Ich bin meine Schuhe
ICH BIN MEINE SCHUHE
Zum Abschluss der Lehrerfortbildungsveranstaltung wurde den Teilnehmern eine weitere Gestaltungsaufgabe gestellt. Anhand der von ihnen im Gestaltungsprozess gefundenen Bildlösungen sollte den Lehrern verdeutlicht werden, dass Kunstunterricht Menschen den Erwerb von Lebenskompetenz ermöglicht, wenn in ihm Aufgaben gestellt werden, die pluralistische Zugangsweisen gewähren und individuell unterschiedliche Voraussetzungen ernst nehmen. Das Arbeits- blatt lautete wie folgt:
Ich bin meine Schuhe
Gehen Sie in Gedanken Ihren Schuhschrank durch.
• Wie viele Schuhe sehen Sie? Was sagt die Anzahl über Sie aus?
• Welche Arten von Schuhen sehen Sie? Was sagt die Art bzw. was sagen die
Arten über Sie aus?
• Welche Schuhe sind für Sie von Bedeutung? Warum? Welche Assoziationen
rufen sie hervor?
• Was sind Ihre liebsten Schuhe? Warum bedeuten Ihnen gerade diese Schuhe viel?
• Was hat Sie zum Kauf bewogen? Wer wollen oder wollten Sie in diesen Schuhen sein?
• Für welchen Anlass haben Sie diese Schuhe besorgt? Haben Sie die Schuhe auch bei dem Anlass getragen? Haben sich Ihre Erwartungen an den Auftritt erfüllt?
• Ziehen Sie Ihre Lieblingsschuhe oft an?
• Welche Erlebnisse verbinden Sie mit diesen Schuhen?
• Welches Image geben Ihnen Ihre Lieblingsschuhe?
• In welcher Stimmung müssen Sie sein, um diese Schuhe zu tragen?
• Sind Ihre liebsten auch Ihre schönsten Schuhe?
• Haben Sie auch Schuhe im Schrank, die Sie nie anziehen? Warum ziehen Sie die Schuhe nicht an?
• Sind die Schuhe unbequem? Warum haben Sie sie dennoch gekauft? Was
sagt der Kauf über Sie aus?
• Sind die Schuhe doch nicht Ihr Stil? Warum passen die Schuhe doch nicht
zu Ihnen?
• Sind die Schuhe zwar »toll«, aber es fehlt Ihnen an Mut, sie zu tragen?
• Sind die Schuhe zwar »toll«, aber es fehlt Ihnen der Anlass, sie zu tragen?
• Warum befinden sich die Schuhe trotzdem noch in Ihrem Schuhschrank?
• Welches Image würden diese Schuhe Ihnen geben?
• Haben sich Ihre Vorlieben für Schuhe im Laufe der Jahre verändert?
• Wie würden Sie sich jetzt fühlen, wenn Sie die Schuhe von damals tragen
würden?
• Könnten Sie sich vorstellen, ganz andere Schuhe zu tragen? Was wäre, wenn
Sie plötzlich Stiefel, Pumps, Ballerinas oder Turnschuhe tragen würden? Wären Sie ein anderer Typ?
• Würden Sie sich andere Schuhe kaufen, wenn Sie mehr Geld oder mehr Mut
hätten?
• Welche Schuhe hätten Sie gern? Was würde in Ihrer Vorstellung passieren,
wenn Sie diese Schuhe hätten und tragen würden?
• Oder aber: Was halten Sie von Menschen, die Schuhen und Kleidung so viel
Aufmerksamkeit widmen? Wie stehen Sie persönlich zu Anziehsachen? Was sollten Ihrer Ansicht nach Auswahlkriterien für Kleidung sein?
Bei Ihrer Darstellung soll es nicht um den Schuh an sich gehen. Vielmehr sollen Sie mit Hilfe des Schuhs Aussagen treffen, über sich und die Welt. Ihre Aussagen sollen dabei persönlicher, aber nicht privatistischer Natur sein. Mit anderen Worten: Machen Sie – in Ihren Bildern – aus persönlicher Perspektive eine die Allgemeinheit betreffende Aussage. Bevor Sie anfangen zu gestalten, rufen Sie sich bitte noch einmal folgende Aspekte ins Gedächtnis:
• Erinnern Sie sich daran, dass der Mensch in Bildern denkt. Auf der Suche nach einem Bildmotiv berücksichtigen Sie ihre Vorstellungsbilder.
• Finden Sie Bildzeichen für Ihr Vorstellungsbild. Geben Sie nicht das vorgestellt Sichtbare wieder, sondern machen Sie sichtbar: Stiften Sie Bedeutung.
• Machen Sie sich bewusst, dass es auf den Bildgehalt ankommt. Bei der Gestaltung kommt das Denken vor dem Handeln. Entwerfen und verwerfen Sie Bildideen, bevor Sie mit dem Gestalten beginnen.
Mit der Aufgabenstellung wurde den Teilnehmern ein Themenfeld vorgegeben. Dieses wurde jedoch so weitläufig präsentiert, dass es vielfältige Zugänge bot und unterschiedliche Fragestellungen und Zielsetzungen bei den einzelnen Personen provozierte. So war es jedem Einzelnem innerhalb der Aufgabenstellung möglich, einen, seinen Bedürfnissen und Interessen entsprechenden, inhaltlichen Zugang zu wählen. Damit wurde die gestellte Aufgabe der Verschiedenheit der Individuen bzw. der Heterogenität in der Lerngruppe gerecht. Sie konnten sich – ihnen selbst entsprechend – bilden. Mit der Aufgabenstellung wurde den Einzelnen auf der einen Seite eigenverantwortliches Handeln ermöglicht, andererseits wurde von ihnen aber auch Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit gefordert. Von ihnen wurde verlangt, selbstbestimmt ihre eigenen Vorstellungen zu reflektieren und individuelle Zielvorstellungen zu entwickeln. Das heißt, dadurch, dass weder der Lösungsweg noch die Lösung vorgezeichnet war, regte die Aufgabe den Einzelnen zum Nachdenken an. Innerhalb der Gruppe entfachte die Aufgabe intensive Gespräche. Durch das eigene Nachdenken und die Diskussion in der Gruppe wurde die Auseinandersetzung mit dem Lernstoff vertieft. Neben dem selbstgesteuerten Arbeitsverhalten wurde den Lehrern auch selbstgesteuertes Leistungsverhalten abverlangt. Sie mussten bzw. konnten ihren Zuwachs von Fertigkeiten, Wissen und Können selbst beeinflussen. Diese Herausforderung, ihr Arbeits- und Leistungsverhalten selbst bestimmen zu können, hat die Teilnehmer motiviert. Sie nahmen die Aufgabe an. Sie wollten ihren Eindrücken bestmöglich Ausdruck verleihen. Dafür nahmen sie die Beratung der Projektleitung und der anderen Teilnehmer rege in Anspruch. Über die von ihnen geforderte Arbeitszeit hinaus haben sie sich ihrer Bildherstellung gewidmet. Individuelle Bildlösungen waren das Ergebnis. Erklärt werden kann das Spektrum der Darstellungsinhalte und der Darstellungsweisen dadurch, dass es sich um eine »echte« Zeichensituation gehandelt hat. Alle Teilnehmer wussten, »dass es nicht um ein ›schönes Bild‹ (was immer das sein mag) geht, sondern darum, alles persönlich und sachlich Wichtige festzuhalten« (Dieck 1998, 12). Deshalb konnte »einer ganz skizzenhaft mit Bleistift einen einzigen Gegenstand umreißen, eine andere dagegen mit Buntstiften eine detailreiche Szenerie ausbreiten« (ebd.).
Da die Teilnehmer sich mit ihren Bildern identifiziert haben, hatten sie großes Interesse, ihre Bilder in der Gruppe vor- und zur Diskussion zu stellen (Abb. 78-91).
Quelle
Marr, Stefanie (2014): Kunstpädagogik in der Praxis, Berlin: transcript Verlag, S. 169-175
