Projekttitel
Die Anthropomedialität des Avatars: Zur Bild- und Mediengeschichte virtualisierter Körperbezüge (AT)
Projektbeschreibung
Wie lassen sich die polymorphen Durchmischungsbeziehungen zwischen Menschen-und-Avataren beschreiben, wenn letztere beginnen, unsere Alltagswelt zu bevölkern – nicht mehr nur in Spielen oder virtuellen Realitäten, sondern als Grenzfiguren, die zwischen dem Humanen und Non-Humanen eine Schlüsselrolle gesellschaftlicher Transformationsprozesse unter digitalen Bedingungen einnehmen? Dieser Frage gehe ich in meinem Promotionsprojekt durch die Analyse verschiedener Mensch-Avatar Szenen nach.
Global betrachtet gehören Avatar-Technologien heute schon zum Alltag der Menschen, und ihre Nutzung reicht weit über die bloße Funktion stellvertretender Profile in sozialen Medien hinaus. Das zeigt sich in Servicewelten und allgemein im Konsumentenbereich, wo sie, ausgestattet mit animierten Gesichtern auf Basis generativer KI (inklusive integrierter Emotionserkennung) als multimodale Avatar-Assistenzsysteme eingesetzt werden, die menschliche Arbeitskraft entlasten sollen. Neben der privaten Nutzung als Tutoren in den unterschiedlichsten Lernfeldern (Kochen, Sprachen, Sport usw.), im Gesundheitswesen als virtuelle Therapieassistenten oder als KI-Begleiter werden Avatare darüber hinaus von staatlicher Seite für erkennungsdienstliche Zwecke eingesetzt. Auch in öffentlichen Kontexten wie dem der Vermittlungsarbeit in Museen, in Gedenkstätten und anderen Erinnerungsorten treten dialogfähige Avatare in Erscheinung, die in der Funktion digitaler Zeitzeug:innen fungieren. Daneben entwickelt sich eine Branche des digitalen Weiterlebens (engl.: Digital Afterlife) mit zahlreichen Anwendungen, die sogenannte postmortale Avatarpräsenzen zu etablieren versuchen. Die mit persönlichen Daten gespeisten Avatare sollen das Versprechen einer Dauerverfügbarkeit einlösen und ein Fortschreiben der eigenen Existenz auf Basis von Medientechnik sichern.
Schon diese knappe Beschreibung zeigt, dass die Fähigkeiten und Eigenschaften, die ,dem Avatar‘ mit fortschreitenden medientechnologischen Entwicklungen zugeschrieben werden, mittlerweile ein breites Wirkungsspektrum abdecken. Indem gleichzeitig die Kulturgeschichte des ‚Avatars‘ einbezogen wird, soll diese in ihrer kontinuierlichen Variabilität als transkulturelle Figur adressiert werden. Denn es zeigt sich, dass sie durch die Avatāralehre im Hinduismus und die sich daran anschließenden sozialen Praktiken, religiösen Riten und Körper-Vorstellungen auf spezifische Weise präfiguriert wurde. Vor diesem Hintergrund wird die Figur des Avatars als anthropomediale Existenzweise herausgearbeitet, durch die ausdifferenzierte Beschreibungsleistungen von Menschen-mit-Avataren ermöglicht werden. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, menschliche Existenzvollzüge, Lebenserfahrungen sowie Beziehungs- und Interaktionsdynamiken in Bezug auf die zunehmend durch nicht-menschliche Wesen geprägten Alltagsszenen systematisch zu untersuchen.
Vita
Jens Kraushaar studierte Kunstgeschichte und Vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg sowie Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt Universität zu Berlin. Nach dem Studium absolvierte er ein wissenschaftliches Volontariat bei der Stiftung Stadtmuseum Berlin mit Schwerpunkt auf Fotografie & Ausstellungen. Im Anschluss war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im kuratorischen Team bei Kulturprojekte Berlin GmbH für die Berlin Ausstellung „BERLIN GLOBAL“ im Humboldt Forum unter der Leitung von Paul Spies tätig. 2021 erhielt er ein Stipendium am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam mit einer Anschubfinanzierung für ein Promotionsvorhaben zu der Figur des Avatars und digitaler Körperlichkeit. Seit April 2023 wirkt er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Graduiertenkolleg Medienanthropologie an der Bauhaus-Universität Weimar mit. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich digitaler Bildkulturen und virtualisierter Körperbezüge.
Vorträge
„On Mirror Dwelling In VRChat – The Interplay of Self, Avatar-persona and Other“ – Vortrag im Rahmen des Workshops „The Augmented Body: Affectivity, Perception and Life in the Digital Age“ an der Bauhaus-Universität Weimar. 18.12.0225.
„Die Anthropomedialität des Avatars: Körpertechnik, Metamorphose, Ritual“ – Vortrag im Rahmen der Sektionsveranstaltung „Digitale Körper in Transition: Avatare in Spiel und Gesellschaft“ der AG „Soziologie digitaler Spiele“ auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie an der Universität Duisburg. 25.09.2025.
„(Unabgeschlossene) Überlegungen zu den Praktiken des Abschiednehmens und des Erinnerns durch avatarische Stimmen.“ – Vortrag im Rahmen des Workshops „Trost der Medien – Medien des Trostes“ an der Bauhaus-Universität Weimar. 05.12.2024.
„›Wie kann ich Ihnen helfen?‹ – Eine Avatar-Mensch-Szene und das Verhältnis ihrer Bildmodi“ – Vortrag (26.10.24) auf der Tagung „Working Matter – Aktivitätsmodelle und Geschichte der Arbeit“ an der Bauhaus-Universität Weimar. 25.-26.10.2024.
„Mimetischer Kontakt – Eine Avatar-Mensch-Szene und das Verhältnis ihrer Bildpraktiken“ – Vortrag (26.09.2024) im Rahmen des Panels „Gathering/Assembling/Aggregating: bildtheoretisch gewendete Operationen des (Ver)Sammelns“ auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Mainz. 25.-28.9.2024.
„Become your avatar!? - the body politics of the avatar“ – Vortrag (18.6.2024) im Rahmen der Princeton-Weimar Summer School for Media Studies: „Media Subjects: How Does Media Address The Individual?“. Princeton Universität. New Jersey, USA. 17.-21.6.2024.
„Die Körpertechniken des Avatars“ Vortrag (18.9.24) im Rahmen des Panels „Glitch-/Xeno-/Cyber-/Netz – Technomaterialistische Körperkonzepte in den neuen Feminismen“ auf der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung (ÖGGF). Universität Graz & Technische Universität Graz, Österreich. 17.-22.09.2024.
Präsentation zum Promotionsprojekt und Teilnahme am Early Career Workshop (21.11.24) im Rahmen der Jahrestagung „Sozialfiguren des Digitalen“ der Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Darmstadt. 21.-22.11.2024.
„The discussion of the One-sex Model by the Fabrica of Andreas Vesalius“ – Vortrag (17.11.2023) im Rahmen der Konferenz „The Art And Space Of Anatomy: Origins, History, And Functions Of Anatomical Theatres“. Bologna, Italien. 17.-18.11.2023.
„The figure of the avatar“ – Impuls und Diskussion im Rahmen der Pre-Konferenz der „European Communication Research and Education Association“ an der Lusófona Universität. Anschließende Teilnahme an der Konferenz „Contested Visibilities: Everyday politics and online imaginaries of the body“. Lissabon, Portugal. 6.-8.09.2023.
Publikationen
Herausgabe
Zusammen mit Mirko Beckers, Lorenzo Gineprini und Ulrike Wirth (Hg.) (2026): Milieu – Materialität – Vermittlung. Studien zu einer relationalen Medienanthropologie. Bielefeld: Transcript Verlag.
Aufsätze
„KI-Avatare in die Verantwortung nehmen – (Kritische) Überlegungen zum Einsatz von Echtzeit-Assistenzsystemen“. In: Grabbe, Lars C.; Schmitz, Norbert M.; Rupert-Kruse, Patrick (Hg.) (2025): Simulakra, Persona, Artefakt – Interdisziplinäre Perspektiven auf algorithmische Bildlichkeit. Marburg: Büchner Verlag. S. 225-256.
„The discussion of the one-sex model by the Fabrica of Andreas Vesalius“. In: Mascardi, Chiara (Hg.) (2025): „L’arte e lo spazio dell’anatomia: origini, storia e funzioni dei teatri anatomici“. University of Turin. S. 175-186.
„Berlin von hinten. Die schwule Szene in Ost-Berlin“. In: Danyel, Jürgen (Hg.) (2019): Ost- Berlin. 30 Erkundungen. Berlin: Chr. Links Verlag. S. 265-278.