Common Spaces aushandeln
Um zu verdeutlichen, wie sich Common Spaces von öffentlichen Räumen unterscheiden und in welchem Zusammenhang dies mit kulturellen Gewohnheit steht, begann der Einstieg in den neuen Thementeil mit einer Übung auf dem Conceptboard. [...] Hier sollte jeder im Kurs eine individuelle zeichnerische Markierung (z.B. Herz, Stern, Kreis, Spirale...) und Farbe wählen. Anschließend lautete die Aufgabe, in 30 Sekunden mit diesem individuellen Zeichen durch Malen, Schreiben, Kopieren usw. so viel Raum auf dem Board einzunehmen, wie möglich.
Das Ergebnis legte zahlreiche sozialräumliche Praktiken offen: Manche nahmen durch die Markierungen große Bereiche in Anspruch, andere zeichneten ihre Markierungen weitab von allen anderen und nutzten die Unbegrenztheit der Fläche. Die einen konnten aufgrund der Komplexität ihrer Formen nur sehr wenig Raum für sich beanspruchen, andere begannen, die Spuren der Mitschuülerinnen und Mitschüler zu überschreiben. Forderungen nach Regeln wurden formuliert, die ich unkommentiert ließ.
In einer zweiten Runde war der zu beschreibende Raum druch ein Rechteck begrenzt. Alle hatten aus den Erfahrungen des ersten Durchgangs gelernt, welche Strategien sich gut eignen, um in kürzester Zeit möglichst viel Raum einzunehmen. Der begrenzte Platz führte zu mehr Überschreibungen und zum Verlust der Formenvielfalt, da alle möglichst einfache Linien nutzten, um schnell viel Raum für sich zu beanspruchen.
Die Auswertung dieser Übung führte den Kurs mitten hinein in die Diskurse um Aushandlungsprozesse zwischen individuellen und gemeinschaftlichen Interessen, herrschenden Strukturen, die sich durchsetztn, und davon abweichenden, die verschwinden und deren Erhalt durch besondere Maßnahmen gesichert werden müsse.
Diese Erfahrung lässt sich auf die kulturellen Entwicklungen übertragen, denn auch hier zeigen sich ähnliche Phänomene und Verhaltensweisen - wenn es etwa um marktwirtschaftliche Konkurrenzkämpfe geht, in denen kleine Unternehmen durch große geschluckt oder verdrängt werden oder um den Wohnungsmakrt, der bezahlbaren Wohnraum in Großstädten immer knapper werden lässt. Weniger wirtschaftliche, marktkonforme oder dominierende Kulturproduktionen sind somit immer vom Verschwinden bedroht und damit auch die daran geknüpfte kulturelle Vielfalt.
Quelle
Tewes, Johannes (2022): Common Spaces. Räume des Gemeinschaffens verstehen und gestalten. In: Kunst + Unterricht. Zeitschrift für Kunstpädagogik. Heft 461/462: „documenta fifteen – Kulturelle Transfers“, S. 44-51.
