Urbanem Wandel lauschen. Audiowalks entwickeln, am Beispiel Geras.
„Mir ist einfach immer wieder aufgefallen, dass der Eindruck vieler Menschen hier in Weimar ist, hinter Jena hört Thüringen in Richtung Osten auf, spätestens dann am Hermsdorfer Kreuz. Dass da noch Greiz, Altenburg, Meuselwitz, Gera und so ist, ich glaube, das wird immer gerne so ein bisschen übersehen. Und ich finde, dass eigentlich beide Seiten [von so einem Seminar] profitieren können, also sowohl die Stadt Gera als auch die Studierenden, die bei uns hier in Weimar studieren. Mal was anderes kennenlernen außer Mittelthüringen, weil das wirklich sehr unterschiedliche Gegenden sind.“
Dass Gera außerhalb des Blickfeldes vieler Studierender in Weimar liegt, beschäftigt die dort lebende und arbeitende Künstlerin Dr. Grit Ruhland. Aus diesem Grund hat sie im Wintersemester 2025/26 das Bauhaus.Modul „Urbanem Wandel lauschen. Audiowalks entwickeln, am Beispiel Geras“ hier an der Uni in Weimar angeboten. In diesem sollte die Beschäftigung mit der Geschichte und Gegenwart der Stadt Gera mit der Konzeption und Umsetzung eines Audioprojektes verknüpft werden.
Idee
Gera ist eine Stadt mit vielfältiger Transformationsgeschichte. Sie erlangte früh Bekanntheit als Textilstadt und war zur Blütezeit der Stoff- und Tuchindustrie eine der reichsten Städte Deutschlands. Im 19. Jahrhundert galt Gera als Verkehrsknotenpunkt und zu DDR-Zeiten wurde es bis 1990 insbesondere vom dort stattfindenden Uranerzbergbau der SDAG Wismut im nahegelegenen Ronneburg geprägt. Nach der Wende und damit einhergehenden Abwicklung der Wismut sank die Einwohnerzahl um knapp ein Drittel auf heute circa 95.000 Bewohner*innen.
Die Auseinandersetzung mit dieser Transformationsgeschichte aus verschiedenen Perspektiven und Fachbereichen stand im Zentrum dieses Bauhaus.Moduls.
Lehrende
Grit Ruhland studierte in Dresden Freie Kunst und beschäftigt sich schon lange mit der Geschichte der Landschaft um Gera. Sie promovierte an der Uni Weimar zu den Folgen des Uranbergbaus auf die Landschaft um Gera und Ronneburg. Seit 2024 ist sie hier auch künstlerische Mitarbeiterin am Lehrstuhl Kunst und ihre Didaktik. Parallel arbeitet sie im Kulturhaus Häselburg e.V. in Gera, wo sie im Programm LOKAL kooperative Verbindungen zwischen Akteur*innen aus dem Kulturbereich und aus anderen Bereichen aufbaut. Die Idee, dieses Modul anzubieten kam unter anderem auch daher, ihre Lehrtätigkeit an der Bauhaus-Uni mit ihrem Engagement in Gera zu verknüpfen.
Umsetzung
Da die von ihr geplante Struktur für das Modul zunächst aus terminlichen Gründen nicht umsetzbar war, plante sie mit den fünf Teilnehmenden des Moduls die Struktur gemeinschaftlich um. So wurde aus einer geplanten Exkursionswoche drei einzelne Exkursionen mit individuellen Terminen. Die erste dieser Exkursionen führte die Gruppe nach Gera Süd. Nach der Theorie der Soundscapes des Komponisten und Klangforschers R. Murray Schafer führte die Gruppe hier Soundwalks durch. Diese beruhen auf der vorrangigen Erkundung einer Gegend mit den Ohren. Den zweiten Exkursionstag verbrachte die Gruppe in Gera Bieblach, erschloss sich den Stadtteil durch Spaziergänge und Kontakt zum Stadtteilbüro Bieblach-Ost. In der dritten Exkursion besuchte die Gruppe das Stadtarchiv Gera, um individuell nach Interesse historische Dokumente zu einzelnen Themen zu suchen. Zwischen diese Exkursionen kam die Gruppe regelmäßig zusammen und diskutierte die Projektvorhaben der Studierenden. Die kleine Zusammensetzung der Gruppe ermöglichte dabei eine individuelle Betreuung durch die Lehrende mit künstlerischer Offenheit. So entstanden Projekte zur Textilgeschichte der Stadt, zur deren Baugeschichte, zum Thema Farben der Stadt und ein Projekt, das sich Gera von einer emotionalen Perspektive genähert hat. Gemein ist diesen Projekten, dass alle am Ende einen Audiobeitrag produziert haben.
Eine große Bereicherung sieht Grit Ruhland in der Multidisziplinarität der Studierenden, die aus den Fakultäten Architektur und Urbanistik, Kunst und Gestaltung, und Medien kamen. Das Format der Bauhaus.Module empfindet sie als besonders geeignet, um einen solchen Austausch der Perspektiven zu ermöglichen:
„Ich wollte das eben explizit als Bauhaus.Modul anbieten. Weil, ich habe gedacht, das ist DIE Chance, diese vielfältige Transformationsgeschichte und -gegenwart einfach aus verschiedenen Perspektiven anzugucken. Und das hat sich auch wirklich als wertvoll erwiesen. Ich glaube, es haben alle voneinander profitiert.“
Fazit
Gera hat viel mit Fremdzuschreibungen zu kämpfen, findet Grit Ruhland. Daher ist die Vielfalt der Perspektiven, aus denen sich die Studierenden der Stadt und ihrer vielfältigen Geschichte genähert haben, besonders wichtig. Denn diese kann niemals nur aus einem Blickwinkel betrachtet werden. Schlussendlich konnte also auch die in Gera geborene, und in einem Dorf in der Nähe lebende und arbeitende Dozentin von den Forschungen der Studierenden profitieren und ihren persönlichen Blick auf die Stadt erweitern.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Interviews mit der Lehrenden des Moduls.
Titel: Urbanem Wandel lauschen. Audiowalks entwickeln, am Beispiel Geras.
Lehrende: Dr. Grit Ruhland (KG)
Semester: Wintersemester 2025/26





