Reaktive Beschleunigungsmaßnahmen zur Terminsicherung

Wie können Bauprojekte trotz eingetretener Störungen und Verzögerungen noch termingerecht fertiggestellt werden?

Problemstellung

Bauprojekte weichen infolge unvorhergesehener Störungen und Verzögerungen häufig vom ursprünglich geplanten Bauablauf ab. Um die vereinbarten Terminziele dennoch zu erreichen, müssen geeignete Gegensteuerungsmaßnahmen ergriffen werden. Hierzu zählen insbesondere die Intensivierung der eingesetzten Bauproduktionsressourcen, beispielsweise durch zusätzliches Personal, weitere Geräte oder eine Ausweitung der Arbeitszeit, sowie organisatorische und prozessbezogene Anpassungen des Bauablaufs.

Das Forschungsprojekt untersucht reaktive bauzeitverkürzende Terminsicherungsmaßnahmen, die im Folgenden als Beschleunigungsmaßnahmen (BMN) bezeichnet werden.

Unter Beschleunigungsmaßnahmen werden gezielte Eingriffe verstanden, mit denen die Dauer einzelner Vorgänge oder die Gesamtbauzeit durch eine Erhöhung der Leistungsintensität beziehungsweise durch eine Anpassung der Ablauforganisation verkürzt werden soll. Ziel ist es, eingetretene Verzögerungen aufzuholen, gefährdete Terminziele abzusichern oder vertraglich vereinbarte Fertigstellungstermine vorzuverlegen.

Eine Beschleunigung tritt dabei nicht automatisch als Folge einer Bauablaufstörung ein. Sie stellt vielmehr eine bewusst geplante und gesteuerte Reaktion dar. Von einer Beschleunigung kann gesprochen werden, wenn die Produktionsgeschwindigkeit erhöht und die vorgesehene Bauleistung dadurch in einem kürzeren Zeitraum erbracht wird. In der Baupraxis ist die Abgrenzung zwischen Maßnahmen zur Kompensation von Verzögerungen und einer darüber hinausgehenden Verkürzung der Bauzeit allerdings häufig schwierig.

Forschungsziel

Zu einzelnen Teilaspekten der Bauzeitbeschleunigung liegen bereits umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen vor. Diese befassen sich beispielsweise mit Produktivitätsverlusten infolge einer Überbesetzung von Arbeitsbereichen, mit Qualitätsrisiken durch eine starke Verkürzung einzelner Vorgänge oder mit den Auswirkungen paralleler beziehungsweise überlappender Planungs- und Ausführungsprozesse.

Bislang fehlt jedoch ein ganzheitliches Entscheidungsmodell, mit dem ein konkreter Bauablauf zu einem bestimmten Zeitpunkt systematisch auf seine Beschleunigungsfähigkeit untersucht werden kann. Insbesondere ist zu klären,

  • ob eine Sicherung der angestrebten Termine unter den vorhandenen Bauproduktionsbedingungen noch realistisch möglich ist,
  • welche Beschleunigungsmaßnahmen für die jeweilige Projektsituation geeignet sind,
  • welche Wechselwirkungen und Produktivitätsverluste berücksichtigt werden müssen und
  • welche begleitenden organisatorischen, vertraglichen und technischen Voraussetzungen für eine wirksame Umsetzung erforderlich sind.

Ziel des Forschungsprojekts ist daher die Entwicklung eines praxisorientierten Entscheidungsmodells, mit dem die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit möglicher Beschleunigungsmaßnahmen bereits vor ihrer Vereinbarung und Umsetzung bewertet werden können.

Durchführung des Forschungsprojekts

Die Untersuchung kombiniert qualitative und quantitative Forschungsmethoden sowie die Analyse realer Projektfälle.

Im Rahmen von Experteninterviews werden Erfahrungen und Einschätzungen von Bauherrenvertretungen, bauausführenden Unternehmen, Planungsbeteiligten, Sachverständigen, Projektsteuerern und baubetrieblichen Beratern erfasst.

Eine quantitative Onlinebefragung untersucht unter anderem die Häufigkeit und Ursachen von Bauablaufstörungen sowie die Anwendung, Wirkungsmechanismen, Rahmenbedingungen und Grenzen unterschiedlicher Beschleunigungsmaßnahmen. Darüber hinaus werden deren wahrgenommene Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit betrachtet.

Link zur Umfrage: https://rennbert.limesurvey.net/278692?lang=de&newtest=Y

Ergänzend erfolgt eine Fallstudienanalyse tatsächlich vereinbarter Beschleunigungsnachträge und Beschleunigungsvereinbarungen. Untersucht werden insbesondere die jeweiligen Vereinbarungsgegenstände, der zeitliche Vorlauf der Verhandlungen, die gewählten Vergütungsmodelle sowie die vereinbarten Maßnahmen und Maßnahmenpakete.

Erwarteter Beitrag für die Baupraxis

Die Erkenntnisse der einzelnen Untersuchungsschritte werden abschließend zusammengeführt. Daraus soll ein Entscheidungsmodell für die Baupraxis entstehen, das Projektbeteiligte bei der Vorbereitung und Bewertung zukünftiger Beschleunigungsvereinbarungen unterstützt.

Das Modell soll dazu beitragen, geeignete Maßnahmen zielgerichtet auszuwählen, notwendige Begleitmaßnahmen frühzeitig zu erkennen und die Erfolgsaussichten sowie die Wirtschaftlichkeit einer Beschleunigung vor ihrer Umsetzung möglichst realistisch einzuschätzen.