Taktile Responsivität und Digitalisierung

Ohne den Leib und seine responsiven Möglichkeiten ist jegliches Material bedeutungslos und irrelevant.

Dabei spielen Körperextensionen eine ebenso große Rolle wie die Gesichtssinne, wobei die Koordination und das Zusammenwirken von zentraler Bedeutung sind – durchaus als mentaler Akt des Bewusstseins. Welterzeugung und das Welterleben basieren auf der Koordination taktiler Prozesse (Leroi-Gourhan 1987) mit der Potentialität, das Erkannte gewahr werden zu lassen. […]

Im Kontext einer suksessiven und umfassenden Digitalisierung der Gesellschaft stellt sich die Frage nach dem Wandel der Materialität und den darauf bezogenen Handlungsweisen. Dieser mediale Wandel basiert nicht mehr auf einer unmittelbaren leiblichen Interaktion, sondern auf der Modellierung von Wahrnehmungskonstituenten, die den direkten Zugang substituieren und simulieren, aber auch erweitern. […]

Letztendlich stellt sich die radikale Frage, ob die Konstitution von Lebenswelt allein auf Sinnzuschreibungen basiert, die sensuelle Impulse mittels der Vorstellungskraft semantisch kondensiert. Im Sinne Martin Heideggers setzt die Kunst »die Wahrheit ins Werk«, d. h. dass das sensuell Erfahrbare in eine spezifische Konstellation gebracht wird, die das Sein zeitlich und sinnhaft konstituiert (Heidegger 2003: 21). Dieser erweiterte Werkbegriff negiert nicht den Eigensinn des Materials, sondern überfhührt ihn in einen imaginär-utopischen dritten Raum. Das Digitale und das Analaoge sind somit keine Gegensaätze, sondern werden im Kontext einer weltentwerfenden Kunst aufeinander bezogen. […]

Innovativ und zeitbezogen sind kunstpädagogische Überlegungen zur postdigitalen Materialität, die sich an der »Post Internet Art« orientieren und Formen einer spekulativen Poetik thematisieren (Arns 2014). Grundlegend ist hier ein transhumaner Materialbegriff, der sich nicht in den klassischen Dichotomien wie Körper-Geist, Leib-Seele oder Empirie-Theorie begreifen lässt und eine transmediale spekulative Praxis vorschlägt. Neuere Arbeiten, insbesonder von Konstanze Schütze (Schütze 2020) und Gesa Krebber (Krebber (2020), untersuchen derartige Praxen der Kunstvermittlung.

Quelle

Brenne, Andreas (2023): Postdigitale Erinnerungskultur und Kunstunterricht. Zur Bedeutung von Materialität im Kontext einer forschenden Auseinandersetzung mit historischer Baukultur. In: Marx Fritzsche (Hg.): Kunstpädagogik nach der Pandemie. Befunde und Spekulationen. München: Kopaed, S. 159-168, hier S. 161ff.

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beigetragen am 01.11.2024