Inklusion und radikale Heterogenität. Assemblage statt Universalismus

[…] Collage [lässt sich] als eine rhizomatische Perspektive verstehen, die Bilddidaktik und Gestaltungsdidaktik verbindet und eine inklusive Betrachtung von Kunstpädagogik in einem doppelten Sinne ermöglicht. […] Die Collage/Rhizomatik sprengt - formal wie inhaltlich - die Idee des Kunstwerks sowie des Menschen als geschlossene Ein- und Ganzheit und lässt sich in diesem Sinne als theoretische Perspektive auf, sowie als Möglichkeit der konkreten praktischen Umsetzung einer inklussiven Kunstpädagogik verstehen. […]

Insofern mit inklusiver Bildung eine Bildung gemeint ist, die tatsächlich allein zugänglich und zudem subjektiv bedeutsam für die so adressierten Subjekte sein soll, ist nicht davon auszugehen, dass es eine Inklusionspädagogik im Singular geben kann: So würde die Idee einer gleichförmigen inklusiven Bildung und einer entsprechenden Inklusionspädagogik im Singular an ihrem eigenen Universalitätsanspruch scheitern, insofern eine jede Festsetzung eines Universalismus im Sinne eines Propagierens einer „wahrhaft allgemeinen“ Bildung selbst wiederum Exklusionen und Marginalisierungen all jener perpetuieren würde, die einem solchen Entwurf von Inklusionspädagogik nicht zustimmen würden. Auf Basis dieses Gedankens wird in der Theorie der trilemmatischen Inklusion (Boger 2019a) entlang der Theorie und Praxis der Rhizombildung nach Deleuze & Guattari (1977) davon ausgegangen, dass Inklusionspädagogik stets ebenso pluralisch und heterogen zu verhandeln seien, wie die heterogenen Gruppen, an die sie sich richten: keine Einheit und keine Einigkeit kann darüber erzielt werden, was „Inklusion“ bedeutet. Ebenjene definitorische Setzung würde nämlich mit der Behauptung einhergehen, man wisse, was zur Befreiung, Emanzipation oder Partizipation aller dienlich und notwendig sei. […] Sie [die Inklusionspädagogiken] entfalten ihren disziplinären, theoretischen und praktischen Sinn erst als multiperspektivisches Geflecht, das aus unterschiedlichen Topoi, Materialien, Zugangsweisen, (In-)Disziplinen und Praktiken assembliert - oder eben collagiert - werden muss. […]

[Anmerkung der Redaktion: Staab und Boger führen anschließend sechs Prinzipien der Rhizom-Collage-Assemblage an]

Das Potential des Collagierens/Rhizombildens besteht darin, das Hervorbringen inklusiver Thoerien und Praktiken als einen offenen Prozess zu verstehen, der nicht nur auf materialer, sondern auch auf formaler Ebene mit radikaler Heterogenität zu arbeiten weiß.

Quelle

Staab, Lena / Boger, Mai-Anh (2022): 'Schnipp-Schnapp'. Rhizom/Collage als Theorie und Praxis inklusiver Kunstpädagogik. In: Andreas Brenne / Michaela Kaiser (Hg.): "Die Bildung Aller": inklusive Kunstpädagogik. Hannover: Fabrico, S. 217-227, hier S. 217 ff., 226

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Bild: P. K.

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beigetragen am 01.11.2024