Carsten Praum

New Kids on the Block: Der gemeinschaftliche Wohnungsbau am Beispiel von München und Frankfurt

Kurzdarstellung

Spätestens vor dem Hintergrund der jüngsten Wohnungskrise erlangten gemeinschaftliche Wohnprojekte große öffentliche Aufmerksamkeit. In diesem Zusammengang wurde und wird ihnen weithin zugeschrieben, sowohl nachbarschaftliche Strukturen stärken als auch bezahlbaren Wohnraum bereitstellen zu können. Gleichwohl schwingt nicht selten die Behauptung mit, dass das mit den Projekten einhergehende System des gemeinschaftlichen Wohnungsbaus vor allem die ohnehin privilegierte Mittelklasse fördere. Vor diesem Hintergrund zielte ich mit der Dissertation darauf ab, eine umfassende empirische Untersuchung des gemeinschaftlichen Wohnungsbaus durchzuführen, die auf einer theoretisch-konzeptuellen Annäherung an sein System sowie an die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen im transformierten Wohlfahrtsstaat aufbaut. Eine rekonstruierende Untersuchung diente mir dazu, die Herausbildung des Systems des gemeinschaftlichen Wohnungsbaus im Detail erklärend zu verstehen. Diese Untersuchung war zugleich zentraler Bestandteil einer Fallstudie zum gemeinschaftlichen Wohnungsbau in München und Frankfurt in den Jahren 1990 bis 2020.

Dabei zeigte sich, dass es den gemeinschaftlichen Wohnungsbau nicht gibt. Gleichwohl konnte ich im Rahmen der Dissertation herausarbeiten, dass das Zusammenspiel aus gemeinschaftlichen Wohnprojekten, intermediären Organisationen sowie Stadtpolitik und -verwaltung in der Phase der Nach-Wohnungsgemeinnützigkeit nicht nur in der bayerischen Landeshauptstadt, sondern auch in der hessischen Finanzmetropole ein System hervorbrachte, das spezifische Formen und Funktionen aufweist. Damit bestätigten sich beide Forschungsthesen, die aus meiner gemischt deduktiv-induktiven Vorgehensweise resultierten: (1) Während sich die ehemals gemeinnützigen Wohnungsunternehmen seit den 1990er Jahren auf vielfältige, oftmals profitorientierte Weise transformierten, bildete sich parallel dazu ein neues Phänomen heraus: der gemeinschaftliche Wohnungsbau. Dieses Phänomen stieß somit in eine Leerstelle der Wohnungswirtschaft und rückte spätestens mit der jüngsten Wohnungskrise endgültig in den Fokus des öffentlichen Interesses, da gemeinschaftliche Wohnprojekte auch in der Phase der Nach-Wohnungsgemeinnützigkeit für gemeinnützige beziehungsweise gemeinwohlorientierte Ansätze standen und stehen. (2) Beim gemeinschaftlichen Wohnungsbau handelt es sich genau genommen um ein System, das sich in einem Zusammenspiel aus gemeinschaftlichen Wohnprojekten, intermediären Organisationen und Stadtpolitik und -verwaltung als seinen zentralen Akteur_innen konstituiert. Dabei nimmt dieses System spezifische gesellschaftliche Funktionen sowie institutionelle und baulich-räumliche Formen an, die nicht zuletzt auf die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung und Wohnungsversorgung im transformierten Wohlfahrtsstaat des Community-Kapitalismus zurückzuführen sind.

Verfasser

Carsten Praum studierte Soziologie auf Diplom an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und Historische Urbanistik im Master an der Technischen Universität Berlin. Von 2011 bis 2016 war er Mitarbeiter im Planungsbüro STATTBAU Berlin, seitdem ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Stadtplanung der Bauhaus-Universität Weimar. Dabei ist er unter anderem Koordinator des inter- und transdisziplinären Forschungsprojektes "Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad". Von 2012 bis 2019 war er zudem Mitglied der Redaktion von sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung. Weitere Informationen finden Sie hier.

Kontakt

carsten.praum[at]uni-weimar.de

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