Erster Zwischenbericht – Stipendium Forschungswerkstatt 2025/26
“Vom Prozess zur Ästhetik: Die Neukontextualisierung der Moderne in Südasien durch Kino, Printmedien und objektorientierte Ontologie”
In der ersten Phase hat sich unser Projekt darauf konzentriert, nachzuzeichnen, wie die Ästhetik der Moderne nach der Unabhängigkeit Südasiens nicht nur durch die Architektur, sondern vor allem auch durch Medien wie Film, Zeitschriften, Werbung und visuelle Druckkultur Eingang in die alltägliche Vorstellungswelt gefunden hat. Mit einem interdisziplinären Ansatz zwischen Medienphilosophie und Architekturgeschichte untersuchen wir, wie Objekte der Moderne zu Symbolen für Sehnsüchte, Designvokabular und kulturelle Identität im häuslichen Bereich wurden.
1. Forschungsfortschritt
Zwischen Juli und Oktober 2025 führten wir umfangreiche Archivforschungen in Indien durch, mit dem Ziel, primäres Bildmaterial und Medienreferenzen für die Analyse zu sammeln. Wir besuchten:
a) Lalit Kala Akademi (Neu-Delhi) – wo wir Designkataloge, Kunstzeitschriften aus der Zeit nach der Unabhängigkeit und isuelle Dokumentationen gesichtet haben National Film Archive of India – NFAI (Pune) – wo wir Zugang zu Filmzeitschriften, Standbildern, Referenzen zum Produktionsdesign und Filmmaterial mit Schwerpunkt auf Wohnrauminterieurs hatten.
b) British Library und National Art Library, V&A (London) – Archive zu Zeitschriften, Designarchiven und Materialien mit Schwerpunkt auf Printmedienkorrespondenz.
c) Privates Archiv des Design Magazine (1957–1988) in 11 Amrita Sher-Gil Marg, Neu-Delhi, mit freundlicher Genehmigung der Familie Patwant Singh. Wir erhielten die Genehmigung zur akademischen Nutzung und Digitalisierung und erhielten so Zugang zu seltenem Material, das in anderen öffentlichen Archiven nicht verfügbar ist.
Der gesammelte Korpus bildet nun die Grundlage unseres visuellen Lexikons modernistischer Haushaltsgegenstände, das in der zweiten Phase des Projekts erweitert und systematisiert werden soll.
2. Verbreitung und akademisches Engagement
a) Sneha Singh hielt einen Vortrag auf der internationalen Konferenz Times in Between (Bucanevis, Triest, Italien, Dez. 2025).
b) Pappal Suneja hielt einen Vortrag bei der European Society of Periodical Research in Málaga, Spanien (2–5 September 2025) und nahm an der Konferenz „Socialism on the Bench Global Socialism and Non-Alignment" in Pula (18–19 September 2025) teil.
c) Gemeinsam stellten Sneha Singh und Pappal Suneja das Projekt beim IAAW South Asia Research Colloquium an der Humboldt-Universität zu Berlin (5 Dezember 2025) vor und präsentierten unseren theoretischen Rahmen und erste Ergebnisse.
d) Unsere Projektwebsite befindet sich derzeit in der Endphase der Erstellung und wird in Kürze online gehen.
3. Bevorstehende Aktivitäten (Januar-Mai 2026)
a) Derzeit bereiten wir einen internationalen Runden Tisch (April 2026) mit eingeladenen Wissenschaftlern vor, die sich it visueller Modernität, Designgeschichte und südasiatischen Medien beschäftigen.
b) Im März 2026 werden wir unsere Forschungsergebnisse an der Université Lumière Lyon 2 im Rahmen der Bauhaus4EU-Austauschkooperation am Passages Lab unter der Leitung von Prof. Martin Barnier vorstellen.
c) Die nächste Phase umfasst:
i) Systematisierung des Archivmaterials und Entwicklung einer digitalen Datenbank
ii) Vergleichende Analyse von Film-/Druckdarstellungen
iii) Erstellung eines Artikels für das ABE Journal – Rubrik „Dokumente/Quellen"
iv) Abschließende Überprüfung und Berichterstattung vor Projektabschluss im Mai 2026
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Projekt in Bezug auf Forschung, Archivfunde und Verbreitung gut vorankommt. In den kommenden Monaten wird der Schwerpunkt auf der analytischen Konsolidierung und Veröffentlichungen liegen.
Erste Pressemitteilung, Januar 2026
Wie gelangten modernistische Designideale über Europa hinaus – und welche neuen Bedeutungen erhielten sie in südasiatischen Medienkulturen? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Forschungsprojekt »From Process to Aesthetic: Recontextualizing Modernism in South Asia through Cinema, Print, and Object-Oriented Ontology« (2025–26). Gefördert durch die Initiative Forschungswerkstatt der Bauhaus-Universität Weimar, nimmt das Projekt Architektur, Medien und materielle Ästhetiken in den Blick – und denkt Moderne konsequent aus einer postkolonialen Perspektive heraus.
Geleitet wird das Projekt von Sneha Singh, Doktorandin am Lehrstuhl für Medienphilosophie, und Pappal Suneja, Doktorand an der Fakultät Architektur und Urbanistik. In ihrer interdisziplinären Forschung verbinden sie Medienanalyse, Architekturgeschichte und spekulative materialistische Theorie: Im Zentrum steht dabei die Frage, wie gebaute Formen, Objekte und visuelle Motive nicht nur Ausdruck, sondern aktive Akteure bei der Herausbildung postkolonialer Vorstellungen von Modernität waren – insbesondere außerhalb des europäischen Kontexts.
Aufbauend auf theoretischen Ansätzen wie der Objektorientierten Ontologie (Harman, 2018) und dem Neuen Materialismus (Bennett, 2009) geht das Projekt bewusst über anthropozentrische Lesarten von Architektur hinaus. Stattdessen rückt es das Zusammenspiel von Materie, Ästhetik und Repräsentation in den Vordergrund, um zu zeigen, wie die Erfahrung moderner Räume in Südasien neu definiert wurde. Durch fortlaufende Archiv- und Bildrecherchen in Indien – unter anderem in nationalen Film- und Druckarchiven – spürt das Team einem Phänomen nach, das es als »vernakulären Modernismus« beschreibt: einer lokal verankerten Neuinterpretation globaler modernistischer Ästhetik.
Digitale Diskussionsrunde: »From Process to Aesthetic: Mediating Modernity across Cinema and Print«
Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist ein internationale Online-Fachrunde, die vom 23. bis 24. April 2026 jeweils 11 bis 13 Uhr stattfindet. Eingeladen sind Wissenschaftler*innen, Forschende und Praktiker*innen, die an der Schnittstelle von Architektur, Medien, Ästhetik und postkolonialen Modernitäten arbeiten. Wer teilnehmen möchte, meldet sich vorab bitte unter: sneha.singh[at]uni-weimar.de. Nach erfolgter Anmeldung erhalten die Teilnehmenden die Zugangsdaten.
Die Teilnahme als Expert*in an der Round Table-Diskussion ist an gesonderte Bedingungen geknüpft: Interessierte Wissenschaftler*innen melden sich bitte direkt per E-Mail und werden gebeten, einen Titel für ihren Beitrag sowie eine kurze Biografie einzureichen. Zusätzlich ist ein erweiterter Abstract (1.200–1.500 Wörter) vorgesehen, der in die geplanten Workshop-Proceedings aufgenommen wird.
Ziel soll es sein, den interdisziplinären Dialog zu stärken und gemeinsam zu diskutieren, wie Kino und Printmedien die Erfahrung der Moderne in der postkolonialen Welt nicht nur abbildeten, sondern aktiv mitgestalteten. Die Teilnehmenden stellen in kurzen Inputs ihre aktuellen Forschungsarbeiten vor, gefolgt von offenen Diskussionen zu Methodik, Archiven und konzeptionellen Ansätzen für ein neues Nachdenken über das transnationale Erbe der Moderne.
Über das Projekt
Das Projekt »From Process to Aesthetic« wird im Rahmen der Fellowship Forschungswerkstatt der Bauhaus-Universität Weimar gefördert. Mit diesem Format unterstützt die Universität besonders innovative – und im besten Sinne auch risikofreudige – Forschungsvorhaben. Ziel ist es, Begegnungen, Austausch und Zusammenarbeit zu ermöglichen sowie Räume für interdisziplinären Dialog und die Vernetzung wissenschaftlicher und künstlerischer Fragestellungen zu schaffen.
Bereits im Vorfeld haben Pappal Suneja und Sneha Singh ihr Projekt im Rahmen mehrerer Forschungsaufenthalte und Engagements vorgestellt, unter anderem beim IAAW South Asia Research Colloquium an der Humboldt-Universität zu Berlin am 5. Dezember 2025. In einem Seminar mit dem Titel »Mediating Modernism: Cinema and Print as Agents of Design Transformation in Postcolonial South Asia« präsentierten sie dort den theoretischen Rahmen sowie erste Forschungsergebnisse.