Johannes Bennke

Projektitel

Zeigenschaften. Performative Bilder in der Sensorischen Ethnographie

Projektbeschreibung

In meinem Promotionsprojekt erarbeite ich eine Typologie performativer Bilder in den Filmen der Sensorischen Ethnographie und entwickle ausgehend vom ästhetischen Denken bei Emmanuel Levinas das medienphilosophische Konzept der »Zeigenschaft«, das die drei Kategorien von Zeit, Zeigen und Zeugenschaft miteinander verbindet.

Emmanuel Levinas als Medienphilosophen zu lesen ermöglicht es, Bilder auf andere Weise zu sehen und zu verstehen. Das ästhetische Denken bei Levinas ist bisher vornehmlich im Dunkeln verblieben und wurde zumeist von der Ethik und Sprache her gedacht. In seinem frühen Text "Die Wirklichkeit und ihr Schatten" von 1948 analysiert Levinas den Begriff des Bildes, der, wie ich zeige, zu unterscheiden ist von Gesicht (visage) und Spur (trace), zwei andere zentrale Begriffe in Levinas´ Denken. Im späten Interview "De l´oblitération" von 1990 nimmt er auf den Begriff l´oblitération Bezug, den ich im Folgenden zu einem medienphilosophischen Konzept ausformuliere. Meine zentrale These ist, dass der Begriff der l´oblitération eine Rekonstruktion des ästhetischen Denkens bei Levinas erlaubt. Dieses Konzept führt zu einer passivischen Bedeutung von Performativität, die in Operationen des Überschreibens gründet und derart Ethik, ästhetische Praktik, Bild, Motiv und Material miteinander zu verbinden erlaubt. Meine zweite These ist, dass l´oblitération einer Analyse von ästhetischem Material bedarf, in diesem Falle des Films.

Die Filme der Sensorischen Ethnographie werden innerhalb der Medien- und Filmwissenschaft vor allem als innovativer Spezialfall des neueren dokumentarischen Kinos verhandelt. Dabei gerät aus dem Blick, dass diese Filme nicht allein dem observational cinema und dem ethnographischen Film zuzurechnen sind, sondern sich bis in die frühe Filmgeschichte zurückverfolgen lassen, Spuren des strukturellen Films, Experimental- und Genrefilms in sich tragen und zugleich mit dieser Tradition brechen. Aus Perspektive der Kulturanthropologie hat die Sensorische Ethnographie zudem ihre Ursprünge in einer über vierzigjährigen Diskurstradition in der Visuellen Anthropologie, den Sensory Studies und der Anthropologie der Sinne. Die Sensorische Ethnographie interessiert sich für alle Sinne und ihre synästhetischen Relationen, nimmt eine nichtanthropozentrische, sondern ökologische Perspektive ein und zeigt ein Bewusstsein für ihre medialen Repräsentationen. Diese Aufmerksamkeit für die Art und Weise der Sichtbarmachung, also des Recordings, der Prozessierung und Darstellung von Phänomenen und anderen Lebensformen - Tiere, Natur oder eher immaterielle Lebewesen wie Geister, mythische Figuren oder Träumen - ist entscheidend und spielt eine wesentliche Rolle dabei wie wir sie erfahren. Film als raumzeitliches Medium ermöglicht die Repräsentation solcher Elemente, einschließlich ihrer unheimlichen Qualitäten, und macht es zu einem idealen Medium für die Sensorische Ethnographie. Es gehört zu einer der wesentlichen Merkmalen Sensorischer Ethnographie mediale Repräsentationen mit einzuschließen. Obgleich sie im Feld Anwendung finden, sind jedoch die ethischen und epistemischen Implikationen solcher medialen Praktiken nicht eigens untersucht worden und eine Systematisierung ihrer theoretischen und methodischen Zugänge stehen bisher noch aus. Bisher gibt es keine Studie, die diese diversen Wissensfelder und theoretischen Versatzstücke versammelt und innerhalb eines medienphilosophischen Kontextes systematisiert.

Ziel meiner Untersuchung ist es, diese vielfältigen ästhetischen und diskursiven Zusammenhänge in eine Typologie performativer Bilder zu überführen. Hierzu übertrage ich Levinas´ Begriff der l´oblitération in das Konzept der »Zeigenschaft«, das ich aus den drei Kategorien von Zeit, Zeigen und Zeugenschaft zusammensetze. Diese Trias erlaubt eine Systematisierung und ist zugleich strukturgebend für den weiteren Lauf der Untersuchung.

Um die Typologie zu entwickeln, unterziehe ich bestehende philosophische Konzepte einer Revision und konzentriere mich hierfür auf drei Filme. Ich analysiere Forest of Bliss (1986) von Robert Gardner und vergleiche hierfür das Konzept des `Zeit-Bildes´ (l´image temps) von Gilles Deleuze mit dem Konzept der `Zwischenzeit des Bildes´ (l´entretemps de l´image) bei Levinas, wobei mich hier insbesondere der Einfluss von Henri Bergson auf beide Autoren interessiert. Zweitens diskutiere ich Leviathan (2012) von Lucien Castaing-Taylor/Véréna Paravel und arbeite heraus, dass das Zeigen zentral für eine Bildanthropologie ist. Drittens schaue ich mir Konzepte der Zeugenschaft in der dokumentarischen Filmtheorie an und analysiere El Mar la Mar (2017) von Joshua Bonnetta und J.P. Sniadecki.

Diese Analysen stellen den Wert des ästhetischen Denkens von Levinas für die Medienphilosophie heraus. Das performative Konzept der »Zeigenschaft« schließt den Riss in der Wahrnehmung ein – basierend auf einer erweiterten Auffassung von Alterität –, sie umfasst den transformativen Prozess, der damit einhergeht, und sie verbindet das ästhetische Erscheinen mit einer Bildanthropologie und epistemisch-ästhetischen Singularität. Alterität kommt auf diese Weise als Ausgang verschiedener Auffassungen von Film als Medium, Medialität und Bildontologie in den Blick. Die Analyse der Filme durch das Konzept der »Zeigenschaft« erlaubt also, die jeweils singuläre Verbindung von Alterität und Potentialität zu systematisieren und in eine Typologie von Bildern für die Sensorische Ethnographie zu überführen und dabei den ethischen und epistemischen Impuls zu explizieren. Die »Zeigenschaft« kann damit auch als ein zentrales Konzept einer Epistemologie des Ästhetischen angesehen werden, das zugleich einen systematischen Zugang zu filmischen, insbesondere dokumentarischen Praktiken erlaubt als auch zu Wissensfeldern wie der Bildanthropologie, Filmphilosophie und im Speziellen der Dokumentarfilmtheorie.

Keywords
Sensorische Ethnographie, Medienphilosophie, Emmanuel Levinas, performative Bilder, Oblitération, Zeit, Zeigen, Zeugenschaft, Zeigenschaft, Filmphilosophie, Bildanthropologie, Dokumentarfilmtheorie, Ethik, Epistemologie des Ästhetischen

 

Vita

Johannes Bennke studierte Philosophie, Filmwissenschaft und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main, Berlin und Paris. Er beendete 2014 seinen Master in Europäischer Medienwissenschaft an der Universität Potsdam mit einer medienphilosophischen Arbeit zum Bildbegriff bei Emmanuel Levinas (Bildkonversionen. Zum Wandel der Performativität und ihrer Episteme in künstlerischen Praktiken). Während seines Studiums war er Stipendiat des Ev. Studienwerks Villigst e.V. und Sprecher der AG Kunst und Wissenschaft. Er war studentische Hilfskraft am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und Literatur in Berlin für die Autorin Tzveta Sofronieva sowie wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Medientheorie der Universität Potsdam. Vor seinem Studium hat er mehrere Jahre bei David Chipperfield Architects als Architekturfotograf gearbeitet.

 

Publikationen

2018

Bennke, Johannes; Seifert, Johanna; Siegler, Martin; Terberl, Christina (Hrsg.): Prekäre Koexistenz, Paderborn: Fink 2018 (im Erscheinen). 

2017

Rezension zu Bernd Kracke, Marc Ries (Hg.): Expanded Senses. Neue Sinnlichkeit und Sinnesarbeit in der Spätmoderne. New Conceptions of the Sensual, Sensorial and the Work of the Senses in Late Modernity Bielefeld: transcript 2015, erschienen in: MEDIENwissenschaft. Rezensionen | Reviews, Nr. 3, 2017, S. 359-361. 

2016

Bennke, Johannes, Krtilova, Katerina: Technology of Senses - Towards Philosophy of Digital Media: An Interview with Mark Hansen, in: Iluminace. The Journal of of Film Theory, History and Aesthetics, 2/2016, Vol. 29.

…and One Day It Will All Fit Together. An Interview with Georges Didi-Huberman, in: Iluminace. The Journal of Film Theory, History and Aesthetics, 1/2016, Vol. 28, S. 123-128.

Die Erschütterung des Humanen, in: Cargo, No. 30, Berlin: Cargo Verlag 2016, S. 54-62.

Zur Ethik des Bildes bei Emmanuel Lévinas, in: figurationen. gender literatur kunst: Visuelles Denken/Visual Thinking, hrsg. v. Dieter Mersch, No. 1/2016, Zürich: Böhlau 2016, S. 93-114.

2013

Tagungsnotiz: Performance Philosophy. Staging a new fiel 11.-13.4.2013, University of Surrey, Guildford, UK
http://kunstwissenkollision.tumblr.com/tagged/texte#48762533467 

2012

Morphologie des Humanen - Ein Essay zu Körperregimen im Film Vortrag im Rahmen des Workshops „Körper - Zwischen Wissen und Wahrnehmung“ der AG Kunst und Wissenschaft des Ev. Studienwerks Villigst e.V.
kunstwissenkollision.tumblr.com/post/22782175586/morphologie-des-humanen-ein-essay-zu&nbsp

2011 - 2016 Filmkritiken für FRAGMENT FILM und Berliner-Filmfestivals.de 

 

Vorträge

10/2017 Das testimoniale Bild. Medienphilosophische Zugänge zur Sensorischen Ethnographie
Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2017, Universität Erlangen.

12/2016 Bild und Ähnlichkeit. Eine Geschichte vom Ursprung der Bewegung
„Workshop Ähnlichkeit“, Kooperationsoworkshop des Graduiertenkollegs Automatismen (Universität Paderborn) & KOMA - Kompetenzzentrum Medienanthropologie (Bauhaus-Universität Weimar).

11/2016 The Documentary Real. The Films of the Sensory Ethnography Lab and the Conversion of Media Philosophy
„The Real of the Reality. International Conference on Philosophy and Film“, Symposium, 2.-6.11.2016, ZKM | Centre for Art and Media Karlsruhe.

09/2016 Spiegeln ohne Reflektion. Zur Performanz der Projektion
„Ernst Kapp und die Anthropologie der Technik. Eine interdisziplinäre Tagung“, 22.-23.09.2016, Internationales Kolleg für Medienphilosophie und Kulturtechnikforschung (IKKM) in Kooperation mit dem KOMA - Kompetenzzentrum Medienanthropologie (Bauhaus-Universität Weimar).

07/2015 Disziplinarmacht, Kontrollmacht, Psychomacht. Medialitäten des technischen und leiblichen Fühlens
"medien:fühlen", 6. Tagung des Masterstudiengangs Medienwissenschaft Bauhaus-Universität Weimar.

06/2015 Bild-Gebung als Akt der Zerstörung
"Das Bild als Argument in den Wissenschaften", Workshop der AG Kunst und Wissenschaft, ev. Studienwerk Villigst e.V. (UdK Berlin).

03/2015 Bildkonversionen und ihre Signaturen in künstlerischen Praktiken
"Das ist ein Bild!", Workshop der AG Medienphilosophie der Gesellschaft für Medienwissenschaft, 12./13. März 2015, Aby Warburg Haus, Hamburg.

 

Lehrveranstaltungen

WiSe 2016/2017: Einführung in die Bildanthropologie (Uni Potsdam)

WiSe 2015/2016: Zur Medienethik des Bildes (Uni Potsdam)

SoSe 2014: Die undarstellbare Gemeinschaft (Jean-Luc Nancy), in Kooperation mit Dr. Maurício Liesen

WiSe 2011/12: Schreiben über Film an der Schnittstelle von Film- und Medienwissenschaft

 

Workshopbeiträge und Lehreinheiten

11/2017 transcultural cinema (Weimar)
Lehreinheit, Master-Studiengang Medienwissenschaft unter der Leitung von Jun.-Prof. Dr. Julia Bee.

12/2016 Grenzbereiche des Dokumentarischen (Jena)
Lehreinheit, Aufbaumodul Kunstgeschichte und Filmwissenschaft, Friedrich-Schiller Universität Jena, unter der Leitung von Susanne Wagner.

10/2016 Introduction into German Media Philosophy (Prague) 
Workshopbeitrag, Charles University Prague. Gefördert durch das ERASMUS + Programm.

09/2016 Leviathan und das Sensory Ethnography Lab (Zürich) 
Workshopbeitrag, Sommerakademie Master-Forschungskolleg „Ästhetische Kulturen“, Im Trüben fischen. Tiere in den Künsten und der ästhetischen Forschung, ZHDK - Züricher Hochschule der Künste.

12/2015 Mediale Anthropologie (Weimar) 
Lehreinheit, Master-Studiengang Medienwissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Christiane Voss.

06/2015 Psychomacht und Gouvernementalität (Potsdam)
Lehreinheit, Bachelor-Studiengang der Europäischen Medienwissenschaft unter der Leitung von PD Dr. Michael Mayer.

 

Workshops und Filmreihen

01/2018-02/2018 Objekte der Sensorischen Ethnographie
Koncept und Organisation einer Filmreihe am Lichthaus Kino Weimar zusammen mit Susanne Wagner.

02/2018 Experimental Ethnographic Film and the Mediterranean Museum
Workshop mit Prof. Dr. Michaela Schäuble, Philip Cartelli und Fabian Tietke.

06/2016 KOMA Tischgespräche: Szenen des Teilens und Tauschens im Film (Weimar)
Konzeption und Organisation eines experimentellen Workshops gemeinsam mit Martin Siegler und Susanne Wagner im Rahmen des Kultursymposiums „Teilen und Tauschen“ Weimar, 2. Juni 2016, Goethe-Institut.

06/2014 Wir geben nix, wir nehmen nur. PARALLAKTISCHES LABORATORIUM I  (Schwerte)
Konzeption und Organisation einer partizipativen Ausstellung, AG Kunst und Wissenschaft des Ev. Studienwerk Villigst e.V.

09/2013 STOFF[WECHSEL]. Eine multidisziplinäre Forschungswerkstatt (Könnern bei Halle an der Saale)
Konzeption und Organisation eines Workshops, AG Kunst und Wissenschaft des Ev. Studienwerk Villigst e.V.

06/2013 Interdisziplinäre Werkstattbegehungen (Berlin/Potsdam)
Konzeption und Organisation von Werkstätten, AG Kunst und Wissenschaft, Ev. Studienwerk Villigst e.V.

10/2004 - 01/2010 Quick Flick World, Monthly International Shortfilmfestival (Berlin/Paris)
Organisation von „Masterclass-Events“

 

Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft

09/2014 AEROGRAPHIE (Zürich)
Aufzeichnungsexperiment am Windkanal des Forschungsschwerpunkts Transdisziplinarität an der Zürcher Hochschule der Künste, AG Kunst und Wissenschaft, Ev. Studienwerk Villigst e.V.

06/2014 PARALLAKTISCHES LABORATORIUM I. (Schwerte)
Serie zur Praxis von medialen und ästhetischen Differenzen 
AG Kunst und Wissenschaft, Ev. Studienwerk Villigst e.V.

- Parallaxen (10 Minimalfilme mit je 2 Frames, 8fps & 12fps)
- Zeitparallaxe (Zwei-Kanal-Video-Installation)
- Im Zeugenstand (Zwei-Kanal-Video-Installation)
- Ko-respondenz (Schreibperformance zusammen mit Dr. Maurício Liesen)
- Anarchiv. Dokumentensammlung zur Undarstellbarkeit der Gemeinschaft
  (zusammen mit Dr. Maurício Liesen)
- Das Soziale Band (Performance, zusammen mit Dr. Maurício Liesen)

03/2014 TÜR INS NICHTS (Berlin)
Soundperformance zusammen mit Christina Sporr, realisiert im Rahmen der Veranstaltungsserie In leeren Räumen wohnen #1, Berlin.

08/2013 ANGELOMETRIE (Berlin)
Soundperformance mit Tamara Rettenmund, aufgeführt am ETI Berlin. 

10/2012 BLACKBOX//MÖGLICHKEITSRAUM (Potsdam)
Rauminstallation im Syntopischen Salon, Potsdam. Konzept und Umsetzung zusammen mit Stephan Orendi.

 

Stipendien

Grundförderung, Ev. Studienwerk Villigst e.V.

Auslandsaufenthalt, ERASMUS+ (Paris)

Promotionsstipendium, KOMA - Kompetenzzentrum Medienanthropologie (ProExzellenz Initiative des Landes Thüringen)

Lehre im Ausland, ERASMUS+ (Prag)