Positionierung

Die Professur Baubetrieb und Bauverfahren versteht sich als Institut zur Analyse, Vermittlung und Anwendung von Wissen zur Vorbereitung, Durchführung und Abrechnung der Bauproduktion - sieht sich in erster Linie auf der Seite der Bauausführung.

Das Baubetriebswesen beinhaltet

Baubetrieb

Baubetrieb ist ein Doppelbegriff, der sowohl das Bauleistungen ausführende Unternehmen als auch die Baustelle mit all ihren betrieblichen Abläufen bezeichnet.

Mit Baubetrieb wird also einerseits das Unternehmen bezeichnet, das für verschieden Bauherren bzw. Auftraggeber auf deren Grund und Boden allgemeine Bauleistungen ausführt. Der Baubetrieb als Bauunternehmen ist ein eigenständiger Betrieb mit wirtschaftlicher Verantwortung.

Baubetrieb heißt andererseits Betreiben von Baustellen als Fertigungsstätten und umfasst alle organisatorischen Aspekte des Bauens, von der Gestaltung der einzelnen Arbeitsprozesse zur Errichtung eines Bauwerkes, über die Vorbereitung, Kontrolle und Abrechnung der Baumaßnahmen bis zur Zusammenarbeit der am Bau Beteiligten. Im Rahmen der „Bauorganisation“ beinhaltet Baubetrieb die Bauablauf-, Baustellen- und Unternehmensorganisation.

Bauverfahrenstechnik

Mit Bauverfahren werden die Methoden und Verfahren der Herstellung von Bauwerken und Bauteilen beschrieben. Die Bauverfahrenstechnik behandelt die Grund- und Sonderverfahren zur Durchführung von Bauprozessen sowie die dafür erforderlichen Arbeitsmittel. Der Einsatz zweckmäßiger Maschinen ist Merkmal modernen Bauens und deren optimale Ausnutzung eine wesentliche Voraussetzung der Wirtschaftlichkeit. Die Bauverfahren stehen in enger Wechselwirkung mit den zum Einsatz kommenden Baustoffen und Besonderheiten der Baukonstruktion. Besser wird hier auch der Begriff Bauproduktionstechnik gebraucht, um die Dominanz der technischen Aspekte zu betonen.

Bauwirtschaft

Die Bauwirtschaft behandelt die betriebswirtschaftlichen Aspekte des Bauens, wie das Wirtschaftssystem der Baubranche, das Zusammenwirken der Bauwirtschaft mit der übrigen Volkswirtschaft, Unternehmensstrukturen, Unternehmensformen, ökonomische Zusammenhänge innerhalb der Unternehmung und zwischen Unternehmen und ihren Partnern am Bau, die vertragliche Gestaltung von Bauleistungen, Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung (AVA).

Informations- und Kommunikationstechnologien

Alle Disziplinen des Baubetriebswesens sind heute von Informations- und Kommunikationstechnologien durchdrungen.

Um planmäßig und effizient bauen zu können, müssen die erforderlichen Informationen  zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung stehen.

Technologische Insellösungen führen nur zu suboptimalen Ergebnissen. Priorität besitzt die Wirtschaftlichkeit des Gesamtunternehmens. Deshalb sind diese Inseln zu großen Systemen zu verknüpfen und einer systemtechnischen Betrachtungsweise zu unterziehen. Da in der Baupraxis auf langfristigen Planungen basierende Optimierungen oft schnell verworfen werden müssen, weil die Randbedingungen einem raschen Wandel unterliegen, sind dynamische Ansätze erforderlich, in denen auch verschiedene Entscheidungen durchgespielt werden können. Diese erfordern aktuelle und für alle Systemelemente synchrone Zustandsbeschreibungen, die nur mit modernen Mitteln der Kommunikation und Informationstechnologie realisierbar sind.

Neue technische Lösungen führen auch zu neuartigen technologischen Denkansätzen. Beispiele dafür sind Satellitennavigationssysteme oder das Internet der Dinge mittels Transpondertechnologie RFID (Radio Frequency Identification). Durch ihre Nutzung werden Ereignisse und Daten mit hoher Genauigkeit lokal zuordenbar und dokumentierbar.

Mit der Nutzung von Bauwerksinformationsmodellen (BIM) eröffnen sich auch im Baubetrieb völlig neue Arbeitsweisen. Deshalb werden Modellierung und Simulation immer mehr zu alltäglichen Instrumentarien auch in der Lehre.

arbeitswissenschaftliche Aspekte

Übergreifend spielen im Baubetriebswesen arbeitswissenschaftliche Aspekte eine wichtige Rolle - die Berücksichtigung des Menschen im Arbeitsprozess. Sie zeigen sich bei der Arbeitsgestaltung, Arbeitsorganisation, in arbeitsökonomischen und arbeitsrechtlichen Fragestellungen sowie im Gesundheits-, Arbeits-, Brand- und Umweltschutz.

Das Baubetriebswesen als Lehrgebiet

Das Baubetriebswesen wird als Lehrgebiet zuweilen unterschätzt.

Scheinbar ist alles einfach, klar und logisch. Doch

  • es fehlen Praxiserfahrungen und damit die Einsicht in verschiedene Problemstellungen,
  • Wertigkeiten werden falsch gesetzt,
  • Aufgabenstellungen sind nur selten streng algorithmierbar und führen nicht immer zu einem eindeutigen Ergebnis,
  • selbst Lösungsweg und Herangehensweise können unterschiedlich sein.

Vertreter der Baupraxis betonen immer wieder erhebliche Defizite von Hochschulabsolventen in den Bereichen:

  • Umsetzung der Theorie in der Praxis,
  • Zusammenhang zwischen Technik, Zeit und Kosten,
  • Auswahl der notwendigen und richtigen Informationen aus dem großen Informationsangebot,

aber gleichermaßen auch solcher Ausprägungen wie

  • Kenntnisse im Umgang mit dem Menschen (Psychologie):
    • Beurteilung von Menschen,
    • Anleitung und Motivation der Mitarbeiter,
    • Verhandlungsführung, Kommunikation mit Auftraggebern und anderen Partnern,
  • Kostendenken, Kalkulationshandwerk
  • Organisationstechnik,
  • Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik,
  • Maschinen- und Gerätetechnik,

und schließlich solcher Persönlichkeitsmerkmale, wie

  • Gewissenhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein,
  • Teamfähigkeit,
  • Durchsetzungsfähigkeit,
  • Disponibilität (Generalist sein).

Große Defizite bestehen in der Baupraxis auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit. Die weitere Verbesserung des Schutzes der Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Menschen verlangt  ausreichende Kenntnisse des Arbeitsschutzes und der Sicherheitstechnik, aber auch der entsprechenden gesetzlichen Grundlagen.

Maschinen und andere technische Einrichtungen prägen heute das Baugeschehen. Die maschinentechnischen Kenntnisse der Bauingenieurabsolventen genügen den Ansprüchen in der Regel nicht. Das führt in der Praxis zu Wirtschaftlichkeitsverlusten durch unzureichende Ausnutzung der Maschinen oder Einsatz von ungeeigneten Maschinen, aber auch zu deren Überbeanspruchung und Frühausfällen.

Baubetrieb kann an einer Hochschule nur in den Grundzügen und exemplarisch vermittelt werden - aber das folgerichtige Denken in Systemen und Zusammenhängen wird erlernt. Der notwendige Kenntnisgewinn für die speziellen Anforderung der Praxis muss postgradual durch

  • Trainee-Programme,
  • Assistenz-Zeit,
  • "Learning by doing", "Training on the job"

vertieft und gefestigt werden. Dazu ist eigenes Engagement erforderlich, in Form von technischer Neugier, dem Studium der Fachliteratur sowie Besuch von Fachmessen.

Selbstverständlich lohnt es sich, die Augen offen zu halten. Viele Baustellen bieten besten Anschauungsunterricht - und oft reichlich Ansatzpunkte zu erkennen, was besser zu machen ist.