Hüpfendes Denken als paralogische Praxis

Trainieren wir [...] mit dem Hüpfen ein sprunghaftes Denken und Tun jenseits der Gravitationsgesetze grundständiger Wissenschaft?
Ich hüpfe, also erkenne ich einmal anders im Gedankensprung. Das infantile Hüpfen überspringt den erwachsenen Erkenntnisernst. Das Denken hebt ab, gerät aus dem üblichen Gleichgewicht, schwebt im Freien und wenn es wieder runterkommt, ist es anderswo als vorher. [...] [F]remde und eigene Einflüsse führen dazu, dass das Hüpfen, der Gedankensprung, nicht perfekt, sondern mitunter ungeschickt wirkt. [...] Zu einer mittels ihrer Biegsamkeit und ihrer ruhelosen Flexibilität kritischen Praxis wird das Hüpfen aber erst, wenn es sich als ein Weg des Wissens, méthodos, begreift, der nicht nur behauptet, sondern getan wird, der nicht nur fortschreitet, sondern sprunghaft an sein Ziel gelangt. Man sollte nicht nur über das sprunghafte Denken als gedankliche Praxis spekulieren, sondern es auch tun und es dabei als Alternative zu anderen Gangarten des Wissens erproben. Das Hüpfen will praktiziert werden als Para-Logos, als ein verrückter, beflügelnde Logos gegen den schweren Logos des Fortschritts, also gegen die Idee der sukzessiven Schritte der Erkenntnis. Die para-logische Praxis ist das Para-Typing und entsprechend lässt sich von einer verrückten Wissensproduktion als Paralogie sprechen.

Paralogos - verrückter Logos. Die Paralogie leitet sich begrifflich vom griechischen para (neben) und logos (Wort, Verstand) ab. In der Sprachwissenschaft benennt die Paralogie den abweichenden Gebrauch von Wörtern als Vorstufe zu einem Bedeutungswandel. Die Worte werden gleichsam knapp daneben verwendet und das Daneben wird langsam zu einem neuen Kern des Begriffs. In der Psychologie benennt die Paralogie eine durch Psychosen ausgelöste Störung der grammatischen Sprachstruktur, die zur Konfabulation führen kann. Unter Konfabulieren versteht man die Produktion falscher Aussagen oder Erzählungen. Diese beruhen auf Wahrnehmungen, die vom Rest der Welt nicht geteilt werden oder auf einer pathologisch verstandenen Funktion des Gedächtnisses, wenn beispielsweise jemand mehr Informationen aus seinem Gedächtnis abzurufen versucht als dort gespeichert sind. Interessanterweise machen Philosoph*innen, Erfinder*innen, Designer*innen, Künstler*innen in der Praxis des spekulativen Denkens und Gestaltens unterbrochen genau dies: sie konfabulieren, sie holen neue Vorstellungen oder bisher unbedachte Informationen aus sich heraus und fabulieren oder para-typisieren sie für die Welt.
Für den Philosophen Jean François Lyotard bezeichnet die Paralogie eine neu verstandene Wissenschaft. Die paralogische Wissenschaft bringt, so sagt er, nichts Bekanntes, sondern Unbekanntes hervor und sie legt ein Legitimationsmodell nahe, das keineswegs das der besten
Performance ist, sondern der als Paralogie verstandenen Differenz.

[...]

Hüpfendes Denken lässt Schwerkraft, Dilettantismus und Seitenwind den Gedankenverlauf mit beeinflussen. Der Seitenwind ist vielleicht jene Bricolage, mit der Claude Lévi-Strauss versucht hat, das von ihm so genannte wilde Denken zu charakterisieren. Es handelt sich dabei um die Idee, von einer ungeplanten Bastelei aus Bruchstücken von Erfahrungen, Wahrnehmungen, Wertvorstellungen, die collageartig gruppiert und deren Brüche gekonnt nicht mit einer Idee der Konsistenz verschmiert werden. Modelle von dieser Bauart wären eher ein Kompromiss aus Ereignis und Vorwissen, sodass die Wahrheit darin immer wieder verschoben wird.

Paratypen, nicht Prototypen. [...] Paratypen bringen [...] nicht nur Tatsachen hervor, also Sachen, die Taten sind oder Taten, die Sachen sind, sie sind auch spielerische Agenten eines Verhandelns mit anderen Erwartungen, unerwarteten Wirklichkeiten, Objekten und Praktiken. Das aber bedeutet, Paratypen müssen kontinuierlich realisiert werden, um diese spielerische Verhandlung von Vorstellung und Wirklichkeit ins Werk zu setzen.

Quelle

Transkript aus einem Video (Minute 7-16), das im Rahmen des Forschungsprojektes 'Speculative Space' Anke Haarmann's am Forschungs- und Transferzentrum Zentrum für Designforschung an der HAW Hamburg entstanden ist und während der Veranstaltung 'Le petit TV-Show: Bending the Rules – Mending the Rules: Zu den "Standards guter wissenschaftlicher Praxis" in der künstlerischen Forschung' am 23.04.2022 in der Aula Armgartstraße der HAW Hamburg gezeigt worden ist.

Weiterführende Links

Bild

Bild: Le petit TV-Show: Bending the Rules – Mending the Rules: Zu den "Standards guter wissenschaftlicher Praxis" in der künstlerischen Forschung Aufzeichnung der Show vom 23.04.2022 aus der Aula Armgartstraße der HAW Hamburg., https://www.youtube.com/watch?v=-JhsHcJTWtE

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beigetragen am 01.11.2024