Christoph Carsten

Projekttitel

Techniques of Existence. A Micropolitics of Everyday Life.

Projektbeschreibung

Alltag ist das, was uns am nächsten ist. Es handelt sich um das Milieu, das wir tagtäglich bei unseren Besorgungen, Wegen, Verrichtungen, Gewohnheiten und Pflichten durchqueren, um ein Milieu also, in das wir eingelassen sind und das uns trägt. Versuchen wir jedoch, das Alltägliche zu denken, ist es nur schwer greifbar, jedes Mal scheint es zu entkommen, wie man mit Maurice Blanchot sagen könnte. Dieses Entkommen des Alltags stellt sich gerade deswegen ein, weil uns das Alltägliche in gewisser Weise zu nah ist: Noch bevor wir uns als Subjekte begreifen können, die von außen auf ein Geschehen blicken, sind wir im Alltag bereits relational. Wir sind eingelassen in ein präsubjektives und mediales Feld, innerhalb dessen Worte und Bilder, Erfahrungen und Empfindungen, Waren und Dinge, Macht und Normen, etc. produziert werden, zirkulieren und sich transformieren. Vor diesem Hintergrund geht das Promotionsprojekt der Frage nach, wie ein Begriff des Alltags zu denken wäre, der statt des einzelnen Subjekts das relationale Feld der Erfahrung in den Vordergrund stellt, das in seiner Multiplizität auch solche Konzeptionen des Alltäglichen herausfordert, die hier vor allem das Banale, die wiederkehrenden Routine und unspektakuläre Wiederholungsstruktur menschlicher Tagesabläufe betonen. Ein Denken der Mitte hingegen, wie es in dem Projekt ausgehend von Gilles Deleuze und Félix Guattari angestrebt wird, begreift den Alltag als einen differenziellen Entstehungsherd, der nicht in übergreifenden Ordnungen und Strukturen aufgeht, sondern immer auch Fluchtlinien und unzeitgemäße Kräfte enthält, die sich hegemonialen Einhegungen und machtvollen Zuschreibungen entziehen. Ausgehend von einer affekt- und erfahrungsbasierten Perspektive, die sich in der Tradition der Prozessphilosophie im weiteren Sinne verortet (Deleuze/Guattari, William James, Alfred North Whitehead, Gilbert Simondon, Brian Massumi, Erin Manning), fragt das Projekt nach den mikropolitischen Konsequenzen einer solchen Konzeption des Alltäglichen. Eine besondere Rolle spielen dabei auch ästhetische Praktiken, welche die Potentiale des Alltags in differentieller Weise aufgreifen und sie in Ausdrucksformen überführen, die den Blick für dessen oft übersehenen, beiseitegeschobenen oder verworfenen Dimensionen in vielen Fällen allererst schärfen.


Vita

Christoph Carsten ist Stipendiat am Kompetenzzentrum Medienanthropologie (KOMA) der Bauhaus-Universität Weimar. Seinen Master in Medienkulturanalyse an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf schloss er mit einer Arbeit über Affekt und Biomacht in modernen Arbeitswelten ab. Im Bachelor studierte er in Düsseldorf Germanistik und Anglistik. Während seines Studiums war er u. a. als studentische Hilfskraft in der Abteilung Digitale Dienste der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, als wissenschaftliche Hilfskraft und freier Redakteur beim Internetportal KinderundJugendmedien.de der Universität Bremen sowie als wissenschaftliche Hilfskraft am Zentrum Studium Universale der Universität Düsseldorf tätig.


Publikationen

  • „A Pedagogy of the Event. An Introduction”. In: Atmosphere and Auditory Cultures.  Essays on Feeling in Music and Sound. Hrsg. v. Friedlind Riedel und Juha Torvinen. London, New York: Routledge (i. E.).
  • „Singularität und Erfahrung. Über alltägliche Koexistenz“. In: Das Mitsein der Medien. Prekäre Koexistenzen von Menschen, Maschinen und Algorithmen. Hrsg. v. Johannes Bennke, Johanna Seifert [u.a.]. München: Wilhelm Fink, 2018. S. 215-238.
  • Die Wirklichkeit des Scheins. Fiktion und Wirklichkeit in Michael Endes Die unendliche Geschichte und in Wolfgang Petersens gleichnamiger Filmadaption. In: Michael Ende Intermedial. Von Lokomotivführern, Glücksdrachen und dem (phantastischen) Spiel mit Mediengrenzen. Hrsg. von Tobias Kurwinkel, Philipp Schmerheim und Annika Sevi. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2016. S. 138-152.
  • Mitarbeit am Glossar von: Kurwinkel, Tobias/Schmerheim, Philipp:  Kinder- und Jugendfilmanalyse. Stuttgart: UVK, 2013. S. 280-312.


Vorträge

  • Sammeln, Versammeln. Alltagsökologien der Praktiken. Vortrag bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2019, „Medien-Materialitäten“, Universität zu Köln, 27.09.2019.
  • Introduction to Affect and Atmosphere. Einführungsvortrag zum Workshop „Affect/Atmosphere“ mit Brian Massumi (Montreal) und Jan Slaby (FU Berlin), Bauhaus-Universität Weimar, 04.05.2017.
  • Techniken der Existenz. Kritik als affirmative Praxis des Lebens. Vortrag bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2016, „Kritik!“, Freie Universität Berlin, 30.09.2016.

  • Animal Play and the Affect of Language. Vortrag im Workshop „Affective Language between Action and Passion“ im Rahmen des 21. Weltkongresses der International Comparative Literature Association, Universität Wien, 25.07.2016.

  • Affektive Kopplungen. Regieren und Regulieren in der Kontrollgesellschaft. Vortrag bei der 06. Tagung des Masterstudiengangs Medienwissenschaften „medien:fühlen“, Bauhaus-Universität Weimar, 10.07.2015.

  • Die Wirklichkeit des Scheins. Fiktion und Wirklichkeit in Michael Endes „unendlicher Geschichte“ und in Wolfgang Petersens gleichnamiger Filmadaption. Vortrag bei der Tagung „Michael Ende Intermedial“, Filmmuseum Düsseldorf, 23.01.2011.

 

Workshops

Konzeption, Organisation und Durchführung des Workshops Affect/Atmosphere mit den Gästen Brian Massumi (Montreal) und Jan Slaby (FU Berlin), Bauhaus-Universität Weimar, 04.05.2017 (gemeinsam mit Friedlind Riedel)

 

Lehrveranstaltungen

Wintersemester 2016/17: Übung zur Vorlesung „Einführung in die Medientheorie", Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien. (BA)