Störung hat Vorrang
Spannungsverhältnisse und Widersprüchlichkeiten [...] sind konstitutiv für [künstlerische] Projekte [...] in der Schule. Je stärker ein Projekt versucht, von Kunst aus zu agieren, je stärker es auch auf die Hinterfragung und Veränderung bestehender Strukturen angelegt ist, desto mehr treten sie [die Spannungsverhältnisse und Widersprüchlichkeiten] zutage. ›Kunst‹ und ›Schule‹ sind unterschiedliche Systeme, die nach unterschiedlichen Logiken funktionieren. Dabei ist eines nicht ›freier‹ oder gar besser als das andere – beide sind ihren Systemzwängen und feldspezifischen Handlungslogiken Zielvorstellungen, Ein- und Ausschlussdynamiken und Wertzuschreibungen unterworfen. Wenn innerhalb eines Projekts versucht wird, kunstimmanente Logiken im System Schule wirksam werden zu lassen, so führt dies zu Reibungen, bei denen es daher weniger darum gehen kann, sie aufzulösen, als sie vielmehr als Motor und Gestaltungsmoment in der Arbeit zu begreifen. ›Störung hat Vorrang‹ muss das Motto solcher Projekte sein, da die Eliminierung des Störungspotenzials den Tod der Sache bedeuten würde. Doch wann ist eine Störung einfach nervtötend, weil sie die tausendste Wideraufführung gegenseitiger Voreingenommenheiten zwischen ›Kunst‹ und ›Schule‹ ist, und wann ist sie produktiv im Sinne des Projekts?
Quelle
Mörsch, Carmen (2015): »Störungen haben Vorrang« – Metareflexivität als Arbeitsprin- zip für künstlerisch-edukative Arbeit in Schulen. In: Mission Kulturagenten – Online- publikation des Modellprogramms Kulturagenten für kreative Schulen 2011–2015. URL: http://publikation.kulturagenten-programm.de/detailansicht.html?document= 288&page=reflexion.html, S. 85–91 (29.09.2025)
