Dr. phil. Michael Cuntz

Die Listen der Evidenz

Michael Cuntz, Barbara Nitsche, Isabell Otto und Marc Spaniel (hg.): "Die Listen der Evidenz." Köln (DuMont Literatur und Kunst Verlag) 2006 (Mediologie; Bd. 15), 300 S.

Kurzbeschreibung

Wer von »Evidenz« spricht, meint etwas, das allgemein gilt, unhinterfragt bleibt, beweiskräftig ist, klar vor Augen steht oder unmittelbar und auf direktem Wege einleuchtet. Die »List« scheint in vielerlei Hinsicht das Gegenteil der Evidenz zu sein: Sie wirkt im Verborgenen und auf Umwegen, entzieht sich jeder Eindeutigkeit und reagiert von Fall zu Fall auf gegebene Situationen. Aber sind List und Evidenz tatsächlich als reine Gegensätze zu verstehen? Sind Evidenzen so festgefügt, zeitlos und unverbrüchlich, wie es den Anschein hat? Sind nicht vielmehr immer Listen im Spiel, wenn Evidenzen hergestellt und stabilisiert werden? Der Band versammelt Beiträge aus Literatur- und Filmwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Wissenschaftsgeschichte und Informatik, die zeitlich vom Mittelalter bis zur Gegenwart reichen. Zu den behandelten Themen und Fragestellungen gehören: – Die Rolle von Augenzeugen in Prozessen der Beglaubigung und Beweisführung: Wie etwa werden mittelalterliche Erzählungen um die Belagerung Trojas durch die Berufung auf Kriegsberichterstatter vor Ort legitimiert? – Verfahren der Abkürzung und ihr Versprechen des direkten Zugriffs auf komplexe Sachverhalte: Mittels welcher Formen visueller Übersicht wird beispielsweise die Wirklichkeit von Gesellschaft veranschaulicht und plausibel gemacht? – Die Evidenz von Grenzziehungen mit ihren Ein- und Ausschlussgesten: Wie einleuchtend etwa sind die Versuche, die Schwelle menschlichen Lebens im Heranwachsen von Embryos zu bestimmen?