Zum Potenzial mimetischer Prozesse
Der mit dem Rätselcharakter eng verknüpften Begriff des Mimetischen führt von der Ästhetischen Theorie auch in das Feld der pädagogischen Anthropologie. Christoph Wulf und Gunter Gebauer haben herausgearbeitet, dass Lern- und Bildungsprozesse überhaupt tief und entscheidend durch mimentische Vorgänge beeinflusst werden und dabei sowohl im Rahmen der Entwicklung von sinnlich-leiblichen und kreativen, aber auch von sozialen, sprachlichen und geistigen Prozessen eine wichtige Bedeutung haben (Vgl. Wulf / Gebauer 1992, 1998; Wulf 2007). Sie seien dabei mehr mit einer performativen und an Ritualisierungen gebundenen Art des Verstehens verknüpft und entziehen sich einem direkten zweckrationalen Zugriff. »Mimesis ist nicht an die Grenzziehung zwischen Kunst, Wissenschaft und Leben gebunden. [...] Mimesis widersetzt sich der harten Subjekt-Objekt-Spaltung ud der Eindeutigkeit des Unterschieds zwischen Sein und Sollen. Zwar enthält sie rationale Elemente, doch diese entziehen sich zweckrationalen Zugriffen und Annäherungen an die Welt. Mimesis ermöglicht es dem Menschen, aus sich herauszutreten, die Außenwelt in die Innenwelt hineinzuholen und die Innenwelt auszudrücken. Sie stellt eine sonst nicht erreichbare Nähe zu den Objekten her und ist daher auch eine notwendige Bedingung von Verstehen« (Wulf / Gebauer 1992:10 f.).
[...] »[...] Ohne Mimesis gelingt verstehen nicht und ist Erfahrung nicht möglich. Mit ihrer HIlfe wird die Welt in Bilder ›übersetzt‹ und in Erinnerung und Vorstellung verfügbar. Ähnlihckeiten zwischen Natur, Gesellschaft und Mensch, zwischen Erwachsenen und Kindern, zwischen außen und innen werden erzeugt. Andererseits kann Mimesis zur Angleichung an Natur und zu einer Assimilierung an eine erstarrte Umwelt führen und Unterwerfung, Entfremdung oder gar Selbstauflösung bewirken« (Wulf / Gebauer 1992: 372).
Quelle
Engel, Birgit (2014): Gemeinsame kreative Potenziale in Kunst und Pädagogik. In: Birgit Engel / Katja Böhme (Hg.): Kunst und Didaktik in Bewegung. Kunstdidaktische Installationen als Professionalisierungsimpuls. Aus der Reihe: Didaktische Logiken des Unbestimmten - eine Materialreihe der Kunstakademie Münster, Band I. München: kopaed. S. 106-151, hier S. 112 f.
