IV. WEIMARER STUMMFILM-RETROSPEKTIVE / MO, 29. AUG - MI, 07. SEP 2022

DR. MABUSE, DER SPIELER (D 1922), Bildrechte: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

»BRANNTWEIN, TABAK, KINO!«

1922 existierten in Deutschland etwa 4.000 Lichtspieltheater, von noblen Tausendplätze-Häusern in den Metropolen bis zu den Sonntagskinos in kleinstädtischen Wirtschaftssälen. Auch die beiden Weimarer Kinos »Scherffs Lichtspielhaus« (Marktstraße 20) und »Reform Licht-Spiele« des Hofphotographen Louis Held (Marienstraße 1) gehörten dazu. Im Jahr 1922 wurden allein in der Klassiker-Stadt 373 Filme in insgesamt 2.580 öffentlichen Aufführungen gezeigt. Im November jedoch mussten vielerorts die Kinos wegen inflationärer Kostenexplosionen temporär schließen - so auch in Weimar.

»Branntwein, Tabak, Kino!« - unter diesem Motto kontextualisiert die IV. Weimarer Stummfilm-Retrospektive das Kinojahr 1922 zwischen Filmhighlights, wirtschaftlichen Verhältnissen und staatlichen Auflagen. Begleitet von historischen Wochenschauen, Einführungen, Vorträgen, Filmgesprächen und live vertont von international renommierten Stummfilm-MusikerInnen.

Die Folgen des Krieges schlugen sich in der jungen Republik in großer Verzweiflung, Hysterie und Zynismus nieder. Kriegsprofiteure und Spekulanten verdienten Millionen und genossen das Leben in vollen Zügen, während abertausende täglich ums Überleben kämpften. Ein Produkt dieser desolaten Verhältnisse ist Norbert Jacques‘ Romanfigur »Dr. Mabuse«, ein tyrannischer Schwerverbrecher mit 1000 Gesichtern. Er manipuliert die Börse, hypnotisiert in illegalen Kasinos seine Mitspieler, bringt Menschen um Verstand, Geld und Leben. Mit ihrer Filmadaption schufen Fritz Lang und seine Ehefrau Thea von Harbou »ein Bild der Zeit«, eine milieuechte Konstruktion, die »die Bedingungen aufzeigt, unter denen eine Gesellschaft zwischen Chaos und Tyrannei einem ›Übermenschen‹ verfallen kann.«1 Der Stummfilmpianist Richard Siedhoff begleitet den Zweiteiler gemeinsam mit Mykyta Sierov (Oboe) nach Motiven der von Konrad Elfers 1964 anlässlich der ersten Wiederaufführung komponierten Musik.

Robert Israel leitet die Staatskapelle Weimar zu F. W. Murnaus »Phantom«

Der amerikanische Komponist und Dirigent Robert Israel lässt mit seiner Orchestermusik F. W. Murnaus frühes Meisterwerk zu neuem Leben erblühen. Am 3. September leitet Israel die Staatskapelle Weimar und transportiert mit seiner einfühlsamen Komposition die kinematographische Faszination des Stummfilm-Melodrams in die heutige Zeit. »Phantom« markiert den Höhepunkt der frühen Hauptmann-Verfilmungen. Er erzählt die Geschichte des armen Bücherwurms Lorenz Lubota und seiner unerwiderten Liebe zur wohlhabenden Veronika. Besessen von ihrer Unerreichbarkeit gerät Lubota in einen Strudel aus Leidenschaften und driftet immer mehr in eine surreale Scheinwelt ab. In Murnaus Inszenierung verschmelzen Im- und Expressionismus zu einem atmosphärisch dichten Traumbild.

PHANTOM (D 1922), Bildrechte: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Anschließend an jede Veranstaltung hat das Publikum die Möglichkeit, in unserer »Cine-Corner« im Lichthaus Kino mit den Veranstaltern und ExpertInnen gemütlich über die Filme zu plaudern und zu debattieren.

Karten: www.kunstfest-weimar.de

Kontakt: Dr. Simon Frisch (Fakultät Medien der Bauhaus-Universität, Tel.: +49 (0) 3643 / 58 37 37, E-Mail: simon.frisch[at]uni-weimar.de) und Dr. Katrin Richter (Universitätsbibliothek der Bauhaus-Universität Weimar, Tel.: +49 (0) 3643 / 58 28 03, E-Mail: katrin.richter[at]uni-weimar.de)

1 Dr. Mabuse, der Spieler. In: Lexikon des internationalen Films. Filmdienst, abgerufen am 10. Juni 2022.


Programm zur diesjährigen Stummfilmretrospektive 2021
Asta Nielsen in "Hamlet" (1921) Foto: Deutsches Filminstitut

Die III. Weimarer Stummfilm-Retrospektive widmet sich dem »Kreise der Unsterblichen«, jenen großen Berühmtheiten des Weimarer Kinos und ihrem Verhältnis zur Filmindustrie, zum Publikum und zur Filmkunst. Das Lichthaus Kino, die Bauhaus-Universität Weimar, das Weimarer Stadtarchiv und das Kunstfest Weimar präsentieren seltene Filmwerke, die vor 100 Jahren in den Weimarer Kinos zu sehen waren. Anhand rekonstruierter Spielpläne der zwei lokalen Kinos »Scherffs Lichtspielhaus« und »Reform-Licht-Spiele« lebt der Weimarer Kinoalltag des Jahres 1921 in einer dichten Annäherung wieder auf. Begleitet von historischen Wochenschauen, Einführungen, Vorträgen und Filmgesprächen mit Expert*innen aus Film, Kultur und Musik werden alle Filme – mit einer Ausnahme einer historischen Musik – von international renommierten Stummfilm-Musiker*innen live vertont.

Cinessage: So. 29.08., 18 Uhr, Lichthaus-Kino

Karten: www.kunstfest-weimar.de

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»Überreizung der Phantasie«: Stummfilm-Retrospektive zeigt Filme der Weimarer Lichtspielhäuser 1920

Die wiederentdeckte »Sinfonische Filmdichtung« von Dr. Hans Landsberger zum Film DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM (D 1920). Quelle: Richard Siedhoff
KOHLHIESELS TÖCHTER (D 1920). Foto: Deutsche Kinemathek

Das Kunstfest Weimar 2020, Thüringens größtes Festival für zeitgenössische Kunst, findet statt und passt sein Programm der außergewöhnlichen Situation an. Erneut vertreten ist die Dozentur für Film- und Medienwissenschaft unter Dr. Simon Frisch mit der II. Weimarer Stummfilm-Retrospektive »Überreizung der Phantasie« in Kooperation mit dem Lichthaus Kino, der Universitätsbibliothek und dem Stadtarchiv Weimar. Neben den Publikumsmagneten des Kinojahres 1920 erfolgt in diesem Jahr die Wiederaufführung der verschollenen Originalmusik zu Paul Wegeners expressionistischem Klassiker »Der Golem, wie er in die Welt kam« durch die Staatskapelle Weimar.

Bereits ein Jahr nach der Gründung der Weimarer Republik verabschiedet die Nationalversammlung am 12. Mai 1920 das Reichslichtspielgesetz, »eine der wichtigsten Stationen auf dem ›Weg des Films‹ überhaupt« (Friedrich v. Zglinicki). Filme wurden als Massenmedium anerkannt und durch Skandale und Zensurakte öffentliche Debatten angeregt. Unter dem Titel »Überreizung der Phantasie«, jener hinweisenden Formulierung aus dem Gesetzestext, lässt die II. Weimarer Stummfilm-Retrospektive gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Film, Kultur und Musik das Weimarer Kinojahr 1920 Revue passieren: eine dichte Annäherung an den Kinoalltag vor 100 Jahren.

Die rekonstruierten Spielpläne der lokalen Kinos »Scherffs Lichtspielhaus« und »Reform Licht-Spiele« bekunden: Das Weimarer Leinwandgeschehen war überaus reicher, als es die Konzentration auf die bekanntesten Werke ahnen lässt. So zählten italienische Heldenepen, frühe Science-Fiction-Filme und die Werke des in der Rezeption bisher kaum beachteten Regisseurs Erik Lund zur Weimarer Kinokultur des Jahres 1920. Alle Filme der Retrospektive werden von international renommierten Stummfilm-Musikern live begleitet, darunter John Sweeney (Großbritannien), Richard Siedhoff (Deutschland), Mykyta Sierov (Ukraine) und Günter A. Buchwald (Deutschland). Getreu der damaligen Vorführungspraxis werden die Hauptfilme durch historische Messter-Wochenschauen aus dem Bundesarchiv ergänzt.

Zudem wurde eine verschollen geglaubte Filmmusik des Weimarer Kinos wiederentdeckt: die Originalmusik zu »Der Golem, wie er in die Welt kam« des jüdischen Komponisten Dr. Hans Landsberger, der 1941 im Internierungslager Camp de Gurs ums Leben kam. Der Stummfilmmusiker Richard Siedhoff hat die Orchesterfassung rekonstruiert, um das Gesamtkunstwerk »Der Golem« in seiner ursprünglichen Form wieder aufführen zu können. Paul Wegeners Adaption der jüdischen Sage aus dem Prager Ghetto zählt zu den außergewöhnlichsten künstlerischen Erfolgen des Weimarer Kinos und der prometheische Traum vom »künstlichen Menschen« strebt bis heute nach Verwirklichung in den Grenzbereichen der Kybernetik und Biotechnologie, in Androiden, Cyborgs und künstlicher Intelligenz. Die Neuorchestrierung konzertiert die Staatskapelle Weimar unter der Leitung des Dirigenten Burkhard Götze vom Metropolis Orchester Berlin. Der Direktor des Filmmuseums München Stefan Drößler gibt eine Einführung in die Thematik.

Cinessage: Mi. 2.9., 18:30 Uhr, Lichthaus-Kino mit Dirk Heinje (Lichthaus GmbH), Rolf C. Hemke (Kunstfest Weimar), Dr. Katrin Richter (Bauhaus-Universität Weimar), Richard Siedhoff (Hauspianist Lichthaus Kino und Stummfilmmusiker)

Programmheft (PDF 5,3 MB):

Programmheft »Überreizung der Phantasie« (Gestaltung: Hannah Meyer, hueftstern.com)

Idee und Konzeption: Dr. Simon Frisch, Gerrit Heber, Dr. Katrin Richter, Bauhaus-Universität Weimar / Sven Opel und Dirk Heinje, Lichthaus GmbH / Dr. Jens Riederer, Stadtarchiv Weimar / Richard Siedhoff

Veranstalter: Lichthaus Kino, Bauhaus-Universität Weimar, Stadtarchiv Weimar und Kunstfest Weimar

Förderer und Kooperationspartner: Kunstfest Weimar, Lichthaus Kino, Bauhaus-Universität Weimar, Stadtarchiv Weimar, Thüringer Staatskanzlei, Sparkassenstiftung Weimar - Weimarer Land, Sparkasse Mittelthüringen, Stadt Weimar, Weimarer Republik e.V (gefördert durch das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz), Kreativfonds der Bauhaus-Universität Weimar, Filmmuseum München, Deutsche Kinemathek, Deutsches Filminstitut, Bundesarchiv, Stummfilmmagazin.de, Musikverlag Ries & Erler


»Schock der Freiheit« - Filme der Weimarer Republik in den Weimarer Kinos 1919

Welche Filme sahen die Weimarer Bürgerinnen und Bürger vor 100 Jahren in den hiesigen Kinos? Im Rahmen des diesjährigen Kunstfestes Weimar veranstaltet die Dozentur für Film- und Medienwissenschaft vom 26.8. bis 5.9.2019 erstmalig die Stummfilm-Retrospektive »Schock der Freiheit. Filme der Weimarer Republik in den Weimarer Kinos 1919« im Lichthaus Kino.

Mit der Gründung der Weimarer Republik beginnt auch für das Weimarer Kino das goldene Zeitalter des deutschen Films. Während im Weimarer Nationaltheater die verfassunggebende Versammlung tagt, etabliert sich der Film als einflussreiches Massenmedium, die Lichtspielhäuser nehmen einen rasanten Aufstieg und die UFA entwickelt sich nach Hollywood zum zweitgrößten Filmimperium der Welt. Nach der Kaiserherrschaft und den Schrecken des Ersten Weltkriegs spiegelt sich der plötzliche »Schock der Freiheit« (Siegfried Kracauer) in den eskapistischen Lustspielen, glamourösen Spektakeln und düsteren Leinwandfantasien des Films.

Anhand der rekonstruierten Spielpläne der lokalen Kinos »Scherffs Lichtspielhaus« und »Reform Licht-Spiele« zeigen das Lichthaus Kino, die Bauhaus-Universität Weimar, das Kunstfest Weimar und das Weimarer Stadtarchiv in Zusammenarbeit mit international renommierten Musikerinnen, Musikern und Gästen eine Stummfilm-Retrospektive mit seltenen Werken, die sich vor genau 100 Jahren als Publikumsmagneten erwiesen und an das filmische Kulturerbe aus der Perspektive der Stadt Weimar erinnern. Zudem bieten Einführungen, Filmgespräche und historische Wochenschauen sowie eine Ausstellung einen spannenden Zugang zum doppelten Jubiläumsjahr der Weimarer Republik und des Bauhauses.

Förderung: Thüringer Staatskanzlei, Sparkassenstiftung Weimar - Weimarer Land, Sparkassen Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Sparkasse Mittelthüringen, Stadt Weimar, Bauhaus100-Fonds der Bauhaus-Universität Weimar, Freundeskreis der Bauhaus-Universität Weimar, Weimarer Republik e.V, Kreativfonds der Bauhaus-Universität Weimar, Kunstfest Weimar

Kooperation: Kunstfest Weimar, Lichthaus Kino, Bauhaus-Universität Weimar, Stadtarchiv Weimar, Deutsche Kinemathek, Deutsches Filminstitut, Filmmuseum München, Danish Filminstitute, Achives Jutta Niemann, Bundesarchiv Filmarchiv, Hüftstern Büro*Gemeinschaft für visuelle Gestaltung

Die Filme der Weimarer Republik in den Weimarer Kinos 1919