Was hält uns zusammen? Weimarer Medienwissenschaftlerin erhält Förderung der VolkswagenStiftung für Forschung zu Solidarität im postdigitalen Zeitalter
Solidarität ist in aller Munde – doch was bedeutet der Begriff noch, wenn soziale Medien Spaltung verstärken und demokratische Infrastrukturen unter Druck geraten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das neue Forschungsprojekt »Infrastructuring Solidarity: Towards Careful Abolition – A Post-digital Media Theory of Solidarity« von Jun.-Prof. Dr. Jasmin Degeling, Bauhaus-Universität Weimar, und Dr. Maja Figge, mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Die VolkswagenStiftung fördert das Vorhaben im Rahmen ihrer Förderlinie »Aufbruch – Neue Forschungsräume für die Geistes- und Kulturwissenschaften« über einen Zeitraum von 18 Monaten mit insgesamt 332.321 Euro.
Technofaschismus und die Herausforderung der Solidarität
Solidarität ist kein neues Konzept: Es entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf die sozialen Verwerfungen der kapitalistischen Klassengesellschaft und ist seither untrennbar mit dem Gedanken kollektiver Absicherung verbunden. Doch die Verhältnisse haben sich grundlegend verändert. Das Internet reproduziert nicht mehr nur Diskriminierung – Technofaschismus ist hegemonial geworden. Technofaschismus meint dabei die Verbindung faschistischer Ideologien mit digitaler Technologie und Plattformmacht, die zur Unterdrückung gesellschaftlicher Gruppen eingesetzt wird. Gleichzeitig sind soziale Medienplattformen so gestaltet, dass sie Aufmerksamkeit, Vernetzung und Sichtbarkeit steuern und damit das Zusammenspiel von wirtschaftlichen Interessen, digitalen Infrastrukturen und gesellschaftlicher Radikalisierung verstärken. Sie durchdringen den Alltag, verändern Wahrnehmung und Subjektivierung und machen gesellschaftliche Verhältnisse entlang der Achsen von Race, Klasse, Geschlecht, Sexualität und Behinderung erfahrbar.
In diesem Spannungsfeld wird es immer schwerer, Solidarität als materielle Praxis der Umverteilung und Fürsorge zu denken und nicht bloß als ausgehöhlte Metapher. »Wir brauchen gerade jetzt ein belastbares, gutes Konzept von Solidarität«, erklärt Degeling den Kern ihres Forschungsansatzes. »Aber es muss den Verhältnissen gerecht werden, in denen wir tatsächlich leben.«
Störungen, Widerstand und unerwartete Praktiken
Das Projekt verbindet aktuelle Digitalmedien- und kritische Infrastrukturforschung mit queeren und gesellschaftskritischen Perspektiven. Dabei suchen die Forscherinnen nach unerwarteten Fehlern, Zufällen und Störungen in gegenwärtigen Netzkulturen: nach zeitgenössischen Praktiken der Solidarität, die Prozesse gegenseitiger Unterstützung und gesellschaftlicher Veränderung in Gang setzen können.
Ein Beispiel dafür ist die Internetzensur im Iran: Das Projekt untersucht aus einer postmigrantischen Perspektive, welche Folgen es hat, wenn Menschen von digitalen Infrastrukturen ausgeschlossen werden. Welche Formen von Widerstand und gegenseitiger Unterstützung entstehen unter solchen Bedingungen? Und wie lassen sich diese sichtbar machen?
Solche Fragen stehen im Zentrum des Projekts, dessen Ziel es ist, Praktiken der Solidarität zu identifizieren, die gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen können.
Careful Abolition: Für gerechtere Zukünfte
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Konzept der »Careful Abolition«: auf Deutsch: »umsichtige Abschaffung« – ein aus dem Abolitionismus entlehnter Begriff, der für die konsequente Überwindung unterdrückender Strukturen steht, verbunden mit dem Aufbau fürsorglicher Alternativen. Das Konzept knüpft an soziale Bewegungen an, die sich gegen Ausgrenzung, Unterdrückung und Ausbeutung richten – von der Abschaffung der Sklaverei bis zu heutigen intersektionalen Widerstandsbewegungen wie feministischen Sorgestreiks, die sich gegen verschiedene Ausbeutungsprozesse richten und Gesellschaftsformen erkämpfen, die mehr Gleichheit und Teilhabe ermöglichen. Dabei ist klar: Ein faschistisches Konzept von Solidarität kann es nicht geben. Solidarität entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern durch das Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung und gegenseitiger Verletzlichkeit. Gerade deshalb gewinnt sie in gesellschaftlichen Krisenzeiten besondere Bedeutung und es gilt sie zu verteidigen.
Eine Kernfrage, der das Projekt nachgeht, ist grundlegend: Wie kann mit und gegen techfaschistische Infrastrukturen, die soziale Daseinsvorsorge und Demokratisierungen global gefährden, Solidarität organisiert werden? »Diese Frage lässt sich nur über mediale Transformation beantworten«, so Degeling. »Wir wollen Mikroprozesse und konkrete Praktiken analysieren und von dort aus Begriffe bestimmen, um Solidarisierungsmöglichkeiten wahrnehmbar zu machen und zu fragen, wie sozio-medientechnische Infrastrukturen der Solidarität noch möglich sind und ausprobiert werden.«
Theorie, die in die Praxis geht
In der 18-monatigen Projektlaufzeit (Juli 2026 bis Dezember 2027) wollen Degeling und Figge Formate und theoretische Ansätze entwickeln, um mit Menschen ins Gespräch gehen zu können, die sonst nicht zusammenkommen. Die erarbeiteten Konzepte sollen anschließend im zivilgesellschaftlichen und NGO-Kontext erprobt werden.
Begehrte Förderung für mutige Forschung
Die Förderlinie »Aufbruch« der VolkswagenStiftung richtet sich gezielt an die Geistes- und Kulturwissenschaften und ist auf internationale, interdisziplinäre Vorhaben ausgerichtet, die neue Forschungsräume erschließen. Der Wettbewerb um die Mittel ist hoch – die Bewilligung des Projekts ist damit auch ein Beleg für die Strahlkraft geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung an der Bauhaus-Universität Weimar.
Weitere Informationen
https://www.uni-weimar.de/de/medien/professuren/medienwissenschaft/medienanthropologie/
Für Rückfragen steht Ihnen Jun.-Prof. Dr. Jasmin Degeling, Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien, Juniorprofessur Medienanthropologie, per E-Mail: jasmin.degeling[at]uni-weimar.de zur Verfügung.
