Erfinden von Kunstunterricht. Zur Transformation der Rolle von Lehrenden durch künstlerische Forschung
‚Künstlerische Forschung transformiert die Rolle von Kunstlehrenden‘ lautet die These […]. Künstlerische Forschung und Forschendes Studieren sind nicht mit einem einfachen Wissenstransfer von A nach B möglich. In diesem Sinne sind Künstlerische Forschung und Forschendes Studieren nicht lehrbar. Ein Blickwechsel vom Lehren zum Lernen führt zur notwendigen Klärung und Neubestimmung des Begriffs von Lernen als ästhetische Erfahrung und als Erfindung einer Form. Ein aktueller phänomenologischer Lernbegriff rückt den Prozess einer Erfahrung in den Fokus und ermöglicht, diesen als intersubjektives Geschehen zu beschreiben. Es wird aufgezeigt, dass Lehrende und Lernende gleichermaßen im ästhetischen Erfahrungsprozess involviert sind, der durch institutionelle und diskursive bildungsrelevante Strukturprinzipien mitbestimmt wird und dennoch Momente des Unplanbaren enthält. Analogien zwischen einem erweiterten Verständnis von ästhetischer Erfahrung und künstlerischer Forschung führen dazu, eine veränderte Rolle von Lehrkräften im Fach Kunst als Erfinderinnen und Erfinder zu begründen. Ihre Rolle ist es, in selbstexperimenteller Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst ihren Kunstunterricht zu erfinden und zu erforschen. Studentinnen und Studenten lernen dadurch eine forschende Haltung aufzubauen und Gegenwartskunst ästhetisch-künstlerisch zu erkunden. Sie machen eine ästhetische Erfahrung in einem Forschungsfeld und durchlaufen in Bezug zur ihrer selbst ausgewählten künstlerischen Arbeit einen künstlerischen Forschungsprozess, um auf ihre Frage eine Antwort zu entwickeln. Im Studium von Kunstpädagogik geht es um das Aufbauen einer forschenden Haltung durch ein Erfinden und Erforschen von Kunstunterricht.
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Künstlerische Forschung steht für einen Forschungsbereich zwischen Kunst und Wissenschaft und befindet sich noch in einer Phase der Etablierung. Ihre Vorläufer sind die institutionenkritische Kunst und die Konzeptkunst, welche die Werkkunst kritisch befragen und Kunst als kritische kulturelle Praxis verstehen. Sie lehnen den Genie-Status von Künstlerinnen und Künstlern genauso ab wie eine Auratisierung des Werkes. Stattdessen verstehen sie Künstlerinnen und Künstler als Forscher. Auch wenn Künstlerische Forschung nach Haarmann eine „nachdenkliche Methodologie“ entwickelt, ist sie keinesfalls als eine regelgeleitete Methode zu verstehen. Charakteristisch für das Forschen in der Kunst ist, dass die Methode, also Wie etwas erkundet wird, allmählich im Prozess des Forschens entwickelt wird. Erst im Nachgang durch ein Nachvollziehen lässt sich im jeweiligen Einzelfall die künstlerische Methode induktiv erschließen. Künstlerische Forschung wird dadurch nicht beliebig, sondern beansprucht durch eine Inhalt-Form-Beziehung eine Nachvollziehbarkeit ihrer Methode und der entwickelten Einsichten. Dennoch lassen sich einige oftmals wiederkehrende Praxen von künstlerischer Forschung benennen: recherchieren, sammeln, experimentieren, anordnen, installieren, ausstellen, formieren, intervenieren, skizzieren, zeichnen, schreiben und publizieren. Künstlerische Forschung erhebt den Anspruch, mit künstlerischen Praktiken Erkenntnisse im Sinne eines anderen Wissens durch das Erfinden einer Inhalt-Form-Beziehung hervorzubringen. Das Besondere an künstlerischer Forschung ist, dass sie das gängige Verständnis von Wissenschaft nicht nur in Frage stellt, sondern produktiv erweitert. Es geht nicht mehr um die Polarisierung von Kunst und Wissenschaft, sondern um eine Pluralisierung von Wissensformen und Forschungsmethoden.
Quelle
Brohl, Christiane (2021): Erfinden von Kunstunterricht. Zur Transformation der Rolle von Lehrenden durch künstlerische Forschung. In: Martina Ide / KLaus Gereon Beuckers (Hg.) Denkraum Kunstunterricht. Aktuelle Ansätze der Kunstpädagogik / Kunstdidaktik. München: kopaed
