Publikation Architektur Wahrnehmen

Im Begriff der Wahrnehmung steckt ein latenter Imperativ, der zur bewussten Eigenbeobachtung eher beiläufiger Prozesse der Rezeption auffordert. Damit wird ein scheinbarer Automatismus unterbrochen und die Aufmerksamkeit vom Gegenstand auf die Situation der Beobachtung gelenkt.

Architekturwahrnehmung fokussiert sowohl in umfassender als auch in spezifischer Art und Weise auf diese Relationalität zwischen den Wahrnehmenden und den Kontexten ihrer Wahrnehmung. Architektur im Verständnis gebauter räumlicher Umwelt liefert den Gegenstand und die Rahmenbedingungen gleichermaßen.

Diese mehrfache Verschachtelung durch geeignete Perspektivwechsel zu reflektieren war die erklärte Absicht einer Ringvorlesung mit dem Titel Architektur WAHRnehmen, zu der die Professur Bauformenlehre an der Bauhaus-Universität Weimar im Wintersemester 2015/2016 einlud. Diskutiert wurden unterschiedliche Sichtweisen auf Wahrnehmungsprozesse. Aus den Vorträgen sind die Kapitel dieses Buches entstanden: 15 Experten nähern sich dem gemeinsamen Thema von einem jeweils unterschiedlichen Ausgangspunkt aus: Unter ihnen sind Psychologen, Bildhauer, Journalisten, Kunstgeschichts- und Erziehungswissenschaftler, Geschichts- und Medienwissenschaftler, Kunstdidaktiker und natürlich Architekten, deren Argumentationen Studierende der Architektur, Architekten und interessierte Laien gleichermaßen zur Anregung dienen und schlussendlich auch das gegenseitige Verständnis für unterschiedliche Erfahrungsmuster anregen sollen. Der Leser wird dazu ermuntert, die persönliche Wahrnehmungsbiographie mit den wissenschaftlichen Beiträgen der Experten auszubalancieren.

Die Kapitel sind in drei große Bereiche eingeteilt: Architekturwahrnehmung allgemein, der differenzierte Blick auf Wahrnehmungsunterschiede und -besonderheiten und die Bedeutung der Architekturwahrnehmung für die Architekturvermittlung. Dialogbilder von Bernd Rudolf schlagen den inhaltlichen Bogen zwischen den einzelnen Kapiteln.

 

Grundlagen der Architekturwahrnehmung

Wir Menschen existieren in Raum und Zeit. Nur den Raum aber können wir wirklich begreifen. In ihm können wir uns einrichten, ihn können wir gestalten und weiterreichen, Raum durch Zeit. In der Auseinandersetzung mit dem Raum kommen wir an in unserer menschlichen Existenz. Die wechselseitige Bedingtheit von Architektur (als heute dominanter Raumgestaltung) und Mensch wird nachvollziehbar, belegbar und begründbar, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere Wahrnehmung richten. Dann wird verständlich, was für Menschen geeignete Architektur ausmacht, über alle individuellen Präferenzen hinweg. In diesem Sinne fordert das Kapitel Architektur und Aufmerksamkeit von Alexandra Abel als Einleitung in die nachfolgenden Inhalte auf: Werden Sie Wahrnehmer! 

In seinem Kapitel Die Sprache des Raums beschreibt Axel Buether den Raum als System unserer Welterkenntnis, unserer Weltbeschreibung, unserer Weltvermittlung und unserer Weltgestaltung. Durch die aufgezeigte Parallele zwischen Raumwahrnehmung und Spracherwerb wird die Bedeutung der Raumwahrnehmung für unsere gesamten nie abgeschlossenen und stets generationsübergreifenden Lern- und Denkprozesses nachvollziehbar. Die Bedeutung der Raumgestaltung folgt daraus von selbst. 

Das Kapitel Von Ästen zu Stöcken von Bernd Rudolf beschreibt den Weg zur Ausbildung einer grundlegenden Wahrnehmungskompetenz, die zu Beginn des Architekturstudiums vermittelt wird. Dieser Weg führt, inspiriert durch den Medienphilosophen Vilém Flusser, zunächst durch den Wald, dann aus ihm hinaus zu einer Reihe phänomenologischer Archetypen und Urbilder. Die Unterscheidung zwischen Gegebenem und zu Machendem, Natur und Kultur, zwischen Ast und Stock, wird zur Basis einer Wahrnehmung, die auf das Entwerfen zielt. So bietet dieses Kapitel nicht nur einen Einblick in die universitäre Lehrmethodik, sondern auch eine Chance für Nicht-Architekten, der Wahrnehmung der Architekten zu folgen.  

Im Sinne einer ebenso vorsichtigen wie respektvollen Annäherung fragt Axel Seyler vor dem Hintergrund der Gestaltpsychologie: Was ist Schönheit? Gibt es gewisse Beschaffenheiten unserer visuellen Umwelt, die eine bejahende, positiv gestimmte Wahrnehmung bei fast allen Menschen unterstützen? Förderer der Schönheit ist der Titel seines Kapitels. Zu eben jener Förderung anregen, wollen die ganz grundlegenden Erkenntnisse, die der Autor jenseits von jeder stilistischen Dogmatik aufzeigt.

 

Wahrnehmungsunterschiede und -besonderheiten

Peter G. Richter beginnt diesen Zyklus mit einem psychologischen Blick auf die Rezeption der modernen Architektur: Warum hat es moderne Architektur so schwer? Sein Kapitel stellt die Wahrnehmungs- und Wertungsunterschiede der Architekten und Nicht-Architekten dar und hinterfragt: Wie entstehen so unterschiedliche Wertungen? Verändern sie sich im Laufe unseres Lebens? Welche Zusammenhänge haben Wahrnehmung und Wertung? Und welchen Einfluss haben das Prinzip der optimalen Neuerung, Konzepte der Informationsvermittlung oder die Integration natürlicher Elemente in die Umwelten auf die Wertungsprozesse moderner Architektur. 

Jörg Kurt Grütter stellt prinzipielle Fragen zum Raum: Gestalteter Raum beeinflusst unser Erleben und Verhalten. Welche interkulturellen Unterschiede gibt es hier von der Geschichte des Raums im Abendland ausgehend, über die traditionelle japanische Architektur, den islamischen Kulturbereich bis hin zur chinesischen Architektur? Welche Wechselwirkungen sind festzustellen zwischen der Gestaltung des Raums, der jeweiligen Kultur und den traditionellen Lebensformen? Das Kapitel Raumwahrnehmung aus interkultureller Perspektive zeigt gerade durch die referierten Unterschiede mit ihren Ursachen und Folgen die immense Bedeutung des Raums für unsere reale Existenz auf. 

Tanja C. Vollmer und Gemma Koppen, Gründerinnen des niederländisch-deutschen Architekturbüros kopvol architecture & psychology, beschäftigen sich in ihrem Kapitel Architekturwahrnehmung und Stresserleben schwerst- und chronisch Kranker vor allem mit den Wahrnehmungsbesonderheiten, die entstehen, wenn wir erkranken. Krankheit verändert unseren Körper, die Wahrnehmung unseres Körpers, die mit dieser eng verbundenen Wahrnehmung des uns umgebenden Raums und unsere Raumbedürfnisse. Diese Kaskade von Abhängigkeiten betrachten die Autorinnen naturwissenschaftlich präzise und gleichermaßen persönlich. Aus dem von ihnen eingeführten Modell der Raumanthropodysmorphie leiten die beiden ebenso konkrete wie bedeutsame Folgerungen für eine neuartige Architektur im Gesundheitswesen ab.  

Räume des Schmerzes und der Verletzungen stehen auch im Fokus des nächsten Kapitels: Die Nationalsozialisten schufen mit den Konzentrationslagern eigene, so nie zuvor dagewesene Städte des Grauens, die jede Vorstellung von Architektur und Raum sprengen. Wie gehen wir mit diesen Orten um? Welche Funktion haben diese Orte heute? Und wie kann Architektur – in der Gestaltung von Landschaft und von Ausstellungen – angemessen auf diese Vergangenheit verweisen? Diese Fragen verfolgt Rikola-Gunnar Lüttgenau in seinem Kapitel Unorte als Spiegel – Vom Zeigen und Sehen eines ehemaligen Konzentrationslagers.

Yvonne Graefe beschließt diesen Schwerpunkt mit einer poetischen Suche, die sich selbst zum Inhalt wird. Architektur, die singt: Was sind das für Architekturen, die singen? Auf verschlungenen Pfaden folgt sie Paul Valérys Essay Eupalinos, dem auch der Titel entlehnt ist, untersucht die Akustik von Gebäuden und schließlich den Raum als Emotionsraum, der uns (ein)stimmt – im akustischen und übertragenen Sinn. Fragen bleiben Fragen, Antworten nur Angebote. Der Pfad taucht auf aus der Tiefe und führt zurück zum Ausgangspunkt. 

 

Architekturvermittlung

Andrea Dreyers Kapitel Architektur vermitteln – Ein Plädoyer hinterfragt, wann man von guter Architekturvermittlung sprechen kann und stellt dazu drei Thesen auf: Gute Architekturvermittlung orientiert sich nicht am Subjekt, sondern zielt auf den Prozess. Gute Architekturvermittlung zielt auf die Entwicklung kultureller Kompetenzen und gute Architekturvermittlung ist interaktiv, eventuell partizipativ. Mit diesen Thesen öffnet sie den Blick auf den Rahmen, in dem Architekturvermittlung stattfindet, insbesondere in Verbindung mit der menschlichen Wahrnehmung, und stellt Kriterien auf, die man auf die nachfolgenden praktischen Beispiele der Architekturvermittlung anwenden und anhand dieser Beispiele diskutieren kann. 

Für Roland Gruber, Mitinhaber und Mitbegründer des österreichischen Architekturbüros nonconform, beginnt Architekturvermittlung in der Planungsphase. Unter dem Motto ‚Innovative Bürgerbeteiligung als Schlüssel für Baukultur‘ schildert der Autor das eigene Konzept und Erfahrungen aus der Praxis. In einem partizipativen Prozess mit den künftigen Nutzern sollen nach einer Phase des ‚gemeinsam weiter Denkens‘, neue architektonische Wege, beispielsweise im Kontext aussterbender Ortsteile, gefunden werden. Ideenwerkstätten vor Ort führen Nutzer, Planer und Behörden zusammen. So lautet der hoffnungsvoll optimistische Titel dieses Kapitels Unsere Orte müssen wieder wachgeküsst werden!

Caspar Schärer zeigt in seinem Kapitel Verbindlich und aneignungsfähig aus journalistischer Sicht Bewertungskriterien der Architekturproduktion auf. Er wählt hierzu die auch aus den Kunstdisziplinen bekannten Kritikmuster Kategorie E (für ernsthaft) und U (für Unterhaltung), die Grenzbereiche zwischen high and low architecture, und zeigt, wie gerade der Versuch des Kategorisierens, dem Aufsetzen einer Brille vergleichbar, den Blick für eine jede Kategorie sprengende Differenziertheit schärft. 

Jessica Waldera, Gründerin der kleinen baumeister, stellt in ihrem Kapitel Stadtansichten auf Augenhöhe eigene Modellprojekte vor, die Kinder und Erwachsene für die eigene und die jeweils andere Wahrnehmungsperspektive sensibilisieren. Dazu werden Gruppenräume in KITAS ausgeräumt, Lieblings- und Unorte im Stadtraum fotografiert und mit echten Modellbaumaterialien Stadtvisionen entwickelt. So entdecken Kinder und Erwachsene neue Welten. Und die Kinder erleben die gegebene Umwelt als Ort, der sie zur Teilhabe einlädt und potentiell veränderbar ist.  

Mit Vernetzungen in der Architekturwahrnehmung – Forschung zur Architekturvermittlung an der Bauhaus-Universität Weimar endet das Buch. Als Gegenpart zu den philosophisch- phänomenologischen Impulsen von Bernd Rudolf beschreibt Luise Nerlich hier eine konkret erlebbare Architekturwahrnehmung an einem realen Ort als Teil des Architekturstudiums. Der persönliche Weg der Wahrnehmung führt die Studierenden durch ein Cluster im Netz von Knoten und Bahnen. Dieses Cluster besteht aus Farbe, Form, Grenzen, Oberflächen, Natur usw. Das Erleben und die Reflexion der eigenen Ortswahrnehmung werden zur Voraussetzung für neue persönliche Entwurfskonzepte. Weiter beschreibt die Autorin die Konzepte der Architekturvermittlung an der Bauhaus-Universität Weimar im Kontext von Symposien und konkreten Studierenden-Projekten. 

 

Alexandra Abel, Bernd Rudolf, 2017