Postdigitale Erinnerungskultur und Kunstunterricht. Zur Bedeutung von Materialität im Kontext einer forschenden Auseinandersetzung mit historischer Baukultur
Im Kontext einer forschenden Kunst geht es um eine substantielle Auseinandersetzung mit lebensweltlichten Zusammenhängen, wobei implizite Wissensbestände sichtbar gemacht werden bzw. sich produktiv erweitern. Diese Tätigkeit bestimmt sich als intentionale und responsive Auseinandersetzung mit der Materialität der Dinge, wobei Taktilität eine wichtige Rolle spielt, sowohl mit dem Ziel einer unmittelbaren Kontaktaufnehme als auch in der Nutzung von Werkzeugen, die wiederum in ihrer Materialität Bedeutung erfahren können. Im Folgenden soll an einem Fallbeispiel der Frage nachgegangen werden, inwieweit eine hybride künstlerische Forschung auf der Basis digitalen Materials epistemisch relevant ist, ob die digitalen Formen der Interaktion und Kommunikation kollaborative Erkenntnisse kommunikabel machen und Wissen akkumulierend den individuellen Erwartungshorizont erweitern.
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In einem Unterrichsprojekt im Kontext der Pandemie befassten sich die Schüler einer zehnten Klasse mit Baukultureller Bildung unter Bezug auf die Ausstellung »Seven Places« (Zentrum für verfolgte Künste o. J.), in der die Spuren jüdischer Kultur in Deutschland thematisiert wurden. Doch auch diese Ausstellung wurde aufgrund der pandemischen Situation ins Internet verlagert und befasste sich materialreich mit unterschiedlichen Repräsentationsformen jüdischer Kultur aus der Basis von Objekten und historischen Dokumenten. […]
Zunächst wurde der historische Kontext thematisiert […].
Daran anschließend setzten sich die Schüler*innen in Kleingruppen […] mit dem Ort Essen und seiner Architektur auseinander. Hier wurden individuelle Schwerpunkte gesetzt und Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert […].
In einer gemeinsamen Reflexion wurden sozialräumliche Dimensionen von Architektur diskutiert. […] In diesem Zusammenhang wurde der Begriff Kulturverlust thematisiert. […]
Im Zentrum [der Charakterisierung einer Synagoge als Sakralbau und der Erläuterung der Spezifika der Essener Synagoge] standen die Transformationen, die mittels Fotografien und weiterer Dokumente veranschaulicht wurden.
In der Reflexion wurden wiederum sprachliche Keynotes erarbeitet: »Identitätsverlust«, »Zerstörung von Heimat«, »Kultur«, »Glaube und Sicherheit«, und »Fremdenfeindlichkeit«. Dabei wurde diskutiert, wie man architektonisch mit einem von Gewalthandeln geprägten Raum umgehen könnte und welche Perspektiven berücksichtigt werden sollten. […] Die darauf folgende Gestaltungsaufgabe bestand darin, eine adäquate Architektur zu planen und im Modell zu realisieren. Zur Anregung wurden unterschiedliche Leergrundrisse und Modelle der Architekturgeschiche präsentiert, um eine Vorstellung davon zu geben, wie mannigfaltig mögliche Herangehensweisen sind. […]
Es zeigte sich, dass die Schüler*innen ein breites mediales Spektrum ausnutzten: Während einige mit unterschiedlichen Stiften auf Papier zeichneten, wählten anderen den dreidimensionalen Modellbau aus Papier und Pappe und wieder andere nutzten unterschiedliche Tools der Online-Games wie »Fortnite« und »Minecraft« zur dreidimensionalen virtuellen Transformation ihres Entwurfs. Auch thematisch wurden unterschiedliche Aspekte gewählt. Wiederaufbau und Rekonstruktion wurden deteilgetreu vorgenommen. Andere legten den Fokus auf Gedenk- und Erinnerungskultur in Bezugsnahme auf den Holocaust. Es entstand eine digitale Gedenkstätte, die Museumscharakter aufwies und Alltagsobjekte und biographische Artefakte konkreter Personen dokumentierte. Einer der Entwürfe stach besonders dadurch hervor, dass er auf konkrete Vorfälle der jüngsten Vergangenheit Bezug nahm. Im Online-Spiel »Fortnite« wurde eine »Wehrsynagoge« kreiert, die von bewaffneten digitalen Kriegern abgesichert wurde. Gepanzerte Fahrzeuge und Wachtürme sollten der »Abwehr von Terroristen« dienen. Insofern flossen bereits thematisierte Begriffe wie »Schutz« und »Sicherheit« in die Konzeption des Gebäudes ein. Darauf folgte eine Diskussion über das Erscheinungsbild und die Notwendigkeit von bewaffnetem Schutz für Gotteshäuser. Der Entwurf wurde unterschiedlich bewertet; insbesondere die Platzierung in eine [sic!] bespielbares kollaboratives Umfeld war von besonderem Interesse.
Wie sich gezeigt hat, ist eine künstlerisch-forschende Auseinandersetzung mit Lebenswelt nicht medial gebunden und auch eine dichotomische Unterscheidung zwischen Bezeichnetem und dem Zeichen wird dem Sachverhalt kaum gerecht. Insbesondere historische Sachverhalte sind immer Teil von Narrationen, die retrospektiv Ereignisse der Vergangenheit deuten und dabei unterschiedliche Repräsentationensformen nutzen. Material und Artefakte werden dabei herangezogen, transkribiert und in ein spezifisches Deutungsmuster eingeordnet. In der didaktischen Auseinandersetzung mit Geschichte geht es nicht allein um einen Nachvollzug dieser Zusammenhänge, sondern auch um eine subjektive Bezugnahme, wozu auch der Rückgriff auf die eigenen Erfahrungsgeschichte bedeutsam ist. Dabei bietet die Kunstpädagogik Instrumente an, die eine leibsinnliche Auseinandersetzung mit dem Original zum Thema machen und Konventionen unterlaufen. Die Deutung des Gegenstands konzentriert sich dabei auf die sensuelle Responsivität, wodurch gängige Narrationen konterkariert und erweitert werden. Das »Forschen Aller« (Sibille Peters) verweist darauf, dass Forschung keine Spezialität von Expert*innen ist, sondern als ein intersubjektiver Prozess zu verstehen ist, in dem jede/r, die/der sich angesprochen fühlt, einen Beitrag leisten kann (Peters 2013: 8).
Quelle
Brenne, Andreas (2023): Postdigitale Erinnerungskultur und Kunstunterricht. Zur Bedeutung von Materialität im Kontext einer forschenden Auseinandersetzung mit historischer Baukultur. In: Fritzsche, Marc (Hg.): Kunstpädagogik nach der Pandemie. Befunde und Spekulationen. München: Kopaed, S. 159-168
