Der Bilderatlas Mnemosyne von Aby Warburg als Beispiel für Kartographien und Bildbetrachtung im Kunstunterricht

Der Bilderatlas Mnemosyne von Aby Warburg als Beispiel für
Kartographien und Bildbetrachtung im Kunstunterricht

Praktische Anwendung: Das Moodboard

Aby Warburgs Bilderatlas bietet ein fantastisches Beispiel dafür, wie man im Kunstunterricht über Konstellationen von Bildern oder Bilder von Objekten, Videostils, Perfomances, etc. eine Landkarte oder Mapping zu einem beliebigen Thema erstellen kann, um heterogene Vernetzungen und interdisziplinäre Zusammenhänge aufzudecken. Diese Methodik ist auch im Sinne des „iconic turn“ zu verstehen sowie dem wachsenden Kompetenzbedarf, Bilder und neue Medien als miteinander vernetzt und deren Entstehung in historisch-kulturellen Kontexten wahrzunehmen.
Durch bestimmte Konstellationen können Sinnzusammenhänge und Bezüge der Bilder durch die Zeitgeschichte über Farben, Formen, Materialien, etc. hergestellt oder überhaupt erst sichtbar gemacht werden. Das Prinzip der Karte ist offen und kann ständig verändert oder beliebig transformiert werden.
Warburgs konstellatives Verfahren des Bilderatlas eignet sich daher sehr gut vorbildhaft für den Kunstunterricht, zur Erstellung eines Moodboards, im Sinne einer Karte als Recherchearbeit zu einem beliebigen, vorher bestimmten Thema.
Jede/r Schüler:in könnte, beispielsweise zu Beginn einer thematischen Auseinandersetzung, so ein Moodboard, bestehend aus eigens recherchierten Bildern aus Videos, Zeitungen, Social Media, Pinterest, Internet, google-Bildersuche oder eigenen Fotografien der Schüler:innen im Stadtraum oder in deren Umfeld, Fotoalben, etc. generieren. Zusammenstellen könnten die Schüler:innen ihre Recherchebilder im digitalen Kunstunterricht auf dem Miroboard und im Präsenzunterricht durch ein händisches Verfahren, mit Nadeln oder Tesa auf einer KappaPlatte oder auf einem DinA1 großen Blatt Papier an der Wand. Die Stecknadeln oder der Tesa machen das Verfahren flexibel. Die jeweiligen Bilder können so ver- bzw. geschoben oder angerordnet werden, wie die Schüler:innen diese im Hinblick auf Formen, Farben, und Materialien im Kontext zueinander sehen. Dieses Verfahren bietet die Möglichkeit assoziative Zusammenhänge zu entdecken und so auf unterschiedliche Ideen zu kommen.
Auch die oben beschriebene Lücke zwischen den einzelnen Bildern und das Lückenhafte „Wissen“ wird so verdeutlicht.
Diese Moodboards hätten zwangsläufig einen individuellen Bezug zur Lebens- und Gedankenwelt der einzelnen Schüler:innen, da die/derjenige die Recherchebilder intuitiv sammeln, auswählen und in Bezug zueinander anordnen würde. Vielleicht wären die Schüler:inn selbst überrascht, welche assoziativen thematischen Bezüge sie zu einer bestimmten Auswahl und Zusammenstellung bestimmter Bilder, Materialien, Farben, Formen und Epochen der Bilder etc. leiten würde.
Durch das Erstellen vieler solcher Moodboards oder „Karten“ in einer Klasse, die dann gemeinsam betrachtet, diskutiert und reflektiert werden können, wird ein Thema vielfach aufgefaltet, neu verknüpft und generiert so einen höheren Erkenntnisertrag, welcher wiederum verbunden, vernetzt und reflektiert, wieder zu etwas Neuem werden kann. Dieses Mapping, bietet viel Potenzial, sich einem Thema zu nähern und aus einer individuell bedeutsamen, persönlichen Perspektive heraus viele Ideen für eine weitere künstlerische Auseinandersetzung zu generieren. Ganz im Sinne des Slogans von Guattari und Deleuze:
„Bildet Rhizome und keine Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nichts aus, sondern nehmt Ableger! Seid weder eins noch multipel, seid Mannigfaltigkeiten! Zieht Linien, setzt nie einen Punkt! Geschwindigkeit macht den Punkt zur Linie! Seid schnell, auch im Stillstand! Glückslinie, Hüftlinie, Fluchtlinie. Laßt keinen General in euch aufkommen! Ihr braucht keine richtigen Ideen zu haben, nur habt eine Idee (Godard). Habt kurzlebige Ideen. Macht keine Photos oder Zeichnungen, sondern Karten.“ (Deleuze & Guattari, 1980: 41)


Die Umsetzung einer rhizomatischen Denk-, Vorgehens- und Darstellungsweise im Kunstunterricht, kann also beispielsweise mittels eines Moodboards bzw. Bilderatlas erfolgen.

Auch Aby Warburg entwickelte in seinem Bilderatlas Mnemosyne eine neue Theorie der Kunst- und Kulturgeschichte der Bilder, die sich zwischen Wissen und Phantasma auf unvorhersehbare und fortsetzende Weise, rhizomhaft, bewegt (Schuller 2011). Er ist also ein Beispiel dafür, wie in der Kunstgeschichte rhizomatisch gedacht werden kann. Denn Warburg revolutionierte unser Verständnis von Bildern, indem er sich nicht an linearen Kategorien der Kunstgeschichte orientierte. Für ihn lebten die Bilder in verschiedenen Formen durch die Zeitgeschichte weiter. Daher brachte er etablierte Bilder und Objekte der Kunstgeschichte in bestimmte Konstellation, einen Bilderatlas, so dass man die Beziehung und Zusammenhänge der Bilder studieren kann. Der Bilderatlas an sich ist eine fotografische Installation, bei der es „nicht um das einzelne Bild im Original, sondern um eine Anordnung mehrerer Bildobjekte im Status einer technischen Transformation“ geht (Schuller 2011: 585). Das konstellative Verfahren Warburgs ist offen, endlos und entdeckt die Lücke. „Es geht bei den Bildern und ihrer Anordnung um das Erscheinen eines nicht Gewussten, das, indem es erscheint, allererst denkbar wird.“ (Schuller 2011: 582).

Quelle

Kerstin Grießhaber (2022/2023): Der Bilderatlas Mnemosyne von Aby Warburg als Beispiel für Kartographien und Bildbetrachtung im Kunstunterricht aus einer Hausarbeit von Kerstin Grießhaber zum Wissenschaftsmodul VER_HALTUNGEN im WiSe 2022/2023 an der Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Kunst und Gestaltung, Professur Kunst und ihre Didaktik, Dozentin: Elisa Rufenach-Ruthenberg

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Beispiel einer Kartographie zum Thema „Licht“

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beigetragen am 01.11.2024