Kritisches Kartieren als künstlerischer Forschungsmodus

Kartieren im künstlerischen Forschungsmodus: Konzeptionelle Überlegungen und VerfahrenDie Auseinandersetzung mit künstlerischen und kartographischen Praktiken und Prozes-sen der Wissensproduktion knüpft an verschiedenen Debatten an, von denen hier nur exemplarisch zwei Felder angesprochen werden: Als wissenschaftliche Methode der Exploration und Erkenntnisgewinnung werden zum Beispiel epistemisches Zeichnen (vgl. Dickel/Keßler 2019) und qualitatives Kartieren im Rahmen transdisziplinärer Forschungsstrategien (vgl. Streule 2020) thematisiert. Zudem kann an empirische Auseinandersetzungen mit wissenschaftlich-aktivistisch-künstlerischen Praktiken geovisueller Wissensproduktion (vgl. Michel 2017) und künstlerisch-kartographischen Reflexionspraxen (vgl. Mesquita 2018; Arbeitsgruppe Kritische Geographien Globaler Ungleichheiten 2018) angeknüpft werden. Auch wenn einige dieser Beiträge an ein Verständnis von »art as mode of critical exploration« (Hawkins 2013: 53) anschließen, scheinen theoretische Perspektiven künstlerisch-kartographischer Forschungspraxis bisher weniger ausgearbeitet zu sein. Die Grundzüge des hier vorgestellten Konzepts knüpfen an zwei Beiträge an, die im Feld der bildenden Künste (vgl. Klein 2018) und der aktivistischen Stadtforschung (vgl. Sachs Olsen/Tödtli 2016) bereits ausgearbeitet wurden. 

Das hieraus entwickelte Konzept versteht kritisches Kartieren als künstlerische Forschungspraxis, die sich erstens einer möglichst systematischen Erfassung und Sammlung der widersprüchlichen Vielfalt sinnlicher und semiotischer Wahrneh-mungsweisen von sozialräumlichen Gegebenheiten widmet. Zweitens fokussiert die Perspektive darauf, wie diese Vielfalt spielerisch-experimentell in eine Kopräsenz gebracht werden kann. Drittens liegt der Blick auf den in spielerisch-experimentel-ler Praxis geschaffenen künstlerischen Re-Imaginationen, in denen die Vielzahl von Wahrnehmungsweisen sozialräumlicher Angelegenheiten erfahrbar gemacht und so-mit potenziell neu gedacht, praktiziert, mitgestaltet werden kann. Relevant für die sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung ist diese Perspektive dann, wenn sie trotz ihrer begrifflichen Komplexität einen praktikablen Zugang bietet, um erkennt-nisbezogene Aspekte kritischen Kartierens beschreib-, analysier- und anwendbarer zu machen. Die Perspektive kann als methodischer Ansatz genutzt werden für wissen-schaftliche und aktivistische Praktiken, die sich mit künstlerischen Mitteln einsetzen für eine partizipatorische, eingreifende, »antizipatorisch utopische Praxis. (Sachs Olsen/Tödtli 2016: 199)

Quelle

Bauer, Lea / Nöthen, Eva 2022: Kritisches Kartieren als künstlerischer Forschungsmodus. In: Dammann, Finn / Michel, Boris (Hg.): Handbuch Kritisches Kartieren . Bielfeld: transcritp, S. 157-168, hier S. 157f.

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beigetragen am 29.09.2025