Gleislos in die Peripherie. Raumpolitische Dimensionen des Rückbaus von (Schienen-)Infrastruktur in Thüringen (AT)
Kurzbeschreibung
Das angestrebte Promotionsvorhaben untersucht, wie der Abbau von Schieneninfrastruktur seit der „Wende“ soziale, räumliche und politische Prozesse in Thüringen verändert hat. Der Rückbau von rund 500 Kilometern Schienenstrecken in den vergangen 30 Jahren hatte weitreichende Folgen für Mobilität, Teilhabe und regionale Entwicklung. Der Verlust öffentlicher Verkehrsinfrastruktur zeigt sich nicht nur als ökonomisches Problem, sondern auch als sozialer und kultureller Einschnitt, der Identität, Raumwahrnehmung und gesellschaftliche Kohäsion beeinflusst.
Im Zentrum des Vorhabens steht die Frage, wie diese infrastrukturellen Verluste erlebt, gedeutet und politisch verhandelt werden. Dabei wird der Rückbau als raumpolitischer Prozess verstanden, in dem sich strukturelle Ungleichheiten und gesellschaftliche Spannungen verdichten. Thüringen bietet hierfür ein besonders geeignetes Untersuchungsfeld, da sich hier in ländlichen Räumen infrastrukturelle Veränderungen mit ökonomischem Wandel und politischen Polarisierungen überlagern.
Theoretisch verortet sich die Arbeit an den Überlegungen von Andreas Reckwitz zur Kultur des „Verlusts“ und Oliver Nachtweys Konzept der „Abstiegsgesellschaft“. Beide Ansätze beschreiben den gesellschaftlichen Wandel als Prozess, in dem Fortschritt zunehmend mit Ausschlüssen und Enttäuschungen verbunden ist. Der Verlust von Infrastruktur kann somit als räumliche Manifestation dieser spätmodernen Erfahrung verstanden werden. Ergänzend werden Bourdieus Kapitalbegriffe herangezogen, um die ungleiche Verteilung von Erreichbarkeit, sozialem Kapital und ökonomischen Chancen zu analysieren. Im empirischen Teil werden ausgewählte Stilllegungen thüringischer Bahnstrecken aus drei Perspektiven untersucht. Erstens werden ökonomische Effekte betrachtet, etwa der Wegfall von Güterzuganschlüssen und seine Folgen für regionale Wertschöpfung. Zweitens werden soziale und emotionale Erfahrungen des Mobilitätsverlusts im Personenverkehr analysiert. Drittens werden symbolische und kulturelle Bedeutungen des Infrastrukturabbaus erforscht, beispielsweise die Wahrnehmung verlassener Bahnhöfe als Zeichen des Niedergangs oder der Erinnerung.
Das Ziel der Arbeit ist es, den Rückbau von Schieneninfrastruktur als gesellschaftlich wirksamen Transformationsprozess zu verstehen, der Fragen von Raumgerechtigkeit, Mobilität und sozialer Teilhabe neu aufwirft. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Mobilitätsforschung und zur raumwissenschaftlichen Debatte um gleichwertige Lebensverhältnisse in peripheren Regionen.
Verfasser
Theo Sauerborn hat an der Fachhochschule Erfurt Stadt- und Raumplanung im Bachelor und Master studiert. Seit April 2025 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Stadtplanung der Bauhaus Universität Weimar und dort in Lehre und Forschung tätig. Zuvor war er in der Projektleitung des europäischen Interreg-Projekts „Rail4Regions“ im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft beschäftigt. Zudem nahm er verschiedene Lehraufträge zu den Themen (Neo-)Faschismus und Klassismus in der Stadtplanung an der Fachhochschule Erfurt wahr.
Seine Forschungsinteressen umfassen Fragen der Mobilität – insbesondere im Bereich Schieneninfrastruktur –, (internationale) Protestforschung, den Zusammenhang zwischen Klassismus und räumlicher Gestaltung sowie den Einfluss von Autoritarismus auf Stadtplanung.
Kontakt
theo.sauerborn[at]uni-weimar.de
Stand: Februar 2026