Lilli Hallmann

Projekttitel

Horizontales Schreiben. Bett-Mensch-Szenen als Überlebensräume (Arbeitstitel)

Projektbeschreibung

Das Dissertationsvorhaben nimmt das krankheitsbedingte Verschwinden menschlicher Akteure zum Ausgangspunkt und konzentriert sich dabei auf die horizontale Lebensweise in Zusammenhang mit bettgebundenen Erkrankungen. Das Schreiben und die Schreibszene von Marcel Proust stellen hierbei einen zentralen Gegenstandsbereich dar. Einen Großteil seiner Lebenszeit verbrachte Proust krankheitsbedingt horizontal im Bett. Parallel dazu hielten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermehrt Bildnachweise in den medizinischen Wissenschaftsdiskurs Einzug, in denen Bakterien, andere Mikroorganismen und infektiöse Strukturen als Krankheitserreger nachgewiesen werden konnten. Auch aus diesen Prozessen der Sichtbarmachung nicht-menschlicher Akteure formt sich ein Hygienenarrativ, das nicht zuletzt auch die (Über-)Lebensszene Prousts mitbedingt. 

Die Arbeit trägt dem Phänomen Rechnung, dass das Zusammentreffen eines Virus (oder eines anderen Erregers) mit dem menschlichen Körper zu Reaktionen des Organismus führen kann, die eine grundlegende Neuanordnung menschlicher Existenzweisen erfordern, da sich bisherige Lebensgewohnheiten, aber auch basale Köperfunktionen über einen langen Zeitraum hinweg als prekär erweisen. Derartige Szenerien des Überlebens betreffen zum einen die gesamtgesellschaftliche Ebene, zum anderen aber insbesondere auch das als Zuhause angesprochene Milieu. Der häusliche Raum wandelt sich zu einem Ort des Krankseins, buchstäblich zu einem Kranken-Haus, in dem das Bett nicht nur in der Akutphase viraler und bakterieller Infektionen eine besondere Stellung einnimmt, sondern auch weit über die ursprüngliche Symptomatik hinaus bedeutsam bleibt. Dies zeigt sich aktuell an der Herausbildung des Begriffs Postakutes Infektionssyndrom (PAIS).

Das Proustsche Bett bzw. der horizontal organisierte Raum, führt nicht zuletzt auch zu einer Neuperspektivierung der Suche nach der verlorenen Zeit. Prousts minutiös-monströse soziologische Studie des Pariser Bürgertums des Fin de Siècle erscheint eingebettet in ein Milieu, das von epidemischen Übertragungswegen und Schauplätzen, Techniken der Sichtbarmachung von Mikroorganismen, Desinfektionspraktiken und Hygienehandbüchern geprägt ist.

Von Prousts Schreib-Szene führt die Perspektive schließlich hin zum zeitgenössischen Diskurs über postinfektiöse Erkrankungen und den damit verbundenen Kämpfen um eine adäquate medizinische Versorgung. Es entsteht ein Panorama aus drei Jahrhunderten Bett-Mensch-Szenerien, die alle um die Frage kreisen: Wie, unter welchen Umständen, wodurch und wie lange ist menschliches Leben angesichts vielfältiger Bedrohungsszenarien möglich?

Vita

Lilli Hallmann absolvierte 2014–2017 das Bachelor-Studium der Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy Leipzig. Ab 2015 war sie Studienstipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Von 2017–2020 studierte sie im Master Medienwissenschaft an der Bauhaus-Universität Weimar. In dieser Zeit war sie studentische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Archiv- und Literaturforschung bei Prof. Dr. Jörg Paulus. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Regieassistentin für Schauspiel am Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle Weimar. Im Rahmen des Forschungsprojektes Die Geschichte der Bauhausstraße 11 (finanziert von der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen, zunächst angesiedelt an der Professur Bildtheorie bei Jun.-Prof. Dr. Julia Bee, seit Mai 2022  angegliedert an der Professur Archiv- und Literaturforschung bei Prof. Dr. Jörg Paulus) kehrte sie im Sommer 2021 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die BUW zurück. Seit April 2023 ist Lilli Hallmann Promovendin am Graduiertenkolleg Medienanthropologie.

Publikationen

Herausgaben

zusammen mit Julia Bee, Franziska Klemstein, Jannik Noeske (Hg.): Auf dem Weg zum Erinnerungsort – das Gebäude der NS-Medizinbürokratie in Weimar, Weimar 2024.

Aufsätze und Beiträge

Der Perforator. Mikroverluste in Archivalien des NS-Gesundheitswesens, in: Lorenzo Gineprini et al. (Hg): Studien zu einer relationalen Medienanthroplogie, Bielefeld, im Erscheinen.

Das Effektenverzeichnis Ernst Lossas. Von der Unmöglichkeit, Schlittschuh zu laufen, in: Rüdiger Campe, Johanna Käsmann, Jessica Maureen Maaßen (Hg.): Bürokratische Schreibszenen. Schreibtische aus medien-, theater- und literaturwissenschaftlicher Perspektive, Paderborn, im Erscheinen, S. 181-198.

zusammen mit Julia Bee, Franziska Klemstein und Jannik Noeske: Die Bauhausstraße 11 auf dem Weg zum Erinnerungsort – Einführung in die Geschichte der heutigen Bauhausstraße 11, in: Julia Bee et al. (Hg.): Auf dem Weg zum Erinnerungsort – das Gebäude der NS-Medizinbürokratie in Weimar, Weimar 2024.

zusammen mit Jannik Noeske: Die Bleiglasfenster der Bauhausstraße 11 – eine kommentierte Bildstrecke, in: Julia Bee et al. (Hg.): Auf dem Weg zum Erinnerungsort – das Gebäude der NS-Medizinbürokratie in Weimar, Weimar 2024.

zusammen mit Jörg Paulus und Kristin Victor: Verordnete Mikropolitiken der ‚Volksgesundheit‘. Sammeln und Vermitteln im Umfeld des ehemaligen „Thüringer Ärztehauses“, in: Julia Bee et al. (Hg.): Auf dem Weg zum Erinnerungsort – das Gebäude der NS-Medizinbürokratie in Weimar, Weimar 2024.

Zwischen Bürokratie und Ästhetisierung. Das sogenannte Thüringer Ärztehaus als szenischer Raum der NS-Ärzteschaft, in: Julia Bee et al. (Hg.): Auf dem Weg zum Erinnerungsort – das Gebäude der NS-Medizinbürokratie in Weimar, Weimar 2024.

Das ehemalige „Thüringer Ärztehaus“ in Weimar. Bleiglasfenster als Medien einer nationalsozialistischen Inszenierung, in: Karl Banghard, Michael Kamp (Hg.): Kontinuitäten? Museumspflege im Nationalsozialismus, im Erscheinen.

Die Treppe ins Archiv? Zum Umgang mit NS-Kunst in öffentlichen Gebäuden am Beispiel des Treppenhauses der Bauhausstraße 11 in Weimar, in: Maja Brodrecht, Simona Noreik, Jörg Paulus (Hg.): Ästhetiken und Materialitäten des Übergangs und des Übertragens, Basel: Berlin 2023.

nicht-wissenschaftliche Beiträge

Familie. Einleitung in 100 Worten, in: Katrin Richter (Hg.): ELSE`S STORY. Aus dem Leben der ersten Börsenmaklerin der Welt, Weimar: Lucia 2023.

Heimat. Einleitung in 100 Worten, in: Katrin Richter (Hg.): ELSE`S STORY. Aus dem Leben der ersten Börsenmaklerin der Welt, Weimar: Lucia 2023.

Ein Künstlerinbuch für Else Goldschmidt. Oder: von Geschichten, die noch zu erzählen sind, in: DAS ROTE ginkgoblatt, das Magazin der LINKEN in Weimar und dem Weimarer Land 01/2023, S. 18–19.

Psyche und Krise(n). Rück- und Ausblick eines Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, in: DAS ROTE ginkgoblatt, das Magazin der LINKEN in Weimar und dem Weimarer Land 09/2022, S. 18.

Vom „Working Girl“ zur „Neuen Frau“, in: DAS ROTE ginkgoblatt, das Magazin der LINKEN in Weimar und dem Weimarer Land 05/2022, S. 24-25.

Die Bauhausstraße 11. Ein bürokratischer Täterort im Nationalsozialismus, in: Stadtführerbrief 58 – 04/22, Informationsblatt des Vereins der Stadtführer Weimars e.V., S. 7-13.

Heute vor 83 Jahren: jüdischen Ärztinnen*Ärzten wird Approbation entzogen, in: Blog eject – Zeitschrift für Medienkultur 2021, www.uni-weimar.de/projekte/eject/wordpress/.

Vorträge

Zusammen mit Jörg Paulus und Kristin Victor: Sammeln im Kontext der NS-Gesundheitspolitik, Werkstattgespräch mit der Forschungsgruppe Kulturtechniken des Sammelns / Universität Erfurt, 12.01.2023, online.

Mikropolitiken der NS-Volksgesundheit. Sammeln und Vermitteln im Kontext des ehemaligen „Thüringer Ärztehauses“, Vortrag im Rahmen der Tagung Erinnern gestalten. Orte der NS-Medizinverbrechen, zusammen mit Jörg Paulus und Kristin Victor, 30.09.2022, Weimar.

Die NS-ideologischen Bild- und Symbolwelten im ehemaligen „Thüringer Ärztehaus“. Eine Einführung, Vortrag im Rahmen der Veranstaltung Die NS-ideologischen Bild- und Symbolwelten im ehemaligen „Thüringer Ärztehaus“ und ihr Fortleben in der extremen Rechten, 15.07.2022, Weimar.

Das ehemalige „Thüringer Ärztehaus“ in Weimar. Bleiglasfenster als Medien einer nationalsozialistischen Inszenierung, Vortrag im Rahmen der Tagung Kontinuitäten? ‚Museumspflege‘ im Nationalsozialismus, 19.05.2022, Lindlar.

Health Policy during the german Nazi-Regime. The History of the Bauhausstraße 11 – former „Medicine Center of Thuringia“, Vortrag im Rahmen des Bauhaus-Moduls Imagine. Zukunftslabor Vielfalt, 12.05.2022, Weimar.

Die Treppe ins Archiv? Überlegungen zum Umgang mit NS-Kunst in öffentlichen Gebäuden am Beispiel des Treppenhauses der Bauhausstraße 11 in Weimar, Vortrag im Rahmen der Online-Tagung Ästhetiken und Materialitäten des Übergangs und des Übertragens, organisiert vom DFG-Projekt Die Existenzweisen von Abschriften und Kopien in Briefkopierbüchern, 02.12.2021.

Das ehemalige „Thüringer Ärztehaus“. Oder: Die Geschichte der Bauhausstraße 11, Vortrag im Rahmen des Seminars Counter memory – Erinnerungspraktiken im Weimarer Stadtraum, 23.11.2021, Weimar.

Interviews und Gespräche

B11. Wie ein Verwaltungsgebäude zum Täterort wurde und wie wir ihn zur Erinnerungsstätte machen könnten, in: eject - Zeitschrift für Medienkultur, 12/2022, Weimar, im Erscheinen.

Zusammen mit Frank Simon-Ritz, Jannik Noeske, Studierenden der Initiative »Queer-Lit« und dem Studierendenkonvent: Ordnungen des Wissens. Ein Gespräch im Rahmen der Langen Nacht des wissenschaftlichen Schreibens 2022, 23.06.2022, Weimar.

Lehre

Textanalyse/Propädeutikum, Seminar im Rahmen des Einführungsmoduls Einführung in die Medien- und Kulturtheorie, WS 2022/23, zusammen mit Jörg Paulus, Fabian Winter und Charlotte Bolwin, Bauhaus-Universität Weimar.

Organisation akademischer Veranstaltungen

zusammen mit Julia Bee, Franziska Klemstein, Jannik Noeske und Jörg Paulus: internationale, interdisziplinäre Tagung Erinnern gestalten. Orte der NS-Medizinverbrechen, in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 29.-30.09.2022, Weimar.

Die NS-ideologischen Bild- und Symbolwelten im ehemaligen „Thüringer Ärztehaus“ und ihr Fortleben in der extremen Rechten, Referenten: Erik Beck (Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-45), Karl Banghard (Archäologisches Freilichtmuseum Oehrlinghausen), in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen, 15.07.2022, Weimar.