Erzählte und erzählende Umwelten/Narrated and Narrating Environments
Interdisziplinäre und zweisprache (englisch-deutsche) Tagung im Rahmen des DFG-geförderten Netzwerks PRANA an der Bauhaus-Universität Weimar, Albrecht-Dürer-Straße 2, Seminarraum 106
Die Konferenz untersucht die Rolle des Erzählens bei der Herausbildung gegenwärtiger Formen von Umweltlichkeit und richtet dabei ein besonderes Augenmerk auf das komplexe Zusammenspiel natürlicher sowie techno-medialer Umwelten. Im Zentrum steht die Frage nach dem Zusammenhang historischer und gegenwärtiger Konzepte von "Umwelt" beziehungsweise "environment" und der erzählten Welt. Erzählpraktiken prägen die sozialen und epistemischen Beziehungen zwischen biologischen Entitäten und ihren jeweiligen Umwelten. Im Kontext einer gewachsenen Aufmerksamkeit für Indigene Philosophien sind Konzepte des Erzählens zentral für ein symmetrisches Verständnis des Ökologischen. In Philosophien wie dem amerindianischen Perspektivismus sowie in verwandten Positionen der Narrationstheorie werden organische und anorganische Akteure als aktive Instanzen des Erzählens begriffen. Narrative Subjekte werden nicht länger vom Hintergrund getrennt; vielmehr geht es darum, eine symmetrische und fragile Beziehung zwischen beiden zu beobachten.
Zugleich verwischt die Unterscheidung zwischen 'realen' und 'künstlichen' Umwelten zunehmend. Dieser Zustand einer postvirtuellen Umweltlichkeit ist zum Gegenstand zahlreicher zeitgenössischer narrativer Texte und Genres geworden. Der Status der Umwelt verschiebt sich von einer vorausgesetzten Selbstverständlichkeit, wie sie in phänomenologischen Konzepten von Lebenswelt und Mitwelt postuliert wird, hin zu einem Bewusstsein von Fragmentierung und Fragilität.
In gegenwärtigen narrativen Imaginationen organisch-techno-medialer Umwelten entstehen Räume für die Neukonfiguration von Kooperationen. Zeitgenössische literarische, visuelle und ludische Erzählungen stellen die lineare und vertikale Organisation von Welten durch den Menschen infrage, indem sie nichtmenschliche, multiskalare Welten entwerfen. Narrative Formate, die die Perspektive von Pilzen, Flechten, geologischen und Eisschichten, Humanoiden oder Algorithmen einnehmen, schreiben diesen Entitäten narrative Handlungsmacht zu, verhandeln neue Formen von Umweltbeziehungen und ziehen neue Grenzen zwischen Subjekt und Umwelt.
Welche narratologischen Konzepte können wir nutzen, um Umweltverhandlungen in Medienformaten und Erzählpraktiken zu analysieren? Hilft dabei das ursprünglich biologische Konzept der "Umwelt", und lässt es sich auf das narratologische Konzept der "storyworld" übertragen oder auf dieses anpassen?
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das Verhältnis zwischen ökologischer Forschung und Narrationstheorie? Können storyworlds den Blick für die narrative Agency technischer und organischer Umwelten sowie für deren Modi der Konstruktion und Dekonstruktion schärfen?
Thursday, 07.05.2026
(Conference Language: English)
15:00-15.30 Introduction: Charlotte Coch, Oliwia Murawska, Ruxandra Teodorescu, Ronald Röttel
Keynote
15:30-16:20 Erin James: Against Sincerity: Reimagining the Umwelts of Climate Change Fiction
Sektion 1: Formate und Genres des umweltlichen Erzählens/ Formats and Genres of Ecological Storytelling
(Moderation: Ronald Röttel)
16:20-16:40 Coffee Break
16:40-17:30 Verena Wurth: Serial Ecology
19:00 Dinner
Friday, 08.05.2026
(Conference Language: German and English)
9:30-10:20 Andrin Albrecht: Genesis Genii. Zur Emergenz von erzählenden Naturverkörperungen in fantastischer Literatur
Sektion 2: Naturkulturelle Umwelten erzählen / Narrating Natureculture Environments
(Moderation: Oliwia Murawska)
10:20-11:10 Kathrin Eitel: Von der Feldnotiz zur Zukunftsvision: Ethnographische Fiction als Wissenstransfer (Zoom)
11:10-11:30 Kaffeepause
11:30-12:20 Nicole Brandstetter: Umweltbeziehungen zwischen Mensch, Maschine und Natur
12:20-13:40 Mittagspause
13:40-14:30 Fabio D’Addona: Ich und Umwelt um 1800: Karoline von Günderrodes „Ein apokaliptisches Fragment“
Sektion 3: Virtuelle Umwelten erzählen/Narrating Virtual Environments
(Moderation: Ruxandra Teodorescu)
14:30-15:20 Sebastian Möring, Birgit Schneider: Spielwelten im Anthropozän: Umweltinszenierungen in aktuellen Computerspielen
15:20-15:40 Kaffeepause
15:40-16:20 Marco Caracciolo: Plant Life and Mechanics of Entanglement in Video Games
16:20-17:10: Orit Halpern: Planetary Experiments: Notes to a Theory of Technospheric Governance [cancelled]
17:10-17:30 Coffee Break
17:30 -18:20 Alenda Chang: Digital Plantations (Zoom)
19:00 Dinner
Saturday, 09.05.2026
(Conference Language: German)
Sektion 4: Umweltliche Schreibszenen/Ecological writing scenes
(Moderation: Matthias Grüne)
09:30-10:20 Moritz Nicklas: Literatur als Umwelt ihrer selbst: Schreibszenen in Elias Hirschls Content
10:20-11:10 Angela Gencarelli: Through the mind of a machine.’ Oder: Wenn Large Language Models menschliche (Um)Welten erzählen
11:10-11:30 Kaffeepause
11:30-12:00 Abschlussdiskussion / Final Discussion
12:00-13:00 Mittagessen
13.00-14.00 Interner Netzwerkabschluss / Internal Network Discussion
Didaktischer Praxisworkshop: Posthumanistisch erzählen und bilden
Orga-Team: Charlotte Coch, Andreas Hudelist, Verena Kuni, Simon Probst, Anne-Kathrin Reulecke, Ronald Röttel, Ruxandra Teodorescu
Die ‘Bildung’ des Menschen durch äußere und innere Formung gehört zu den zentralen Pfeilern des Humanismus und wirkt institutionell und kulturell bis in die heutige Zeit. Formen und Gattungstraditionen des Erzählens kommt dabei (Stichwort Bildungsroman) eine wesentliche Rolle zu. Fokussiert wird dabei in der Regel auf den Menschen, sein Innenleben und seine sozialen Beziehungen. Wie lassen sich diese mit tradierten Bildungsidealen verbundenen Prämissen angesichts gegenwärtiger Herausforderungen durch technische Entwicklung und damit verbundene ökologische Gefährdung rekonfigurieren? Der Workshop fragt nach zwei Dimensionen posthumanistischer Bildung mit und durch Geschichten. Auf der Ebene der Bildungsinhalte steht die Frage im Zentrum, wie die Beziehung von Menschen zur mehr-als-menschlichen Welt (Pflanzen, Tiere und Klima sowie Medien und Maschinen) erzählend gelernt und gelehrt werden kann. Auf der Ebene einer technisch-medialen Veränderung von Bildungsprozessen fragt der Workshop danach, wie die Praktiken des Lernens mit Geschichten sich in Medienökologien verändern, in denen digitale Technologien und künstliche Intelligenzen eine zunehmend wichtige Rolle spielen.
5. Arbeitstreffen: Ausstellungseröffnung / Exhibition Opening: 27. Oktober 2027, Volkswagen-Universitätsbibliothek der TU und UdK Berlin
Orga-Team: Eva Axer, Charlotte Coch, Daniela Doutch, Stefanie Heine, Verena Kuni, Oliwia Murawska