Projekttitel
Moralische Phantasie: Gefühls- und Vorstellungskraft im Angesicht der Apokalypse bei Günther Anders (Arbeitstitel)
Projektbeschreibung
Im Zentrum meines Projektes steht ausgehend von einer Zeitdiagnose die Beobachtung eines Gefälles: Unter dem stetigen Druck ökologischer Krisen und der wiedererstarkten nuklearen Aufrüstung, wächst die Sorge vor einem gesellschaftlichen Kollaps oder gar dem ‚Ende der Welt‘. Die damit einhergehenden Endzeitgefühle wie katastrophischen Imaginationswelten lassen zwar immer mehr zu der Einsicht gelangen, vor einem gewaltigen Gestaltungsbedarf sozialen Wandels zu stehen, doch hinter dieser Einsicht bleibt das Gestaltungsvermögen zurück. Im Angesicht der Notwendigkeit, gegen gesellschaftliche Selbstgefährdungstendenzen zu handeln, werden die tatsächlichen Veränderungsmaßnahmen als unzureichend oder gar fehlend beklagt.
Vor dem Befund eines solchen Gefälles stand auch der Philosoph und Soziologe Günther Anders: Seiner Meinung nach blieben die Menschen von der atomaren Totalvernichtungskraft emotional unberührt. In seiner medien- und technikanthropologischen Suchbewegung nach den ursächlichen Strukturen des menschlichen Reaktionsversagens stellte er die These auf, dass die menschlichen Vorstellungs- und Gefühlsvermögen gegenüber der Herstellungskraft zurückfallen; der Mensch sei unfähig, sich die Auswirkungen seines Tuns kognitiv oder emotional vorzustellen und es mangle ihm an Katastrophensensibilität – er sei geradezu apokalypse-blind, -taub und -stumm.
Als zeitgemäße Aufgabe plädierte er für die Ausbildung einer „moralischen Phantasie“ – bewusste Trainingseinheiten im Imaginieren und Fühlen; gezielte und medial vermittelte „Exerzitien“, um die gesellschaftlich abgehängten Vorstellungs- und Gefühlsleistungen des Menschen zu rehabilitieren. Die gewohnten Phantasievolumen müssten derartig überdehnt werden, dass man sich die desaströsen Praktiken handlungsaktivierend vor Augen führen könne. So würden „moralische Streckübungen“ trainiert, die versuchen, das fehlende individuelle Gefühl für den sozial-gesellschaftlichen Wirkradius und die damit einhergehende Zerstörungskraft einzuholen.
Diesen programmatisch-konzeptionellen Vorschlag rekonstruiere ich in meinem Projekt kritisch und arbeite ihn theorievergleichend auf. Einerseits wird dadurch Günther Anders‘ Denken, Methode und Rhetorik befragt und situiert, andererseits die spezifische anthropomediale Kondition einer sozial imaginierten ‚Endzeit‘-Situation beschreibend herausgearbeitet. Anschließend reflektiere ich, wie, unter welchen theoretischen Voraussetzungen und bis zu welchen Grenzen das thetische Konzept der moralischen Phantasie als eine gesellschaftskritische Epistemologie und sozial-gesellschaftliche Imaginationspraktik verstanden werden kann, aus der sich für Anders eine handlungsanweisende Ethik ableiten lässt.
Vita
Mirko Beckers studierte Gesellschaftswissenschaften an der RWTH Aachen im Bachelor und interdisziplinäre Anthropologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br. im Master. Seine Masterarbeit schrieb er zur Veränderung der Mensch-Wirklichkeits-Beziehung im Rekurs auf die Medienanthropologie Günther Anders' bei Prof. Dr. Ulrich Bröckling und Prof. Dr. Oliver Müller. Neben und nach dem Masterstudium war er Studentische und später Wissenschaftliche Hilfskraft sowohl im Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierung – Heroismen“ als auch am Lehrstuhl für Kultursoziologie bei Prof. Dr. Ulrich Bröckling. Seit April 2023 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Graduiertenkolleg Medienanthropologie der Bauhaus-Universität Weimar.
Publikationen
„Unser Haus brennt – Klimakollaps zwischen Wahrheit und Apokalypse“, in: Berliner Debatte Initial 34 (4), 2023, S. 49–60.
„Zwischen Apokalypseblindheit und Warnbildern. Über die Frage der Ausbildung massenmedialer Katastrophensensibilität mit Günther Anders und über ihn hinaus“, in: Apokalypse und Apathie. Handlungs(un)fähigkeiten in der Klimakrise, hrsg. von Martin Böhnert, Maria Hörnisch, Anika Rink, Bielefeld: transcript, 2025, S. 265-286, DOI: 10.14361/9783839474372-015. [Open Access]
[in Vorbereitung:] „Zeit|Ordnung der Apokalypse? Über End-Zeit-Strukturen und ihre Darstellung am Beispiel der Doomsday Clock und des Films On The Beach“, in: Zeit|Ordnung. Gleichzeitigkeit und Simultaneität in differenten medialen Kontexten. Hannover: Wehrhahn.
[in Vorbereitung:] Mirko Beckers, Lorenzo Gineprini, Jens Kraushaar und Ulrike Wirth (Hg.) (2026): Vermittlung – Materialität – Milieu. Studien zu einer relationalen Medienanthropologie. Bielefeld: transcript (i.V.).
[In Vorbereitung:] „‚Wer den Sinn entbehrt, muss dem Trost entsagen‘? Zum Verhältnis von Trost, Angst und Hoffnung in Selbstgefährdungszeiten bei Günther Anders“, in: Günther Anders-Journal, Jg. 9 (2026), hrsg. v. der Internationalen Günther Anders-Gesellschaft.
Vorträge
Günther Anders aus medienanthropologischer Perspektive, gemeinsam mit Lorenzo Gineprini auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GFM) zum Thema „Abhängigkeit“, Bonn, 27.-30. September 2023.
Massenmediale Exerzitien gegen Apokalypseblindheit: Apokalypsebilder, die die Augen öffnen – Apokalypsebilder, die den Blick verstellen, „Ausloten. Medienwissenschaften in Zeiten der Klimakatastrophe“, Jahresworkshop der Arbeitsgemeinschaft Medienwissenschaft und politische Theorie, Düsseldorf, 14.-15. März 2024.
Überlegungen zum Mit-Arbeiten als Medial-Sein im Anschluss an Günther Anders und Fragen nach einer ›Ethik tätiger Materie‹, „Working Matter – Aktivitätsmodelle und Geschichte der Arbeit“, Tagung der Professur Geschichte, Theorie und Ästhetik materialer Kulturen an der Bauhaus Universität Weimar, 25.-26. Oktober 2024.
Wer den Sinn entbehrt, muss dem Trost entsagen? Zum Verhältnis von Trost, Angst und Hoffnung in Selbstgefährdungszeiten bei Günther Anders, „Trost der Medien – Medien des Trosts“, ko-organisierter Workshop gemeinsam mit Diego León-Villagrá, veranstaltet vom Graduiertenkolleg Medienanthropologie an der Bauhaus-Universität Weimar, 5. Dezember 2024.
Irreversibilität: Kipppunkte und ihre Zeitscheinschätzung – Wenn man heute noch gar nichts merkt …, Impulsbeitrag beim Großen Konvent der Schader-Stiftung Darmstadt zum Jahresthema „Timing. Weil nicht alles seine Zeit hat“, November 2025.