk von Dr. Ekkehard Coenen, Mitverantwortlicher ist Dr. Jonas Barth. Zu den weiteren Mitgliedern des Netzwerks zählen Dr. Thomas Hoebel, Dr. Lotta Mayer, Dr. Susanne Nef und Dr. Lena Verneuer-Emre.