Irritation

Krisen unterbrechen bestehende Ordnungen, die politisch, sozial, kulturell oder wirtschaftlich gewachsen sind. Sie bestimmen zugleich ihren Anfang (1). Sie sind Ausgangspunkt für neue Entwicklungen und können zu neuen Lösungen führen. Unerwartete Situationen befördern ein Gefühl der Unsicherheit. Wir reagieren irritiert (aufgeregt, erregt). Besonders dann, wenn wir mit unseren bisher bewährten Lösungsstrategien eine neue Problemlage nicht mehr bewältigen können, stellen sich Verwirrung und Überforderung ein.
Zeitgenössische Künstler*innen arbeiten gezielt damit, unsere gewohnten Routinen und Sehgewohnheiten zu unterbrechen und zu befragen. Sie irritieren durch das Hervorrufen von Zweifeln, Instabilität und Uneindeutigkeiten. Damit stören sie unsere erlernte Wahrnehmung und Deutung von Phänomenen. (2) Der „Perspektivwechsel (…) zwischen engagierter Wahrnehmung und distanzierter (Selbst-)Beobachtung“ (3) bestimmt die ästhetische Erfahrung. Durch diesen sollen verfestigte Handlungsmuster, Vorurteile und Haltungen bewusst gemacht und das eigene Handeln sowie die eigene Wahrnehmung hinterfragt werden. Dazu inszenieren Künstler*innen reale wie virtuelle Räume, deren Gestalt von unseren Gewohnheiten abweicht und diesen widerspricht.
Eine Kernfrage von Künstler*innen, deren Kunst irritieren soll, ist, wie sie unsere Sehgewohnheiten so unterbrechen / stören können, dass wir beginnen, uns mit unserem Denken und Handeln kritisch auseinanderzusetzen. Dazu ist es wichtig zu untersuchen, wie Wahrnehmungsprozesse funktionieren und wie eine bewusste Formsprache Verwirrung auslösen kann.

(1) Folkers, A. / Lim, I. (2014): Irrtum und Irritation. Für eine kleine Soziologie der Krise nach Foucault und Luhmann. In: Behemoth. A Journal on Civilisation, Bd. 7, Nr. 1, 2014, S. 48 – 69, hier S. 49. | (2) Vgl. Zschocke, N. (2006): Der irritierte Blick. Kunstrezeption und Aufmerksamkeit. Pader- born, München. | (3) Kwastek, K. (2015): Aesthetics of Interaction in Digital Art. Cambridge, S. 97.

Quelle

Rücker, Sandra / Dreyer, Andrea / Bauhaus-Universität Weimar, Professur Kunst und ihre Didaktik (Hg.) (2024): Bildberührung. Künstlerische Strategien im ländlichen Raum. 1. Aufl., Zwickau: Spektrum Zwei/Pabst & Beyer GbR

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beigetragen am 04.04.2025