Lehre

WS 2019/2020: Studienmodul Europäische Medienkultur 1 (B.A.)

Seminar: Before / Beyond Artification. Illegitime Künste, Legitimierungsstrategien, Kunst werden - (Jun.Prof. Eva Krivanec)

Bis heute scheint es verlockend zu sein, Kunstwerke allein dem Schöpfungsakt eines 'auteurs' zuzuschreiben. Dass die Sphäre der Kunst (Kunst hier nie verstanden im engen Sinn der "bildenden Kunst", sondern immer als Überbegriff über sämtliche künstlerische Ausdrucksformen von Literatur über Theater und Musik hin zu audio/visuellen Medien und allen Sparten der bildenden und angewandten Kunst) jedoch zu einem der am stärksten umkämpften Felder einer Gesellschaft zählt, in dem die Anerkennung einer bestimmten menschlichen Schöpfung als Kunst, sowohl innerhalb des Felds als auch von Außen keineswegs gesichert ist, haben kunstsoziologische Studien und Theorien, wie etwa jene von Pierre Bourdieu oder, in jüngerer Zeit, jene von Roberta Shapiro und Nathalie Heinich einleuchtend gezeigt.
Eine historische Perspektive kann darüber hinaus einen genauen, materialbezogenen Blick auf die An- oder Nicht-Anerkennung bestimmter Praktiken, Vorführungen oder Artefakte als Kunst und über die permanente Verschiebung, Wandlung und Ausfaltung des künstlerischen Felds liefern. Dabei werden uns im Seminar sowohl die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst als auch jene zwischen niederen und hohen Künsten interessieren.
Vor allem aber richtet sich in diesem SE der Blick auf jene artistischen / handwerklichen / technischen oder aus anderen Feldern (Medizin bzw. Therapie, Religion, Wissenschaft etc.) stammenden Praktiken, die sich zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt am Rand des künstlerischen Felds - außerhalb wie innerhalb oder auch nicht entscheidbar - befinden. Zum Gegenstand der Analyse werden dabei etwa Strategien und Prozesse der Legitimierung als Kunst einerseits, der De-Legitimierung als Industrie, als Kinderkram, als Kitsch, als Vandalismus, als "Nestbeschmutzung" aber auch als gefährliche, unmoralische oder aus politischen Gründen zu bekämpfende Kunst bzw. Unterhaltung, etc. andererseits.

 

 

WS 2019/2020: Projektmodul Audiomedien (B.A.)

Seminar: Medialität der Stimme - (Jun.Prof. Eva Krivanec)

Der Doppelcharakter der menschlichen Stimme, die einerseits eine intime Beziehung zum sprechenden Individuum in seiner Präsenz und Körperlichkeit unterhält, andererseits als Äußerung sich von diesem Ursprung entfernt und Raum greift, ja Raum ist, macht diese zu einem wesentlichen Medium der Beziehung zwischen Innen und Außen, zwischen Ich und Welt (vgl. Merleau-Ponty 1945; Kolesch 2004). Die Stimme unterscheidet sich von Geräuschen, von Klängen und Tönen dadurch, dass sie von einem beseelten Ursprung stammt, wie schon Aristoteles in der kleinen Schrift "Über die Seele" feststellte. Die Stimme ist also keineswegs neutrale Mittlerin von Sprache und Rede, sondern trägt eine Fülle affektiver Attribute mit sich. Unterschiede in Tonhöhe, Lautstärke und Klangfarbe, in Geschwindigkeit und Genauigkeit, in Variabilität und Ausbildung der Stimme machen sie zu einem vieldimensionalen hochgradig individualisierten Organ. Die Produktion unartikulierter oder unwillkürlicher Laute, das Schreien, die Körperlichkeit der Stimme, aber auch das Schweigen lassen die affektive Dimension der Stimme hervortreten.Schon lange vor der medialen Prothetik, der Verstärkung, Speicherung und Diffusion der Stimme mithilfe elektronischer Medien, aber auch lange vor einem adäquaten medizinisch-physiologischen Wissen über die Stimmproduktion - beide Gebiete von Wissenschaft und Technik werden im Vergleich zum Bereich des Optischen erst spät erforscht und erschlossen, was auf eine kulturelle Vernachlässigung des Akustischen und Oralen schließen lässt - kann eine vielschichtige Kulturgeschichte der Stimme und ihres privaten, vor allem aber ihres öffentlichen Gebrauchs geschrieben werden - trotz ihrer offensichtlichen Flüchtigkeit und der schwierigen Materiallage (vgl. Göttert 1998)

Im Seminar werden verschiedene Konzeptionen und Theorien der Stimme diskutiert, aber auch ihre Verwendungsweisen (etwa in der Rhetorik, in oralen Erzähltraditionen), ihre kunstvolle Ausgestaltung (in der Schauspiel- und Gesangskunst) und Auslotung ihrer Grenzen (etwa bei Bauchredner*innen oder anderen Stimmvirtuos*innen), mediale Extensionen der Stimme (durch Phonograph, Lautsprecher, Radio) wie auch ihre digitale Ersetzung zum Gegenstand der Analyse.