Laurien Wüst

Projekttitel

Der Mechanismus der Freiheit: zum Verhältnis von Gewohnheit und Zerstreuung (Arbeitstitel)

Projektbeschreibung

Angesichts gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen – insbesondere im Kontext der Künstlichen Intelligenz – stellt sich das Verhältnis von Autonomie und Automatisierung mit neuer Dringlichkeit. Automatisierungsprozesse geistiger Vollzüge lassen sich weder eindeutig als Ermöglichung noch als Gefährdung menschlicher Autonomie bestimmen. Vielmehr zeigt sich, dass Autonomie und Automatisierung auf komplexe Weise ineinander verschränkt sind. Vor diesem Hintergrund fragt das Projekt: Inwiefern ist die Automatisierung von Prozessen nicht bloß eine Bedingung oder Bedrohung, sondern konstitutiv für die Autonomie menschlichen Lebens? Und wie verändert sich möglicherweise die Idee und Praxis der Autonomie, wenn sie im Rückgang auf diese konstitutive Dimension bestimmt wird?

Kaum eine moderne philosophische Konzeption hat die konstitutive Rolle vorbewusster, automatischer Prozesse für die Freiheit so deutlich herausgestellt wie Hegels Philosophie – etwa durch die Betonung der Rolle der Gewohnheit im Bildungsprozess des Geistes. Gleichzeitig erkannte Hegel, wie verschiedene kritische Lektüren in der gegenwärtigen philosophischen Debatte um die Freiheit als einer „zweiten Natur“ zu Recht betonen, in der Mechanisierung eine Gefährdung der Autonomie, die sich selbst zu unterminieren droht. Anstatt jedoch Strategien zur Verteidigung der Freiheit gegen Automatisierung zu entwickeln, wie es viele gegenwärtige Freiheitskonzeptionen vorschlagen, verfolgt das Projekt einen anderen Ansatz, indem es nach Spielräumen in der Automatisierung geistiger Prozesse fragt.

Im ersten Teil wird ausgehend von Hegels Theorie des Geistes untersucht, wie automatische Prozesse, Gewohnheiten, soziale Praktiken und technische Objekte konstitutionstheoretisch zusammenhängen. Der zweite Teil analysiert, wie Walter Benjamin die Verschränkung von Geistigem und Mechanischem unter (spezifisch historischen) medienästhetischen Bedingungen neu perspektiviert und diskutiert, inwiefern medienästhetische Erfahrung Freiheitsspielräume nicht gegen, sondern in der Mechanisierung bzw. Automatisierung zu entfalten vermag. 

Vita

Laurien Simon Wüst hat an der Goethe-Universität Frankfurt am Main im Bachelor Politikwissenschaften und Philosophie (Abschluss 2017) und im Anschluss Philosophie im Master in Frankfurt sowie an den Universitäten École normale supérieure/École des hautes études en sciences sociales in Paris studiert. Mit einer Arbeit zum Verhältnis von Familie und bürgerlicher Gesellschaft bei Hegel im Lichte gegenwärtiger neoliberaler Sozialpolitik schloss er sein Masterstudium der Philosophie im Jahr 2021 an der Goethe-Universität bei Prof. Marina Martinez Mateo und Prof. Christoph Menke ab. Parallel zum Studium arbeitete er als Tutor diverser Einführungsveranstaltungen in der Philosophie, Philosophiegeschichte und Rechtsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie als Hilfskraft bei der Hilfs- und Gesundheitsorganisation medico international e.V.. Zu seinen Forschungsinteressen zählen vor allen Dingen die Bereiche Sozialphilosophie und philosophische Ästhetik. Seit April 2023 führt er sein in Frankfurt am Main begonnenes, von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördertes Promotionsprojekt zum Verhältnis von Gewohnheit und Zerstreuung im Anschluss an Hegel und Walter Benjamin als wissenschaftlicher Mitarbeiter des DFG-Graduiertenkollegs „Medienanthropologie“ an der Bauhaus-Universität Weimar fort.

Publikationen: 
„Der geistige Automat: Gewohnheit bei Hegel und Jeanne Dielman“, in: Mirko Beckers, Lorenzo Gineprini, Jens Kraushaar und Ulrike Wirth (Hg.) (2026): Vermittlung – Materialität – Milieu. Studien zu einer relationalen Medienanthropologie. Bielefeld: transcript (i.V.)

Vorträge:

4. Februar 2026: „Ist mit Werner Herzogs Grizzly Man das Spielerische des Filmapparats am Ende?“, Vortrag im Rahmen der Filmreihe „Rache des Kinos“, Kiez Kino Kassel

23. Januar 2026: "Zur politischen Aktualität von Benjamins Fragestellung im Zeitalter von KI-Automatisierung", Einführungsvortrag der Veranstaltung "Erste und zweite Technik: Workshop zur zweiten Fassung von Benjamins Kunstwerkaufsatz“, Bauhaus-Universität Weimar

29. Oktober 2025: „Die Rache des Films als Rache am Recht“, Einführung im Rahmen der Filmreihe „Rache des Kinos“ im mon ami Kino Weimar

19. Juni 2025„The second nature of technology: On Benjamins distinction between first and

second technology“, Vortrag im Rahmen des Bauhaus-Hopkins Summer Lab on Comparative

Thought mit dem Thema „Nature Thinking“, Bauhaus-Universität Weimar

21. März 2025: „Die Leinwand als Athenes Schild: Zur Ästhetisierung des Grauens im Film Oppenheimer“, Input bei Podiumsdiskussion mit Alexandra Colligs und Jana Baldus zum Film Oppenheimer im Rahmen der SchulKinoWochen Hessen (Thema: „Zukunftsenergie“), Harmonie-Kino, Frankfurt am Main

14. November 2024: „Zweierlei Indifferenz: Hegel und die destruktive Plastizität“, Response im Rahmen des Workshops „Destructive plasticity: A Workshop with Catherine Malabou, Bauhaus-Universität Weimar

19. April 2024: „Die passive Synthesis von Tier und Mensch“, Response im Rahmen des Workshops „Towards a New Foundation for Philosophical Anthropology” mit Étienne Balibar, Universität Potsdam und Humboldt Universität zu Berlin

3. Juli 2024: „Zur Darstellung der Gewohnheit im Film Jeanne Dielman von Chantal Akerman“, Vortrag im Rahmen der Filmreihe „Alltag und Unterbrechung“ im Lichthaus-Kino Weimar, Juli 2024