Filmkritik | The Artist (2011)

Mit der Erfindung des Fernsehens wurde die Auslöschung des Kinos vorhergesagt. Jetzt da Smartphones zum alltäglichen Gegenstand geworden sind, bekommt man oft zu hören, dass dies den Untergang der Literatur, wenn nicht sogar der gesamten Kommunikation,  hervorsagt. Die Angst vor der Zukunft ist ein Problem was uns Alle betrifft, sie ist immer ungewiss. Das kann einen schnell in eine Art Trance versetzen, bei der man sich den zukünftigen Auswirkungen ausgeliefert fühlt. Mit einem solchen Gefühl beschäftigt sich auch der Film „The Artist” (2011) von Michel Hazanavicius.

Hier in dem Kontext der Filmindustrie fühlt sich George Valentin (Jean Dujardin) ebenso dem Wandel des Kinos ausgeliefert. Der Film beschäftigt sich mit der Kinoszene der 1920er Jahre und wie der Wandel vom Stumm- zum Tonfilm passierte. Diese zwei unterschiedlichen Strömungen werden jeweils durch die Protagonist*innen personifiziert. George Valentin ist ein sehr prominenter Stummfilmschauspieler, der sich allerdings im Laufe des Films mit seiner eigenen Arroganz und Intoleranz gegenüber den neuen Entwicklungen des Kinos auseinandersetzen muss. Peppy Miller (Bérénice Bejo) auf der anderen Seite ist eine junge Schauspielerin, die die neuen Möglichkeiten des Tonfilms mit offenen Armen begrüßt. Die Wege von Peppy und George kreuzen sich zu Beginn des Films an einem Filmset. Peppy, die gerade versucht in Hollywood Fuß zu fassen, bekommt eine Komparsenrolle in Georges neuem Film. George, der zu diesem Zeitpunkt ein hoch anerkannter Schauspieler ist, hilft ihr zunächst nur, nach einem Konflikt mit dem Regisseur, ihre Rolle zu behalten. Ein bedeutender Moment entsteht, als er ihr einen Ratschlag gibt der ihre gesamte Karriere begleiten wird:  „If you want to be an actress, you need to have something others don’t.” Den Schönheitsfleck den George ihr dabei aufmalt behält sie für den Rest des Films.

Während Peppy in immer weiteren Filmen mitspielt, in denen ihre Rollen immer präsenter werden, passiert für George genau das Gegenteil. Der eigentliche Fall seiner Karriere beginnt als sein Produzent ihm einen Tonfilm zeigt, woraufhin er nur entgegnet „If that’s the future, you can have it.”. Der Film beschäftigt sich nun mit den jeweiligen Karrieren der Protagonist*innen. Peppy wird zu einer aufstrebenden Tonfilmschauspielerin und George, nach einem letzten gescheiterten Versuch den Stummfilm auferstehen zu lassen, zu einem von dem breiten Publikum vergessenen Stummfilmschauspieler.

Diese Angst und Unaufgeschlossenheit gegenüber der Zukunft des Kinos manifestiert sich auf ganz unterschiedliche Weisen im Film, zum Beispiel durch den finanziellen Ruin Georges oder den kompletten Rollentausch vergleichend mit Peppy. Die einprägsamste Weise durch die der Film diese Angst darstellt ist allerdings in einer (Alp-)Traumszene, in der George sich dem Ton seiner Umwelt hilflos ergeben muss. Man empfindet diese als besonders einprägsam, da der Film bis zu diesem Zeitpunkt, wenn man die Hintergrundmusik außen vorlässt, ohne Ton ist. Um eine Art Hommage an die Stummfilme der 20er zu kreieren, ist “The Artist” selbst ein in schwarz-weiß gehaltener Stummfilm.

Für mich waren solche älteren Filme schon immer etwas unzugänglich. Die fehlenden Dialoge und theatralischen Gesten/Mimiken der Schauspieler*innen fand ich nie besonders ansprechend, weswegen ich die gleiche Befürchtung gegenüber diesem Film hatte. Allerdings wurde die Angst vor der Zukunft des Kinos seitens George so persönlich und verständlich dargestellt, dass selbst jemand, der mit dem Tonfilm aufgewachsen ist, diese Angst nachvollziehen kann.

Auch Peppys Perspektive, die den Tonfilm als willkommene Erfrischung sieht und erfreut darüber ist, dass das Publikum an ihrer Stimme interessiert ist, oder wie sie im Film sagt „Out with the old, in with the new! That’s life!”, ist gut nachzuvollziehen.

Generationenkonflikte scheint es zu jeder Zeit und zu jedem Thema zu geben. Die persönliche Beziehung zwischen den beiden Protagonist*innen zeigt dies deutlich. Beide sind Künstler*innen und wollen irgendwie einen Eindruck auf die Menschen hinterlassen. Doch wie sie sich ausdrücken ist von großen Unterschieden geprägt. Wobei George im Kampf gegen die Weiterentwicklung des Kinos verliert, stellt sich Peppy dieser Entwicklung. Durch sehr gute, an die theatralischen Darstellungen der 20er angelehnte, schauspielerische Leistungen, bestimmte Kameraführungen und einer interessanten Handlung sowie Charakterentwicklungen, schafft es der Film nicht nur eine zeitgetreue Hommage zu sein, sondern auch den Stummfilm zugänglich zu machen.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Angst vor der Zukunft nichts Neues ist. “The Artist” stellt dies auf eine wunderbare Art und Weise dar, die einen selbst in die Welt des Stummfilms und des Hollywoods der 20er eindringen lässt, nur um uns dann mit dem Wandel und der „Auslöschung” dieser Filmrichtung zu konfrontieren. Obwohl der Fakt, dass ein Stummfilm auch im 21. Jahrhundert noch 5 Oscars gewinnen kann, zeigt, dass als „veraltet” angesehene Kunstrichtungen nie wirklich aussterben werden.

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