Projekttitel
Szenen des Phagischen. Einverleibung und Formverlust in den postkolonialen Künsten Portugals.
Projektbeschreibung
Die Studie fokussiert das derzeit virulente Motiv des Phagischen in portugiesischen Romanen und Filmen der letzten rund fünfzehn Jahre. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie erstens eine explizite Problematisierung der portugiesischen Kolonialgeschichte (einschl. der Nelkenrevolution und der einsetzenden Dekolonisierung) vornehmen und dies zweitens in Szenen des Essens, Einverleibens und Verdauens in besonderem Maße extrapolieren und intensivieren. In diesem Sinne stehen die Arbeiten der Schriftstellerinnen Isabela Figueiredo, Djaimilia Pereira de Almeida und Dulce Maria Cardoso in einer gewissen Referenzlinie zum brasilianischen Diskurs des Modernismo, welcher die Einverleibung und insbesondere die Anthropophagie bereits zu einem Vehikel postkolonialer Theoriebildung erklärte.
Vor diesem Hintergrund bezieht sich die Studie auf den brasilianischen Anthropologen Eduardo Viveiros de Castro, und dessen Impulse zu einer 'kannibalischen Anthropologie'. Ziel dieses Versuch ist es zum einen, unterschiedliche Stränge der derzeitigen Textproduktion innerhalb der lusophonen Welt zusammenzubringen. Weiterführend geht es jedoch ebenso um die Fortführung eines postkolonialen Ansatzes: So wird Viveiros de Castro als Vertreter eines medienwissenschaftlich relevanten Theoriekontextes gesehen, der versucht außereuropäische Positionen als produktive Herausforderungen westlich orientierter Traditionen zu verstehen und einzusetzen. Dies betrifft in diesem Fall insbesondere die freudianische Psychoanalyse, welche bis hierhin als wichtigste Impulsgeberin für die Untersuchung von Einverleibungsdiskursen gelten muss.
Letztlich ergibt sich so die Erkenntnis, dass die rezenten künstlerischen Produktionen zwei verschränkte Bilder des Einheitlichen mittels phagischer Inszenierung zu kritisieren wissen: Das autoritär eingeübte Bild einer Einheit zwischen Nation und Kolonien, ebenso wie das grenzumrandete und distinkt verstandene Subjekt, welches in den blinden Flecken der Psychoanalyse bisweilen postuliert wird.
Vita
Maximilian Rünker ist interdisziplinär arbeitender Medienkulturwissenschaftler. So war er neben seiner Mitgliedschaft im DFG-Graduiertenkolleg Medienanthropologie ebenso wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Verkehrssystemplanung der Bauhaus-Universität Weimar (2020 - 2024) und leitete zuletzt die fakultätsübergreifende Forschungswerkstatt 'Dimensionen des ruhenden Verkehrs' (2025). Zuvor erhielt er bereits das Promotionsstipendium der Thüringer Graduiertenförderung und war Lehrbeauftragter am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Sein Studium der Medien- und Kulturwissenschaften absolvierte er an der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf, einschließlich eines Studienaufenthaltes an der University of Reading im englischen Berkshire (gefördert durch ein Stipendium des DAAD).
Neben seiner wissenschaftlichen Beschäftigung ist er ebenso als Kunstvermittler (z.B. für die Klassik-Stiftung Weimar) und als Journalist (z.B. für die Redaktion 'Medien 360 G' des Mitteldeutschen Rundfunks) tätig.
Publikationen
Szenen des Phagischen. Einverleibung und Formverlust in den postkolonialen Künsten Portugals. (abgeschlossene, noch unveröffentlichte Dissertation)
Rünker, Maximilian, Felix Hasebrink: Ausgeliefert. Liefern und Care-Arbeit als filmische Infrastrukturkritik in Sorry We Missed You. In: Navigationen - Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften, Jg. 24 (2024), Nr. 2, S. 103-119. Link: https://mediarep.org/entities/article/56dbf7bc-258c-4d1d-a014-242ca5959af3
Rünker, Maximilian: Kritische Infrastrukturen: Wer ist Der unsichtbare Dritte?. In: Charlotte Bolwin et. al. (Hg.) (2024): Szenen kritischer Relationalität, Lüneburg: meson press, S.227 – 243.
Rünker, Maximilian, Felix Hasebrink, Janna Heine, Laura Katharina Mücke und Anna-Sophie Philippi (Hg.) (2022): FFK-Journal, Jg. 6, Nr.7. Link: https://mediarep.org/handle/doc/ 19216
Rünker, Maximilian (2021): Eigenbild/Identität. Perspektiven des brasilianischen Kinos, in: IMAGE. Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft, Heft 34 Jg. 17, Nr. 2, S.60 – 72. Link: https://mediarep.org/handle/doc/17180
Rünker, Maximilian. Menschen, Mammuts, Eisbären. Species Thinking und Perspektivismus in Fortitude. In: Kiss, Anna Luise / Pibert, Johann / von Kap-herr, Kathrin [Hrsg.]: ffk-Journal 5, Hamburg: Avinus 2020
Rünker, Maximilian. Mehr als Zu(-)Schauen. Popcornessen und die Körperlichkeit des Kinos. In: Bulletin Esskulturen 3/2020, hrsg. v. BMBF-Verbundprojekt „Esskulturen. Objekte, Praktiken, Semantiken“ (Universität Koblenz-Landau / Universität Bonn)
Vorträge
Sehen, Stehen, Streiten - O Acidente (Workshop 'Mobility, Affect and Cooperative Media', Universität Siegen, Dezember 2025)
Decolonial, deformado: O fantasma da forma no 'Caderno de Memórias Coloniais' de Isabela Figueiredo (Sektion: Revisões / representações da violência política nas literaturas de Portugal e do Brasil: experiência, memória, reparação, Lusitanistentag des DLV, LMU München, September 2025)
O estômago é uma ferida. Notions and issues of body and form in the writings of Isabela Figueiredo and Djaimilia Pereira de Almeida (Portuguese Research Seminar, University of Oxford, Mai 2025)
Körper versammeln, Körper verschiffen - Postkoloniale Kritik der Logistik (Jahrestagung der GfM, JGU Mainz, September 2024)
Ser Visto – The Notion of the Visual in O Acidente (Congresso Internacional Rebrac, Universiteit Leiden, April 2024)
Scheitern und Schwanken: Schiffbrüche in der portugiesischen Literatur der Frühen Neuzeit (Sektion: Deslocamentos literários: a língua portuguesa em movimento, Lusitanistentag des DLV, Westsächsische Hoschschule Zwickau, September 2023)
The Traffic of 1970s Brazilian Cinema (Congresso Internacional AIM, Universidade de Trás-os-Montes e Alto Douro, Juni 2023)
Der brasilianische Verkehrsfilm (Film- und Medienwissenschaftliches Kolloquium, Universität Salzburg, März 2023)
The Dynamism of the Truck-Driver. Metaphors of Mobility and Traffic in Brazilian Cultural Production 1920s – 2020s (Congresso Internacional Rebrac, University of Leeds, Oktober 2022)
Kannibalismus, koloniales Erbe, frühe Kriminologie, 33. Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium, Hochschule für bildende Künste Braunschweig, 13.03.2020
Mobilität, Materialität, (brasilianische) Moderne – Jonathas de Andrades Videoarbeit „O Levante“, Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM), Universität zu Köln, 29.09.2019
Anthropophagy, Anthropology, Brazilian Cinema Novo, Lehrveranstaltung “Counter Cinema / Third Cinema”, Bauhaus-Universität Weimar, 25.06.2019
Orte des Promovierens, Doktorand_innen-Konferenz „Create the Co!“, Bauhaus Research School Weimar, 10.05.2019
Eating Guilt. Kannibalismus und koloniale Schuld in „Bone Tomahawk“ und „El Entenado“, Ringvorlesung „Esskulturen in Film und Literatur“, Universität Koblenz-Landau, 29.04.2019