Mediale Übersetzungen. Kunstpädagogik und digitaler Wandel

Sobald das Netz im Klassenraum ist, ist auch der Klassenraum im Netz beziehungsweise in der Welt – mit allen Konsequenzen. Dies erfordert neuartige Formen der Auseinandersetzung und der Reflexion, andere Formate des Lernens und womöglich auch andere Formen der Kommunikation. Grenzüberschreitungen, die im Fach Kunst durch den Gegenstand des Faches angelegt sind, sind im Netz die Regel. Solche Grenzüberschreitungen finden zwischen Disziplinen, zwischen physisch er- fahrbarem und medial vermitteltem Raum (falls diese Dichotomie überhaupt noch sinnvoll ist), zwischen Kunst und Nicht-Kunst, zwischen künstlerischen Gattungen und Alltagskultur statt. Wenn reflexiver Medienumgang ein Ziel von Bildung ist, dann müssen Lehrerinnen und Lehrer auch mit Medienkultur umgehen, sich diese „interaktiv aneignen“, wie der Kunstpädagoge Torsten Meyer es nennt: „Next Art Education weiß, dass die nächste Kunst das Bild nicht mehr als Ziel der Kunst betrachtet, sondern als deren Rohstoff und Material. Sie zielt nicht mehr auf das eine große Meisterwerk, sondern geht vor allem mit dem Plural von Bild um. Sie produziert tiefgründiges Wissen über die Codes, die unsere Wirklichkeit strukturieren und entwickelt die Fähigkeit zur interaktiven Aneignung von Kultur in der Form des Sample, Mashup, Hack und Remix. Und sie ahnt, dass Kontrolle über die globale Lebenswirklichkeit nur zu erlangen ist in Formen von partizipativer Intelligenz und kollektiver Kreativität.“ (Meyer 2015, S. 30)
Solche Statements weisen darauf hin, dass sich nicht nur Kunstunterricht ändert, sondern Schule im Allgemeinen – wenn diese neue Medienkultur ernst und als Bildungsanlass genommen wird.                                                                          […]                                                                                                                    Diese Wahrnehmungsbildung und Orientierung in zunehmend medialen Bildwelten wird nur möglich, wenn unter Medienbildung (Vgl. Jörissen / Maraotzki 2009 und Moser 2010) nicht rein technische oder gerätebasierte Fähigkeiten (toolification) verstanden werden, sondern „[...] unterschiedliche Kompetenzen im Interesse von Persönlichkeitsentwicklung, gesell- schaftlicher Partizipation und arbeitsweltbezogener Qualifikation [...].“ (Jörissen 2012, S. 136)  Medien ermöglichen nicht nur Kommunikation, sie prägen auch die Art und Weise, wie Ausdrucksweisen sich manifestieren und Kommunikation stattfindet.
[…]
Ausgehend von künstlerischen Arbeiten lassen sich in Unterrichtskontexten mediale Untersuchungen durchführen: Wie lässt sich eine künstlerische Vorgehensweise übertragen? Kann die zugrundeliegende Idee in ein anderes Medium über- setzt werden? Was passiert dann? Inwiefern verändert das meine Wahrnehmung, mein Denken? Lässt sich etwas Digitales in eine analoge Form übertragen? Oder vom Analogen ins Digitale? Welche Reflexionen werden durch solche Übersetzungen provoziert? Wie können ungewohnte Blickwinkel bei Filmaufnahmen er- reicht werden? Wie kann eine Videoinstallation dokumentiert werden? Welcher Aspekt einer Installation bekommt meine Aufmerksamkeit? Warum? Welche Geräusche oder Sounds kann ich aufnehmen, um zum Beispiel einen subjektiven Audio-Guide zu gestalten? Wie lange halte ich ein künstlerisches Video aus? Was geht mir dabei durch den Kopf? Wie kann ich das, was mir durch den Kopf geht, wiederum aufzeichnen? In eine Form bringen?
Solche Fragen sind wichtig, um Anfänge zu ermöglichen, Kontexte zu schaffen und um auszuhandeln, was wir heute in der digitalisierten Welt für wichtig erachten. Um ins Gespräch zu kommen. Um zu verstehen. Um Dinge auszuprobieren, auf den Kopf zu stellen, gegen die Wand zu laufen, sich faszinieren zu lassen, sich transformieren zu lassen.

Quelle

Burkhardt, Sara (2016): Mediale Übersetzungen. Kunstpädagogik und digitaler Wandel. In: Martine Ide / Christine Korte-Beuckers / Friederike Rückert (Hg.): Aktuelle Positionen der Kunstdidaktik. Barleben: kopaed

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beigetragen am 01.11.2024