Wissen ist Machen. Zu Latours Akteur-Netzwerk-Theorie
In der Tradition des amerikanischen Pragmatismus stehend, rückten nach der insbesondere durch Wittgenstein vollzogenen linguistischen Wende von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie nicht der »unit act«, intentionale Handlungszusammenhänge bzw. das vorstellende Subjekt einzelner Akteure ins Zentrum des Interesses, sondern die Sinngrundlage sozialer Praktiken (z. B. Brandom 2000: 16; Reckwitz 2003; Schulz-Schaeffer 2010). Gemäß der praxistheoretischen Überzeugung sind soziale Praktiken die »›kleinste Einheit‹ des Sozialen« (Reckwitz 2003: 290). Normen und »Regeln« werden in dieser Theorierichtung in Anlehnung an Wittgenstein als »Praktiken« und lebensweltliche »Gepflogenheiten« (Wittgenstein 1989a: §199, 344) aufgefasst. […]
Was die ANT [Akteur-Netzwerk-Theorie] liefert sind keine transzendentalen Konventionen, sondern Berichte und Beschreibungen (Vgl. Latour 2007: 212ff.). […] Alles, was die Soziologie über die Wirklichkeit der Alltagswelt wissen kann, muss über den Weg des Explizitmachens der faktischen Gepflogenheiten in tatsächlich bestehenden Situationskontexten zurückgeführt werden […].[…]
Mit Latour deutet sich somit in der Wissenschaftstheorie ein Wechsel der Wissenschaftsphilosophie oder Wissenschaftssoziologie hin zu einer Soziologie der Wissenschaftsforschung und Experimentalsysteme an. […]
Die Realität der Objekte zeigt sich im Experimentalsystem in Form von Reaktionstendenzen und Verhaltensdispositionen (Latour 1999a: 118f.). Deswegen wird versucht, die Wissenschaftspraxis in ein performatives Vokabular zu übersetzen, das zum Ausdruck bringen soll, dass die Welt kontinuierlich Dinge »tut«.
Quelle
Holzinger, Markus (2013): Where are the missing practices? Bruno Latours experimentale Metaphysik. In: Zeitschrift für Theoretische Soziologie 1/2013, S. 31-55, hier S. 34, 38f.